Soncino-Blätter
- Journal
- Soncino-Blätter
- Volume
- I. Band 1925-1926
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 10)
- Language
- German
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So hieß es vokjahren im »Ostjüdischen Antlitz«; tragen wir heute aller* hand nach. Der Jude als Leser ist ohne Vorurteile^ kühn und dankbar für Entdeckungen; alle neuen Geister in Deutschland, Wagner, Nietzsche und George eingeschlossen waren daher für Juden schon dat als sie den TJeutschen noch unterhalb des Horizontes standen. Da sie ein sprechen* des Volk sind, aber kein Volk von Philologen, Sprachliebhaber,'nicht Ehe* ^gatten'der Sprache, gaben sie sich den Kühnheiten und Waghalsigkeiten jeder Moderne gern hinrda seit Sturm und Drang jede Moderne in Deutsch*— land auf Spracndurchbruch und Worterfrischung steht; und was Geist anlangt, so ist den Juden die Vergeistigungder Welt beinah gleichbedeutend mit Verheimatlichung — so sehr ist der machtloseste und-gewaltloseste der menschlichen Stämme auf die menschliche Anstrengung angewiesen* die Erde urbar zu machen auch zwischen den leidenschaftstrunkenen Völkern----So ist. der Jude als Leser allen zukunftbereitenden Kräften hingegeben und in fast allen Sprachen des Westens und Rußlands gleich bereit, die literarischen Kräfte zu stützen wie die^wissenschaftlichen. Trost und Kraft zient der Jude aus dem Buch, Kraft und treue Gefolgschaft das Buch aus dem Juden Die vierte, erdballumhüllende Dimension, die des Geistigen, die verbindet und nur gemißbraucht trennt — Eingänge in sie münden bei jedem guten Buch, das aufgeschlagen wird. Und die guten Bücher sind den Juden lieber als die schlechten, die bleibenden lieber als die vergänglichen — so paradox das heutzutage klingt... Lesen also trägt den Juden hinein in die dauernde Welt; aber eigentümlich und sehr oft zerstörend wirkt es darum auf seine Haltung zur tathaften, zum Dasein mit Menschen. Denn das Buch ist kein Gegenstand, selbst kein erlesener, wie. Möbel oder Kleider. Das Buch hat wirkende dämo* nische Macht wie nur nochfclie Waffe. Es ist eine Liebeisbindung zwischen Buch und gutem Leser, eine Rauschkraft geht aus vom Buche, betäubend^ und verzaubernd wie der Rausch von Opiaten, nur geistiger, positives, unverdächtiger, darum gefährlicher. Wer-von Büchern träumt, meint: Frauen, das wissen die Psychologen, und das ist Aussage über alle drei über Buch, Frau und Träumer. Ein Schrank voller Bücher ist für manche Natur ein Harem voll geistiger Ausschweifungen, und die Tyrannei der Verführung schläft in ihm. - . _ v . '. ■ Mag das ein Einwand sein gegen Buch und Lesen. Aber ist es einer? Das Leben ohne Gefahr und Hingenommenheit, ohne Rausch und Gift — 4; '; ■;:, /; v ■•• ' ' : ■ ^—* ■ -M-—.ik.''. ■ ';; * k .'• >';. ■..'■^r~-