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Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland · 1938-04-01 · 4 (1.4.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für die Synagogen-Gemeinden in Preussen und Norddeutschland
Volume
16 (1938)
Issue
4 (1.4.1938)
Date
1938-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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FÜR OIE SYNAGOGEN-GEMEtNDEN IN PREUSSEN UNO NORDDEUTSCHLAND —n—n~~n—■Tnnrn~~^ i '•'mm /9 3 X JÜDISCHES GENEiMDHBLAIT Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Überwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet. Nr. 4 Berlin, 1. April 1938 16. Jahrgang Herausgeber: Preußischer Landesverband jüdischer Gemeinden iHe ttk&tnde Hoitd Cg. Es gibt ein Glück, das'wehtut. Davon wissen ein Lied zu singen alle die Eltern, die heute — in dieser Zeit des Neuwerdens, des Umbauens und der mit alledem verbundenen Ungewißheit — das Glück haben, ihre Kinder auf einem gesicherten Arbeitsplatz und im Bereiche beruflicher Aufstiegsmöglichkeiten zu wissen, und die doch an den bevorstehen, den beiden Sederabenden sich allein werden zu Tisch setzen müssen, weil die sicheren nnd aussichtsreichen ■ Arbeitspläne ihrer Kinder in einem, oft sogar in mehreren, auf verschiedenen Kontinenten liegenden Zielländern unserer alles umfassenden Auswanderungen bewegung sich befinden. Und es gibt eine Sorge, über die auch ein noch so köstliches Glück der Stunde nicht hinwegzuhelfen vermag. Daran werden denken alle diejenigen, die im altgewohnten trauten Beieinandersein an den Sederabenden dieses Jahr noch mit ihren Kindern um den häuslichen Tisch sitzen, gemeinsam die alten Lieder singen, bis sie an die Stelle gelangen: „Im kommenden Jahre in ... .“ und hier vielleicht, eben noch dem stillen Glück der Familienfeier hingegeben, verzagend abbrechen, nicht so sehr wegen der Möglichkeit, daß sie vielleicht im nächsten. Jahre schon getrennt sein könnten, als vielmehr wegen der Sorge, o b überhaupt ein Weg zu irgendeinem Ziel für ihre Kinder sich auftun wird, sei es nun das Heilige Land, sei es eines der andern Länder, dahin unablässig der Strom unserer Auswanderer sich drängt, so stark sich drängt, daß es fast scheint, als habe er beim Hineinströmen sich, selbst die Turin zugeschlagen. Wie es einst, bei einem großen. Theaterbrande, geschah: die Türen hatten ihre Oeffnungsrichtung nach innen, das Publikum aber drängte panikartig nach außen, so daß durch dan Druck der Nachdrängenden die Vordersten die Türen nicht öffnen konnten und alle lebendig verbrennen mußten; es existiert seither die Vorschrift: in allen öffentlichen Gebäuden müssen sich die Türen nach außen öffnen, so daß eine herausströmende Menge sie auf stößt. Wie aber, wenn eine Menge hinein strömen wollte? Sie schlüge sich selber die Tore zu. Ganz so arg liegt es mit unseren Einwanderungsmöglichkeiten in der Welt nun glücklicherweise nicht, aber auch wenn dies Gleichnis nur annähernd mit der Wirklichkeit übereinstimmt, besteht Grand genug, daß alle diejenigen, die durch die Notwendigkeiten dieser Zeit von ihren Kindern getrennt werden, klarsichtig erkennen, daß es so gut und -richtig ist und daß sieh glücklich zu preisen hat, wer um die Zukunft seiner Kinder nicht mehr zu bangen braucht. " * Sprechen wir von Auswanderangsmöglicbkeiten, so gilt unser erster Gedanke Palästina. Der bisherige High Commissioner Sir Arthur Wauchope bat im vergangenen Monat den lang angekündigten Abschied von seinem Posten genommen; seine letzte öffentliche Rede war die bei der Eröffnung des neuen Passagierhafens in Tel Aviv. Denkt man daran, welche Anlässe vor 20 Monaten zum Beginn des Hafenbaues geführt haben — Ereignisse, die in ihrer Tendenz gegen den jüdischen Palästina-Aufbau gerichtet waren’ — so ist dieser Ausgang sicherlich geeignet, auch den Verzagenden wieder mit Hoffnung zu erfüllen. Der neue High Commissioner Sir Harold MacMichael, der inzwischen sein Amt angetreten hat, erblickt nach eigener Erklärung seine vordringlichste Aufgabe darin, im Heiligen Lande den Frieden zwischen den einzelnen Bevölkerungsteilen wiederherzustellen. Es wird keinen rechtlich denkenden Menschen geben, der ihn nicht hierin unterstützen möchte. Aber Frieden und Ordnung können niemals Selbstzweck seii^ sie bilden die unerläßlichen Voraussetzungen für jedes gedeihliche Leben, und die Hauptfrage für uns Juden ist also die, wieweit uns in dem hoffentlich bald befriedeten Palästina Lebensraum gewährt wird. Das Zionistische Aktionskomitee, das seit dem vorjährigen Züricher Zionistenkongrcß zum ersten Male wieder in London unter der Leitung Ussrschkins versammelt war, und ebenso das in London unter dem Vorsitz von W e i z m a n n versammelt gewesene Administrative Committee der J e w i s h Agency haben sich mit dem Stand-d r Palästina-Politik eingehend beschäftigt; in dir Frage des Teilungsplanes boten die jüdischen Körperschaften etwa das gleiche Bild wie im vorigen Jahre, in Zürich, und auch die britischeRegierung beharrt noch auf ihrem damaligen Standpunkt; jeden- (Fortsetzung auf Seite 2) Jüdische Wirklichkeit Von ERNST FÜRSTENTHAL Wohl der entscheidendste Augenblick im Leben eines jeden Menschen ist der, wenn er die engen Schulstuben verläßt, innerlich und äußerlich, und plötzlich der weiten unübersehbaren Wirklichkeit ge'genübersteht, deren Dasein ibn bisher nicht kümmerte und von der er nur durch mehr öder weniger wahre Bücher oder durch die Seufzer seiner Eltern oder deren Hoffnungszwiegespräch wußte. Dies gilt für jedes Kind, auch für das jüdische Kind unserer Tage, trotzdem sich ihm durch die oft schmerzlichen Schicksale seiner nächsten Umgebung die Wirklichkeit schon verhältnismäßig früh aufgedrängt hat; denn glaubt ja nicht, daß es hierdurch die Wirklichkeit kennen und ernst zu nehmen gelernt hat. Spielend, im wahrsten Sinne des Wortes, überwindet es sie, man hat es ja noch nicht mit Verantwortung belastet, und es vermag deshalb tro.tz allem unbeschwert dahin zu leben und den Tatsachen instinktiv auszuweichen, um seine zarte Jugend an der Rauhheit der Zeit nicht zu verletzen, und wendet sich ihr nur zu, wenn sie ein freundliches Gesicht zeigt.. Und so kommt es, daß auch die jüdische 'Jugend unserer Tage, wenn sie die engen Schulstuben verläßt, innerlich^ und äußerlich, und der Wirklichkeit gegenüber steht, diese mit nichtwissenden neugierigen Blicken furchtlos vertrauend betrachtet nnd überzeugt ist, daß sie von ihr geliebt werde nnd ihr der Weg gebahnt wird zu Glück und Erfolg trotz aller besonderen Schwierigkeiten, die sie als jüdische Menschen erwartet, d. b. trotzdem ihr viele Berufe, zu denen sie - innerlich hindrängt, verschlossen sind und trogdetn sie nicht weiß, wo sie einst wirken und schaffen wird. So war es immer,” und so ' wird es auch immer sein, solange es eine Jugend gibt. Die Wirklichkeit ist von seiten der jüdischen Jugend bei ihrem Eintritt ins praktische Leben also kein Problem. Sie ist es nur anf Seiten der Erwachsenen, die sich verantwortlich : fühlen - für die - Zukunft ihrer Kinder, und dieses Problem scheint heute unlösbarer denn je zu sein. Zwischen Eltern und Kindern ist der Schicksalsfaden abgerissen, der ihr Dasein miteinander verband, die jüdische Zukunftswirklichkeit der Kinder scheint ein ganz anderes Gepräge annehmen zu wollen, als die GegenwartsWirklichkeit es zeigt — sowohl materiell als auch kulturell. Darum stehen die Eltern zumeist mit leeren Händen und ratlos am Wege, der ihre Kinder ins Leben führt, und weil dem so ist, seit vielen Jahren, wenn jüdische Kinder die engen Schulstuben verlassen, ist es notwendig, immer wieder zu fragen, ob es tatsächlich für den Juden von heute keine Wirklichkeit mehr gibt, die ihm den Blick weitet in die Zukunft hinein, und so Generation mit Generation verbindet. Um diese Frage lösen zu können, müssen wir uns zunächst klar tu werden versuchen, was Wirklichkeit an sich und was jüdische Wirklichkeit im Besonderen ist. Wir werden dann sehen, daß die Beantwortung dieser Frage zugleich die Nebel zerreißt, die das Ziel unserer Zukunft, das Ziel unserer Kinder dicht verschleiern. Wirklichkeit ist sichtbares ^Wirken einer Idee. Wo ist das Wirken einer jüdischen Idee zu erkennen? ^Israels werthafte Leistung in der Weh der Gola ist unsichtbar, darum nicht volle Weltwirklichkeit. Israel ist stumm in der Welt... Das einzigartige Ethos seines ■religiösen Innenlebens, wie es in voller Schönheit in seinem Hause, Synagoge und seinen ’Jeschiwot lebt, bleibt im- Verborgene» .... Selbst der weltliehen Leistung des Juden, liege sie auf dem Gebiet der Kultur, der Technik oder der Politik,'bleibt in der Gola die Sichtbarkeit als jüdische Leistung versagt.“ (Dr. A. Altmann in der Monatszeitschrift des ■Misracki „Zion“ 9. Jahrg. Nr. 6.) Dieses verborgene jüdische Geisteslieht ist selbst im Herzen vieler hunderttausend*Judäa während' der fast 2000 Jahre, da sie als Volk wehrlos, unbegrenzt verstreut, keine National-

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