Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 87 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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denstcn Seiten beleuchten und die teilweise bis zu den entgegengesetzten Anschauungen kommen. So spricht J. Koralnik auf Grund seiner Erhebungen im Osten, „daß man auch bei nur gleicher Tuberkulosesterblichkeit bei Juden und Nichtjuden geradezu von einer Immunität der christlichen Bevölkerung gegen Tuberkulose sprechen müßte". Koralnik belegt auch diese seine Ansicht mit gewichtigen Zahlen. Nun muß man aber bedenken, daß diese Zahlen aus einer ganz unglücklichen Zeit stammen, der Kriegs- und Nachkriegszeit, die wie so vieles auch hier alle Grundlagen eines Vergleiches zunichte gemacht haben. Es ergibt sich z. B. daraus für Warschau, daß, wenn man die Sterblichkeit an Tuberkulose für 1916 bei Juden und Nichtjuden gleich 100 setzt, die Sterblichkeit 1917 bei Juden 187, bei Nichtjuden 148, und 1918 132 bzw. 127 betrug, d. h. bei den Juden höher war. Aehnliches ergab sich für Krakau und andere Städte. Der Verfasser schließt daraus, daß es für die Juden nicht nur keine absolute, sondern auch keine relative Immunität gibt. Das stimmt an und für sich mit den eigenen Ergebnissen überein und ist auf Grund der früher gemachten Erörterungen verständlich, die in der oben angegebenen Arbeit dahin zusammengefaßt waren: „Ungünstige äußere Verhältnisse bedingen wie bei allen Menschen auch bei den Juden erhöhte Tuberkuloseerkrankung und -Sterblichkeit." Der Grad dieser verschlechternden Bedingungen ist gar nicht mehr statistisch festzulegen. Gegenüber den schwersten Katastrophen versagt eben jeglicher Schutz, mit Ausnahme des geistigen. Es mag daran erinnert werden, daß das erste Auftreten der Tuberkulose z. B. bei den Negern, denen diese „Segnung" neben anderen von den kultivierten Staaten gebracht wurde, geradezu verheerende Opfer forderte. Allerdings waren die Neger, bei denen diese Krankheit zum ersten Male auftrat, nicht irgendwie immunisatorisch darauf vorbereitet, während man besonders nach der Fishbergschen Theorie annimmt, daß die Juden durch die Jahrhunderte hindurch einen solchen Schutz sich erworben hätten, daß die Schwachen im Laufe der Jahrhunderte ausgesiebt worden seien, so daß sich ein anlagemäßiger Schutz allmählich fixiert habe. Bemerkenswert gegenüber dieser pessimistischen Auffassung Koralniks ist seine eigene interessante Angabe, daß sich die TuberkulosesterblichkeitsVerhältnisse bei den Juden in guten Zeiten rascher bessern als bei der umgebenden Be- 87