Soncino-Blätter
- Journal
- Soncino-Blätter
- Volume
- I. Band 1925-1926
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 85)
- Language
- German
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»den Weg« erfährt, »wo das Licht wohnt«. Für deriandern aber gibt es keine Herstellung, denn er ist unvermögend, den Schöpfer, seine Macht und seinen Dienst zu betrachten, und sich selber sieht er als einen Ge«- rechten — wie soll er da umkehren? —1 4. Vom wissenden Nichtwissen »Hätten sie doch mich verlassen«, spricht Gott, »und meine Lehre be* wahrt 1« Das ist so zu verstehn: Der Endsinn des Wissens ist, daß wir nicht wissen können. Aber es gibt zwei Gattungen des Nichtwissens. Das eine ist das alsbaldige: dieser hebt gar nicht an zu forschen und zu er« kennen, weil zu wissen ja doch unmöglich ist. Der andre forscht und sucht, bis er erkennt, daß man nicht wissen kann. Und der Unterschied zwischen beiden, wem ist das Ding zu vergleichen? Zweien, die den König kennen zu lernen begehren. Der eine betritt alle Gemächer des Königs, er erfreut sich an des Königs Schätzen und Prunkhallen, und darnach erfährt er, daß er den König nicht kennen lernen kann. Der andre aber sagt sich, da es nicht möglich sei, den König kennen zu lernen, wolle er nicht erst eintreten, sondern sich alsbald mit dem Nichtkennen bescheiden. Daraus ist zu verstehn, was jenes WortGottes bedeutet: Sie haben mich verlassen, das ist, sie haben es auf* gegeben,mich zu erkennen, weil es nicht möglich sei; aber hätten sie mich doch verlassen aus Forschen und Erkennen, dieweil sie meine Lehre bewahrtenl 5. Zweierlei Glauben Warum sagen wir: »Unser Gott und Gott unsrer Väter«? Es gibt zwei Arten, von Menschen, <lie an Gott glauben. Der eine glaubt, weil es ihm so von seinen Vätern überliefert ist; dennoch aber ist sein Glaube stark. Der andre ist durch das Forschen zum Glauben gekommen. Der Unters schied zwischen ihnen ist dieser: Des ersten Vorzug ist, daß sein Glaube nicht erschültertwerden kann, wie vielen Widersprucn^nah auch vorbringt: sein Glaube ist fest, weil er ihn von den Vätern übernahm. Aber ein Mangel ist in ihm: Daß sein Glaube nur ein Menschengebot ist, erlernt ohne Sinn undjVerstand. Des zweiten Vorzug ist, daß er, der den Schöpfer durch großes Forschen erkannte, glaubend und liebend im starken Sinn der Erkenntnis steht. Aber auch in ihm ist ein Mangel: Daß sein Glaube durch wider* sprechenden Beweis leichterhand zu erschüttern ist. Wer aber beide Eigen* schatten vereinigt, dem ist keiner überlegen. Darum sprechen wir: »Unser Gott«, unsrer Forschung halber, und »Gott unsrer Väter«, um unsrer Über* lieferungwillen.Ebensoistgedeutetworden,daß wirsagen: »Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jacobs«, nicht aber sagen wir: »Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs«: — es wird damit bekräftigt: Isaak und Jakob stützten sich nicht auf Abrahams Überlieferung, sondern selber suchten sie die Gottheit. 71