Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5682 - 1921/22
- Article
- Heinrich Heine in seinem Verhältnis zu Mutter und Schwester
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 272 (sequence 3)
- Language
- German
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nen und hoffend. Neues fällt nicht vor — gottlob! Ich gehöre schon zu den Menschen, die zufrieden sind, wenn die Zachen beim Alten bleiben. Jede Veränderung und der Spektakel ist mir zuwider, daran siehst Du, daß ich alt geworden bin. Seit etwa sechs Monat fühle ich eine ungeheure Müdigkeit des Geistes, und wie Alt Fratze sagt: die Lhuschem nehmen ab! Dieses aber ist ein vorübergehender Zustand, ich weiß es wohl: eine Folge großer Aufregungen, wie ich denn leider seit acht Jahren in einer passionierten Gemütsstimmung verbracht. Meine Frau führt sich gottlob sehr gut auf. Sie ist ein kreuzbraves, ehrliches, gutes Geschöpf, ohne Falsch und Böswilligkeit. Leider aber ist ihr Temperament sehr ungestüm, ihre Laune nicht gleich, und sie irritiert mich manchmal mehr als mir heilsam ist. Ich bin ihr noch immer mit tiefster Seele zugetan, sie ist noch immer mein innigstes Lebensbedürfnis — aber das wird doch einmal aufhören, wie alle menschlichen Empfindungen mit der Zeit aufhören, und diesem Zeitpunkt sehe ich mit Grauen entgegen. Ich werde alsdann nur die Launenlast empfinden ohne die erleichternde Sympathie. — Zu andern Stunden quält mich die Angst vor der hülflosigkeit und Ratlosigkeit meiner Frau im Fall ich stürbe; denn sie ist unerfahren und ratlos wie ein dreijähriges Rind! Du siehst, liebe Mutter, wie meine Nöten im 272