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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-05-01 · 5 (1.5.1938) · p. Seite 10

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
5 (1.5.1938)
Date
1938-05-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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flinliiithw Mr dl« in M«lwi/NMJd«»*nM»id 1.MM im M. Jfcrg^Nr. S Ueber Scholem Alejchem Von Dr. SALLY RAB1NO WITZ Humor liegt nicht in den Dingen, sondern in der seelischen Struktur des Betrachters. Darum wurde Mendele Mocher Sforim, der Maskii, der aufklären und bessern wollte, tum Satiriker, dessen Lachen von Bitterkeit erfüllt ist. Scholem Alejchem, bei dem Milieu und Stoffgebiet die gleichen sind wie bei Mendele, ist Humorist um des Humors willen, ohne Absicht, ohne Tendenz, ohne jede Moral von der Geschieht*. In ihm pulst das subjektive Gefühlsleben, das zum Humor gehört, durch dieses Organ hindurch sieht und hört er seine jüdische Umwelt und gibt sie in völliger romantischer Naivität wieder. Sein Humor ist nur Beobachtung; nichts ist erklügelt oder auf Wirkung berechnet. In seinem Werk ist nichts von mise en scene, keine Architektur, kein Beleuchtungseffekt, keine qualmige Stimmung, nichts von Intellektualität oder Phantastik oder Allegorie. Der jüdische Alltag spricht, seine Gestalten strotzen von Leben, und aus jedem Winkel, sei er auch von Leid und Kummer verdunkelt, quillt befreiendes Lachen. Hatte Scholem Alejchem in einer der Weltsprachen geschrieben, er wäre der größte Humorist der Weltliteratur, dem die großen Humoristen von Sterne und Dickens bis auf Mark Twain nicht das Wasser reichen können. Der jüdische Alltag, sagten wir, spiegelt sich in seinem Werk oder richtiger: die beiden jüdischen Alltage seiner Zeit. Denn während der einigen dreißig Jahre seines;Schaffens hat das Leben des Ghettos in Rußland eine bedeutsame Aenderung durchgemacht. Die wirtschaftliche Entwicklung Rußlands brachte Eisenbahnen, brachte industriellen Kapitalismus, Börsenspiel und Großstadtbetrieb. Lebte der Jude in dem kleinen Städtchen noch das ganze seit Jahrhunderten überlieferte jüdische Leben unberührt von der modernen Kultur weiter, so gebar die wachsende Großstadt den uns nur zu gut bekannten Luftmenschen, den Typ des tragischen Juden, der im verwirrenden Betrieb zugleich komisch, ist. So haben wir in Scholem Alejchems Werk mit zwei Schar plätzen zu tun, mit Kasriliwke, dem Sammelnamen für das kleine verschlafene Städtchen, und mit Jehupez, das ist Kiew, die inbrünstig geliebte und gehaßte Großstadt, die ebenso gut an der Riviera oder in Amerika liegen kann. Und so geboren alle seine Figuren, wie sie auch heißen mögen, dem einen oder dem anderen Typ an — sie sind entweder Menachem Mendel oder Tewje. Menachem Mendel und Tewje der Milchiger, diese stärksten Kontraste, sind eigentlich die beiden Grundelemente des ostjüdischen Charakters. Menachem Mendel, der typische Luftmens<h, ohne festen Boden unter den Füßen, Hans Dampf in allen Gassen, mit lohender Begeisterung täglich neuen Geschäften hingegeben, die wie Seifenblasen aufschillern und zerplatzen, Luftschloßarchitekt, Millionenträumer und ewiger Schnorrer, dabei von unverwüstlichem Optimismus und nicht abstellbarer Geschäftigkeit — das ist der eine Typ. Ihm gegenüber steht Tewje der Milchiger, mit seiner herzigen Einfalt, seinem jüdischen Stolz, seiner Verwurzeltheit mit Weib und Kind und Heim und Städtchen und seiner jüdischen Welt, mit seiner gutmütigen Ironie, seinem Lächeln auch unter Tränen und seinem unerschütterlichen Gam-su-letowa-Glauben. Menachem Mendel, das ist der Wochentagsjude; er bedeutet schon Auflösung, Schmelzprozeß, Substanzverlust. Tewje, und all die anderen Tewje-Gestalten, mögen sie nun der rote Berel heißen („Mit der Etappe“) oder Motel Pejsse dem Chasens oder Schimen-Elje, der verzauberte Schneider oder Reb Jojsifel —- das ist der alte Ostjude mit der „jontewdigen“ Seele des klugen und naiven Volksmenschen. Scholem Alejchem brauchte nichts weiter, als diese beiden Typen zu beobachten, und zu beschreiben, wie an ihren Flächen das Licht des Alltags sich in tausend schillernden Humoren brach. Ja, er brauchte nur «ich selbst zu schildern, denn er war Menachem Mendel und Tewje in einer Person. Dieser Scholem ben Menachem Nochum Rabinowitsch hat in den nur 57 Jahren seines Darwins beider Lehen gelebt. Hauslehrer ist er gewesen und Kronrabbiner, Kapitalist und Börsenspekulant, Verleger und Versicherung*- agent, reisender Vortrag^ünstler und Theatermensch, zweimal war er reich und verarmte zweimal und hat sich doch in diesem wilden Auf und Ab seine „jontewdige“ Seele gewahrt und die Weisheit des Kindes, die Weisheit nämlich: nicht weise zu sein. Darum konnte er als einziger in der jiddischen Literatur auch Kindergeschichten schreiben und Tiergeschichten, von jüdischen Kiodern und jüdischen Tieren, wie Rawtschik der Hund und Messuschelach das Pferd, und die volle Köstlichkeit und Naivetät der Kreatur einfangen, die im Morgentau der jungen Schöpfung spielt. Mit diesem durchdringenden Kinderblick sieht er das Leben um sich und gibt es wieder, oder eigentlich, er erzählt nicht: er laßt seine Gestalten reden. Sie reden und reden, wie eben nur Ostjuden sich das Herz ausreden: in einer Hast, daß dem Hörer die Sinne vergehen, oder mit sachlicher Gelassenheit, mit Zitaten aus dem jüdischen Schrifttum illustriert, mit Beispielen aus der Geschichte oder aus dem Leben der Nachbarn, umständlich und weitschweifig, vom Hundertsten ins Tausendste kommend, und voll von seltsamen Assoziationen. Das alles fließt dahin ohne künstlerische Absicht, aber jedes Wort löst tiefquellenden Frohsinn aus, vom verständnisinnigen Schmunzeln bis zum lauten Auflachen, und man wird nicht satt, er wiederholt sich nicht und schwächt sich nicht ab — von welchem anderen Humoristen möchte man solches sagen können? Allerdings, einen Bundesgenossen hat er, dieser Scholem Alejchem, und das ist die jiddische Sprache. Dieses beziehnngsreiche, mit uralten geistigen Essenzen getränkte Idiom ist schon im Munde des einfachen Mannes eine Köstlichkeit, um wieviel mehr dann, wenn so ein unerhörter Sprachkönner wie er es meistert. Was diese Sprache vermag, hierfür nur ein kleines Beispiel. „Der Mensch denkt — Gott lenkt“: das ist ein Sprichwort, sprachliches Kleingeld, abgegriffen schon und an gedanklichem Feingehalt nicht gerade erschütternd, in der Prägung der Antithese ziemlich weich und verschwommen. Im Jiddischen heißt dasselbe Wort: „Der Mensch tracht — Gott lacht.“ Das ist kein Sprichwort mehr, sondern eine Weltanschauung. So «kondensiert Scholem Alejchems Sprache einen Gedanken und Wäfdie-Ausfiöttungen MARGARETE FLATER Berlin W 15, Xantener Str. 4,1 * Fernsprecher; 921342 -N Karlsbader Wasserzwieback für fede DUU Pottpakei mit tOO großen Seheiben franko RM. i- Goldsdieidcr, Bevttn-Chariottenburg 4 Schillersfr. 60 — Stammhaus Karlsbad^ GEBRÜDER KASSNER Berlin W57 SaiowslroS« 6 KflfiDCI Berlin W 57 I Besitzwechsel - Vermittlung aäer Art Fabriken, Engrosand Dctail- QeschAfle besorgt überall Im Reich PAUL CROHN/ BcrUn-Halenscc /Inge Harkgrmf-Albndit-Str.hr Tel. Ol Ol SO bote and Anfragen erbeten/ I Familienuuseigen Für die mir so zahlreich erwiesenen Aufmerksamkeiten und Beweist der Liebe aus Anlaß meinet TB. Geburtstages 8preche idi auf diesem Wege meinen verbindliduten Dank ans. Im April litt Kohlhökerstr. JfillsAes FaAgesAlft Jo«tor Bedarf anApporoten für «ton Arzt I Spcl : MMm-l EhUra-Ml IcSrf Auwu4mr-B«r»taa« < Aaiad Twfcaaf Röntaan-Ing. Kurt Marcus« N4, CkaouMstr.3 « T«I.<42606S ftripmithat iCharakfcrtfcnfai IwinSrllt-»«■rteniH, i wiaaenach. Meth. durch WUHPI I Berlin W M, Lntheratr. 7 -8, m I ZiUn« ron RM i.- auf Postam Konto Berlin Mr. 1M«0 1 Am 15. April ist unsere geliebte Mutter, Schwiegermütter und Großmutter, Frau Dons Jacobs wlcz gab. Hammerschmidt im 73. Lebensjahre sanft entschlafen. Im Namen der Hinterbliebenen Hefau facobowtcs ■all. 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