Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 15 (1937)
- Issue
- 4 (1.4.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Tilsit, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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FÜR DIE GEHENDEN FKEVSSBtS VERWALTUNGSBLATT DES PREUSSISCHEN LANDESVERBANDES JÜDISCHER GEMEINDEN 15. Jahrgang Berlin, den 1. April 1937 'Nr. 4 Erinnern! Von Rabbiner Dr. Lothar Rothschild, Saarbrücken. L Peßach ist Wanderungserinnerung, im Erinnern liegt das Rezept der Erhaltung, und die Wanderung — nicht des Einzelnen, sondern der Gemeinschaft — hat ein doppeltes Ziel: sie ist zunächst Reise zu sich selbst und dann erst zu dem Land. So wie sie Mizrajim verlassen haben, hätten sie Kanaan nicht erobern k&nnen. Ihnen fehlte das beschwingende Bewußtsein von der Sendung, ihnen mangelte der beseligende Idealismus eines großen Werkes, sie sahen nur den grauen Alltag mit seinem Druck und strebten nach einem Leben, das sie nicht als Sklaven sah. Diese Generation war großenteils vom Negativen her angetrieben und darum brauchte sie die Läuterung, die die vierzig Jahre der Wanderung für sie bedeuteten. Sie waren noch nicht zu sich gewandert, also konnten sie .auch.noch nicht in das Land wandern, das Gott Urnen verheißen hatte. Sie machten es Mose reichlich schwer, als sie sahen, daß er nicht erfüllte, was sie von ihm erwarteten, daß er sie nicht in ein Land führte,, in dem in buchstäblichem Sinne MHch und Honig flössen. Das war die Generation, die gerne nach Ägypten zurück wollte, weil es dort besser zu essen gab als jetzt in der Wüste. II. Wanderung also zu uns, zum Judentum, zur Erinnerung und somit zur Verbindung mit den Generationen, die gleichzeitig mit uns und die vor uns Peßach gefeiert haben im Bewußtsein der Güte Gottes, die uns trotz der Trübe des Geschicks leuchtet. „Hätte er uns nur diese Wohltat getan, wäre es schon genug gewesen, aber nein....“ Er gab uns noch mehr, so steigert sich unser dankbares Bewußtsein bis zu dem höchsten Ausdruck jüdischen Gebets, und in diesem geschichtserfüllten Moment sind wir wirklich überzeugt, daß „jede Seele lobet Gott“. IIL Auch wfr loben ihn. Denn auch uns lehrte er wieder wandern. Die Notwendigkeit, wandern zu müssen, hat manchen von uns erst zu uns geführt, zur jüdischen Überlieferung und ru den anderen Werten unserer Seele. Man hat früher diese Wand erungsnotwendigk eit des Judenschiduals gern verkannt. Vor mir liegt eine Predigt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, als man sich seßhaft fühlte und keinerlei persönliche. Verpflichtung zu dieser Wanddrungsnotwendigkeit, die däs Judensctdcktal lehrt, verspürte. Da konnte man rühig allegorftieten,' da sprach man von der fröhlichen Wanderschaft des Lebens, and dachte an das Wandern des Menschen vom Leben znm Tod. vom Begif® bis zuth Ende dieser Pilgerschaft auf Erdett. Daß wir.ein Wandervolk sind, bezog man nicht auf die Gegenwart. -Wir hätten es ja auch nicht getan, .weiui wir nicht müßten, wenn ans nicht die Zeit, darauf gestoßen hätte, : Wir dürfen es aber auch' nicht so auffassen, als ob Jeder Jude immer den Wandferstab bereithalten sollte, sondern nnr das fordert.die, Schrift, daß wir uns erinnern, daß unser Erzvater ein .wandernder Aramäer war, und daß wir alle uns so betrachten sollen, als wären wir mit aus Ägypten gezogen, genau , wie wir uns so fühlen sollen, als ob wir am Sinai dabei'ge- wesen wären, um die Verpflichtung einzugehen, den Sinn der dort verkündeten Religion jederzeit nnd überall durch das Leben zu bewahrheiten. IV. Die Rückkehr zum Judentum wird vor der Rückkehr ins Judenland gefordert. Der Weg in die Wüste wird schließlich zu einem Weg zu uns und dann zu einem Weg ins Heilige Land. Der Weg zu uns ist vielen unserer Denker wichtig gewesen, die von der „Belebung der Herzen“ . sprachen, denn. ohne eine solche innere vertiefte Bewegung kann der Aufbau unseres Landes nicht jüdisch sein und wäre dann auch nicht die Erlösung, die mit dem ’ Gedanken des Peßachfestes so eng züsammenhängt. Wir' f müssen uns mit der Belebung .der Herzen beeilen, damit der Weg ins Land nicht vor dem Weg ins Judentum erfolgt. Oft geht es heute rascher als mancher ahnt; oft sagt einer gedankenlos „Im kommenden Jahr in Jerusalem!“ und versäumt die Vorbereitungszeit- Ein anderer aber ist oft so weit, zu wünschen: „Noch dieses Jahr in Jerusalem 1“ und langsam arbeitende Bürokratie verhindert ihn an der Erfüllung seines Wunsches, zu der er genügend vorgebildet wäre. ” . V. r Wenn auch manchmal die Frage nach der wahren Tiefe des jüdischen Erlebnisses unter den Juden unserer . Zeit und besonders unseres Kreises. nur mit Skepsis und Vorsicht beantwortet werden kann; s«heb wir üiit'Frfcude » und Stolz an der heranwach senden Jugend die Bewußtheitdes Weges über die Belebung der Herzen, der recht tiele von ihnen zu tätigem Mitwirken am Aufbau des Landes Gemeinde - Mitteilungen: Magdeburg . . . Duisburg . . Bremen . . . . . Tilsit . . ,V. . ij:. Halle ■. c . .■ ' Thfiringen . . Stettin _ . . Seite 11 I ... „ : ■, ir ... .."»Jjft*. ■.1