Soncino-Blätter
- Journal
- Soncino-Blätter
- Volume
- I. Band 1925-1926
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 199 (sequence 218)
- Language
- German
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AUS EINEM BRIEFE JOHN LOCKES 1 VON PROF. DR. GOTTHOLD >VEIL, BERLIN Im Jahre 1675 war John Lockender weltgewandte englifche Philofoph und Verfafler des Essay concerning human understanding, nach Frankreich gegangen, um feine angegriffene Gcfundhcit zu kräftigen. Nachdem er zuerft in Montpellier etwas abgefchloflcn gelebt hatte, benutzte er feinen Aufenthalt in Paris eifrigft dazu, um neue Bekanntfehaften zu fchließen und einen Kreis von Menfchen um fich zu fammeln, mit deren Hilfe es ihm möglich war, tieferen Einblick in das Leben des Volkes, unlei dem er lebte, zu tun und auch wilfenfchaftliche Anregungen zu erhalten. Eine dermarkanteften Figuren aus diefemPariferFreundeskreife Lockes war der nur um drei Jahre ältere Akademiker Nicolaus Toinard (Thoynard), der fich als Sprach- und Bibelforfchcr einen Namen gemacht hatte1. Seine erft nach feinem Tode veröffentlichteEvangclicnharmonic enthält eine auch heute noch benutzbare Konkordanz der gricchifchen Evangelien, und feine Arbeiten über antike Münzen und Infchriften zeugen von feiner ausgebreiteten Kenntnis auf diefem Spezialgebiet. Ks mag in diefem Zufammcnhange intereflieren zu erfahren, daß er im Jahre 1664 auch eine Interpretatio nummi rabbinici prope Aurelianos in-. venti geschrieben, d.h. eine hebräifche in der Nähe feiner Heimatftadt Orleans gefundene hebräifche Medaille wiflenfchaftlichbehandelthat.DicHauptleiftung diefes Gelehrten lag jedoch nicht in feiner wifienfehaftlichen Produktion, die gegenüber dem, was er hätte leiften können, fo gering war,, daß Clericus annimmt, daß er eine gewifle Hemmung in diefer Beziehung gehabt habe2, fondern in feinem großen präfenten WhTcn, das er allen bercitwilligft zur Verfügung Hellte. So erklärt es fich, daß Locke in Paris fich gerade an ihn eng anfehloß, und daß gerade Toinard es war, von dem es ihm recht fchwer fiel fich zu trennen, als es galt Frankreich wieder zu verlaflenT Zu Beginn des Jahres 1679, als fein hoher Gönner, der frühere Lordkanzler und dann in Ungnade gefallene Shaftcsbury von neuem zu Macht gekommen und Präfidcnt des Conscils geworden war, rief er auch feinen vertrauten Freund John Locke wieder-in die Heimat zurück. Schon unterwegs,- von Calais aus, verfichertc diefer Toinard brieflich feiner Treue und Anhänglichkeit, und kurze Zeit nach feiner Ankunft in England fehrieb er ihm eincReihe von Briefen, in denen er den Freund an all dem vielen Neuen aus der gelehrten Welt, das er in London gehört hatte, teilnehmen ließr Befondcrs die zwei Wochen der Muße, die er vom 4-18. Juni im Haufe von Thomas Stringcr, dem Sekretär Shaftesburys, in Bexwells in Essex zubringen durfte, benutzte Locke eifrig zum Briefcfchreiben3. Von dort fandtc er auch an feinen Freund Toinard unter dem 6. Juni 1679 ein ausführliches Schreiben, berichtete von seinen perfönlichen Nöten und gelehrten Dingen und befprach darin auf zwölf Zeilen auch einige Publikationen aus dem Gebiete der rabbinifchen Literatur, die, foweit ich fehc, von den Freunden und gelehrten Kennern der jüdilchcn Literatur bisher noch nicht beachtet worden lind. Es dürfte daher gerechtfertigt erfcheinen, wcnn^ch~diefcdie Judaica behandelnde Stelle eben diefes Briefes, der jüngft in den Belitz der Preußifchen Staatsbibliothek in Berlin übergegangen iit, im