Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Journal
- Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege
- Volume
- 1 (1929)
- Issue
- 1 (Januar-Februar 1929)
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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in der Freiheit auszuüben und sich durch seine Arbeit zu ernähren. Aber schon in den Fürsorgeerziehungsanstalten und in den Erziehungsheimen ist es mit der Berufsausbildung im allgemeinen recht schlecht bestellt, geschweige in den Strafanstalten. Kein Wunder, daß der Strafvollzug und daß auch die Fürsorgeerziehung in so hohem Maße versagt haben. Aber wenn einzelne Kriminologen daraus den Schluß ziehen zu sollen glauben, daß eine Besserung höchst unwahrscheinlich, um nicht zu sagen unmöglich, ist, so scheint mir dies nicht zutreffend: wenn die bisherigen Methoden versagt haben, so will dies keineswegs bedeuten, daß alle Methoden versagen müssen. Und damit werden wir wiederum auf die Frage nach der Möglichkeit einer Umbildung der Charakterstruktur geführt, eine Frage, die keineswegs nur für das hier umschriebene Problem von Bedeutung ist, die vielmehr auch andere Fragen, etwa die Neurosenbehandlung berührt. Ihre Beantwortung wird davon abhängen, wie wir, vom psychologischen Standpunkt aus, die Asozialität auffassen. Hier scheint mir nun die neuere Psychologie wertvolle Einsichten vermittelt zu haben; dabei denke ich in erster Linie an die Freudsche Psychoanalyse und an die Adlersche Individualpsychologie. Zwischen beiden besteht ein ganz prinzipieller Unterschied: die Psychoanalyse will kausal forschende Naturwissenschaft sein, die Individualpsychologie hingegen stellt den finalen Gesichtspunkt in den Vordergrund, die Psychoanalyse geht aus von einzelnen Trieben und Triebkomponenten, die Individualpsychologie hingegen von der unteilbaren Einheit der zweckgerichteten Persönlichkeit, die Psychoanalyse will erklären, die Individualpsychologie will verstehen. Beiden gemeinsam hingegen ist die Vorstellung, daß der Charakter des Menschen, die konkrete, sich im Leben zeigende Gestalt weitgehendst bedingt ist durch Außenwelteinflüsse, besonders durch Einflüsse, die in der frühesten Kindheit eingewirkt haben; dabei vertritt die Individualpsychologie diesen Standpunkt in konsequenterer und radikalerer Weise. Auch sie leugnet nicht — und kann nicht leugnen — die Tatsache der Vererbung und der ange- 12