Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 6 (1.6.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Halle, Bremen, Nordwestdeutschland, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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f-lfY berliner Aquarellen hervortritt, die auf einer- Ausstellung vortrefflich ihren Mann stehen. Die ' Plastik ist diesmal bescheidener. Aber das Gesamtbild wird dadurch nicht gestört. Es liefert einen geradezu beglückenden Beweis, daß unsere jüdischen Künstler trotz allen Schwierigkeiten mit voller, froher Kraft am JVerke sind. Ausblick auf die Wirtschaft In ihrem konjunkturellen Aufstiege ist die Weltwirtschaft zu einem Hochstande gelangt, den man noch vor einem Jahre nicht erhofft und vor allem nicht in so kurzer Zeit für erreichbar gehalten hat. Wie gewöhnlich, geht freilich dieser Aufstieg nicht ohne Rückschläge vor sich'. Spekulative Übersteigerungen der Preisbewegung, hervorgerufen durch das so plötzlich in Erscheinung getretene Mißverhältnis zwischen der stark erhöhten Nachfrage und dem Angebot, das mit ihr nicht gleichen - Schritt halten konnte, haben an den internationalen Rohstoffmärkten und insbesondere auch an den internationalen Effektenmärkten heftige Schwankungen hervorgerufen. Aber' es handelte sich stets nur um Reaktionen auf allzu schnelle und allzu starke Preissteigerungen, keineswegs etwa um einen grundsätzlichen Tendenzumschwung. Das zeigt am deutlichsten die jüngste Entwicklung an den Weltmetallmärkten. Hier folgte auf die starke Abschwächung der Preise gleich wieder ein neuer, wenn auch in langsamerem Tempo sich vollziehender Preisaufstieg. Er fußte nunmehr weniger auf spekulativen Antriebskräften als vielmehr auf der * Reobachtung, daß sich infolge der weiter zunehmenden Nachfrage nach Metallen die Vorräte abermals verminderten, wie das insbesondere die Weltkupferstatistik erkennen ließ. Ebenso wie am Weltmetallmarkt haben auch an den anderen internationalen Rohstoff- und Warenmärkten die Aufschwungstendenzen die Oberhand behalten. Das zeigt z. B. die feste Haltung der Wollmärkte, der anderen Textilmärkte und ganz besonders des Eisenmarkts. Auch an den meisten internationalen Effektenbörsen hat sich nach den verschiedenen „schwarzen Tagen“ eine Erholung und neue Aufwärtsbewegung durchgesetzt. Rückschläge wie die oben erwähnten pflegen zu einer Bereinigung der Märkte und damit zu ihrer Gesundung zu führen. In einer Hinsicht unterscheidet sich der gegenwärtige weltwirtschaftliche Konjunkturaufschwung von den früheren: die Auftriebskräfte bleiben nicht mehr unkontrolliert. Vielmehr wird in den meisten Ländern von den Regierungen heute eine Eindämmung und Lenkung der Konjunktur versucht. Wir beobachten diese Versuche vor allem in den Vereinigten Staaten. Ziel der Wirtschaftspolitik des Präsidenten Roosevelt ist es offensichtlich, den allzu schnellen Aufstieg der Preise zu bremsen. Das ist drüben um so notwendiger, als ja die Abwertung des Dollar» zweifellos sehr viel "zu dem großen, nach oben gerichteten Tendenzumschwung der Weltwirtschaft beigetragen hat. Im Mittelpunkt der öffentlichen Erörterung steht daher in den Vereinigten Staaten zurzeit die Frage einer leichten Wiederaufwertung des Dollars. Man hofft, hierdurch die Preissteigerungen erfolgreicher abbremsen und die Preisbewegung besser kontrollieren zu können. Ob es freilich möglich ist, durch Währungsmaßnahmen die Konjunktur bald nach oben bald nach unten in Bewegung zu setzen, scharfe Konjunktur- \ Schwankungen zu verhindern und so schließlich die Konjunktur nach Belieben zu lenken, wird sich erst erweisen müssen. Jn Deutschland ist bekanntlich eine -Stabilisierung des Preisniveaus auf den Binnenmärkten bereits durchgeführt. -Die Tatsache, daß im letzten halben Jahre, also in der Zeit der großen Weltmarkthausse, die Indexziffer der deutschen Großhandelspreise nur um 1,3 Prozent gestiegen ist, zeigt, daß die Inlandspreise stabil geblieben sind, und daß es darüber hinaus, wie das Institut für -Konjunkturforschung in seinem letzten Halbjahresbericht feststellte, gelungen ist, auch die vom Auslande hereindrängenden Preisauftriebstendenzen wesentlich zu mildern. Vor allem ist ein Übergreifen des Preisaufstiegs an den Weltmärkten auf die „inlandsbestimmten“ Preise verhindert worden. Das Mittel hierzu ist bekanntlich eine systematische Preisüberwachung, deren Ausgangspunkt und Stütze die bekannte Preisstopverordnung ist. Die erhöhte Nachfrage nach Produktionswie nach Verbrauchsgütern hat freilich auch eine Knappheit an manchen Rohstoffen hervorgerufen, die sich in der Hauptsache auf ausländische Rohstoffe erstreckt, aber, wie das Konjunkturinstitut berichtete, in gewissem, wenn auch wesentlich geringerem Umfange nuch auf inländische Waren übergegriffen hat. Auf die wichtigen Aufgaben, die auf dem Gebiete der fachlichen Ausbildung der Jugendlichen zu leisten - sind, hat der Reichswirtschaftsminister Dr.,,Schacht in einer vielbeachteten Rede hingewiesen. Er forderte für den handwerklichen und kaufmännischen Nachwuchs eine Ausbildung in theoretischen Lehrgängen wie im praktischen Betriebe und kündigte ein neues umfassendes Gesetz über die fachliche und berufliche Ausbildung in Handel und Gewerbe an. Auch die Bedeutung einer allgemeinen Berufsberatung und einer systematischen Berufslenkung wurde von Dr. Schacht betont. Für -die in Deutschland ansässigen Juden sind diese Probleme der Berufsausbildung deswegen ganz besonders lebenswichtig, weil der größte Teil der heranwaebsenden jüdischen Jugendlichen die in einer geordneten Berufsausbildung erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten künftig im Auslande wird verwenden müssen. Nichts anderes als eine solche gründliche berufliche Ausbildung können ja heute jüdische Eltern ihren auswandernden Kindern mitgeben. In einer Zeit aber, in der die fachliche Ausbildung so nachdrücklich als die wichtigste Grundlage sowohl des Aufstiegs der Wirtschaft als auch .der Zukunftsaussichten des wirtschaftenden Einzelmenschen anerkannt wird, ist die zielbewußte Fürsorge der jüdischen Gemeinden und Zentralorganisationen für geeignete Ausbildungsmöglichkeiten ganz besonders wertvoll und unentbehrlich. Dr. H. N. Chronik des jüdischen Lebens Die letzten Wochen haben eine — selbst im Rahmen der ganzen jetzt für uns so krisenreichen. Zeit — ungewöhnliche Fülle von bewegenden Ereignissen gebracht; genauer gesprochen: keine große Anzahl, dafür aber einige wenige Ereignisse -von ungewöhnlicher Bedeutung und Tragweite. Vor allem haben sich unsere Augen und unsere Herzen nach Polen gerichtet; die Schreckenszenen von Brest-Litowsk erwecken nicht nur unser ganzes Mitgefühl mit unseren Brüdern im Osten,. sondern sie erhellen uns zugleich auch den Blick für die politische Gesamtsituation der polnischen Judenheit. Polen ist in mancher Beziehung als übervölkertes Land anzusehen, und — so gewiß es Ist, daß man für das Verbrechen des einen jüdischen Schlächters, der sich zur Tötung des polnischen Polizeibeamten hinreißen ließ, nicht die jüdische Gesamtheit verantwortlich machen kann — so wissen wir doch zu gut aus der gesamten vielhundertjährigen jüdischen Geschichte, daß krisenhafte Zustände in einem Lande sich allzu oft gegen die Juden auszuwirken pflegen; muß ein großer Teil der polnischen Landbevölkerung ln die Städte wandern, und sitzt in den städtischen Berufen ein gewisser Prozentsatz Juden, nun so wird nicht gefragt, mit welchem durch jahrhundertelanges Dortsein erworbenen Heimatrecht die Juden dort wohnen und wie sie dem Lande genützt haben, sondern die nationalpolnische Bevölkerung macht ihr Recht als das weitergehende den polnischen Juden gegenüber geltend. Das ist, auf eine kurze Formel gebracht, der Tatbestand, der allen Einzelvorgängen in Brest, in den Arzte- und andern Berufsorganisationen, an den Hochschulen und in der polnischen Innenpolitik, zugrunde ‘ liegt. Die Situation ist seelisch und materiell gleich schwierig, denn es gilt, nicht nur alle zur Verfügung stehenden rechtlichen Argumente in die Wagschale zu werfen, sondern zugleich auch die tatsächlichen Verhältnisse und Entwicklungen zu erkennen. Und da gibt es, seltsam genug, einen Punkt, in dem — bei gänzlich anderen Rechtsauffassungen und Verfahrensmethoden — die polnischen Wünsche und das jüdische Interesse einander begegnen. Fast dreieinhalb Millionen Juden in Polen, die vor vier Jahren noch eine halbe - Million zählenden Juden in Deutschland, ungezählte Tausende von Juden in andern europäischen Ländern suchen Neuland, und — der High Commissioner in Palästina hat für die vier Monat» April bis Juli 1937 statt der auf -Grund vorjähriger Zahlen erwarteten tl 000 nur 770 Einwanderungszertifikate bewilligt! Der Wanderungsdrang der europäischen Juden aber ist schließlich kein launischer Einfall der allzu vergnügungssüchtigen und reiselustigen Juden; er . ist tief begründet in der gesamteuropäischen Situation und ist mithin nicht nur ein jüdisches, sondern auch ein europäisches Problem. Liegen die Dinge nun so, daß den Arabern in und außerhalb Palästinas — wie ihr Verhalten am Krönungstag des englischen Königs, am Geburtstag Mohammeds und ihre vielfachen Verlautbarungen beweisen — selbst die 770 Zertifikate noch zu viel erscheinen. So ist es, angesichts des Dunkels, das noch immer über dem Bericht der „Königlichen Kommission“, über den englischen „Teilungs-“ oder „Kantonisieruögs“-Absichten sowie über allen sonstigen englischen Plänen in bezug auf Palästina herrscht, sicher nicht ohne geschichtsbildende Wirkung, daß die polnische Regierung — so wenig die Juden sich auch ihren Argumenten werden anschließen wollen — die Schaffung jüdischer 7