Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 2 (März-April 1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- Seite 84 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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klären sie geradezu als „die Krankheit des Proletariats", d. h. schlechte Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse bilden die Hauptursache der Entstehung. Eine besonders interessante Untersuchung verdanken wir Wolff-Berlin, der nachweisen konnte, daß entgegen der allgemeinen Ansicht die Industriestaaten eine wesentlich geringere Tuberkulosesterblichkeit aufweisen als die Agrarstaaten. Ueber die Konstitution, diesen wesentlichen Faktor in der Krankheitsentstehung, wird dabei bemerkt, daß er nicht die ausschlaggebende Rolle spielen könne: es ist nicht anzunehmen, daß „etwa die ländliche Bevölkerung Bayerns konstitutionell hinter der Industriebevölkerung Sachsens zurücksteht und deshalb mehr als diese zur Erkrankung an Tuberkulose disponiert ist." Der Grund liegt in der größeren Zugänglichkeit der Industriebevölkerung für hygienische Maßnahmen, in der guten Fürsorge, von der auch Gebrauch gemacht wird im Gegensalz zum ärmeren Landvolk, wo die Neucinführung von Maßnahmen auf größeren Widerstand stößt, ganz abgesehen von dem Aberglauben, der oft hindernd im Wege steht. Dazu kommt schließlich die Sozialversicherung der Arbeiter einschließlich der Familienversicherung im Gegensatz zum Land. Dadurch werden die großen Schäden, die das Leben in der Stadt mit sich bringt, wenigstens zum Teil ausgeglichen. Wolff weist darauf hin, daß bei der wohlhabenderen Landbevölkerung die Tuberkulosesterblichkeit niedrig ist. Ohne auf Einzelheiten dieses interessanten Problems einzugehen, können wir uns die Tatsache zu eigen machen, daß die Sorge um den Gefährdeten von ausschlaggebender Bedeutung in der Tuberkulosebekämpfung ist. Neben der Verschaffung von Lebensmitteln usw. ist die Kontrolle der Wohnung und die, fast möchte man sagen rücksichtslose hygienische Sanierung das Allerwichtigste. Dazu gehört vor allem ein tüchtiges geschultes und geschicktes Heer von Sozialpflegerinnen, die taktvoll und energisch zugleich die Maßnahmen des Fürsorgearztes durchführen. Mit Fürsorgestellen allein ist es nicht getan und erst recht nicht, wenn diese erst eingreifen, wenn bei einem Familienmitglied eine offene Tuberkulose festgestellt ist. Die häusliche Fürsorge muß sich auf alle unterstützten Familien wahllos erstrecken. Dann werden die Fürsorgerinnen nicht als Kontrollorgane angesehen, denen man mit Mißtrauen begegnet. Betrachten wir unter diesen allgemeinen Gesichtspunkten die Tuberkulose bei den Juden, oder stellen wir 84