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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1937-01-01 · 1 (1.1.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Tilsit, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Stettin und Pommern) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
15 (1937)
Issue
1 (1.1.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Tilsit, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Stettin und Pommern)
Date
1937-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Großeltern und Eltern; seine männlichen Vorfahren waren alle der Reihe nach Gemeindevorsitzende, er selber ist es also bereits in der vierten Generation. Und er zeigt mir an den einzelnen Abschnitten dieses terrassenförmig angelegten Friedhofs die verschiedenen Epochen seiner Gemeinde, wie sie wuchs und wie sie manchmal auch stagnierte. Hier die Gräber aus der napoleonischen Zeit, weiter oben noch frühere, und von hier bis dort sind es zweihundert Jahrei Und dann liest man einen Namen, der aus der jüdischen Haskalah-Literatur bekannt ist: Wessely. Hartwig Wessely, der glühende Vorkämpfer sowohl für moderne Aufklärung wie auch für die Erneuerung der hebräischen Sprache, Zeit- und Streitgenosse Moses Mendelssohns, ist 1805 in Hamburg gestorben, geboren war er 1725 in Kopenhagen — woher aber stammte sein Vater, aus Bleicherode? Dann müßte, der Jahreszahl nach, der hier Begrabene ein Bruder seines Vaters gewesen sein, von diesem Haus des Lebens führt, wie von allen jüdischen Friedhöfen ein Weg in die Welt und in die Geisteswelt des Judentums. Andere Steine, andere Namen: ein Universitätsprofessor aus Schweden, längst Mitglied einer anderen Religionsgemeinschaft, besuchte hier kürzlich das Grab seines Urgroßvaters. Seltsam: führt wirklich ein Weg vom jüdischen Friedhof zu Bleicherode nach Schweden? Seltsame Frage, seltsame Antwort — doch zuvor sei noch ein anderer Friedhof besucht. Weit, weit von seiner zugehörigen Gemeinde liegt auch er; von Stralsund fährst du viele Kilometer eine Straße parallel der Küste und dann, nördlich abbiegend, auf ein gräfliches Gut. Dort liegt, mitten innerhalb ländlichen Privatbesitzes, ein alter Judenfriedhof. Kein Gitter grenzt ihn von dem übrigen Teil des Waldes ab, in dem er liegt; verwitterte Steine zwischen hohen Buchen und breiten Eichen, — und wenige Schritte weiter das Ufer des Strela-Arms. Auf dessen anderer Seite liegt Rügen, grün und hell; und du hörst das Donnern des Schnellzuges, der über Saßnitz nach Schweden fährt. Also wieder Beziehung auf dies Land im Norden — was will es von uns? Wir denken heut an andere Länder: Nordamerika, Brasilien, Argentinien, Südafrika, Australien und, selbstverständlich, Palästina. Dort sind unsere Lieben, vielfach unsere Liebsteu: die Kinder. Und endlos der Zug der Wanderer, der, mit der Bahn und zu Schiff, mit geringer Habe und zu unsicherer, neuer Zukunft in jene Länder sich ergießt. Das erfüllt unsere Gedanken, denn es ist unser Erleben. Ja, es ist unser jüdisches Erleben, uns Heutigen neu, aber nicht neu dem Judentum. Denn: folge nur dem Zug der Gedanken, die dich heute nach Norden führen wollen — es sind seltsame Erkenntnisse und es ist köstlicher Trost, was deiner harrt. Im Jahre 1932 hatte ich amtlich in Stockholm zu tun. Bei meiner Abreise schenkte mir Dr. Arthur Fürstenberg, der Leibarzt des schwedischen Königs und Vorsitzende der Stockholmer Jüdischen Gemeinde — er ist gerade jetzt, im Dezember 1936, siebzigjährig verstorben — im Aufträge des dortigen jüdischen Gemeindevorstandes ein kostbares Buch: „Gamla Judiska Gravplatser i Stockholm"; es enthält zur Hauptsache: Photographien von Grabsteinen, Texte von Grabinschriften und das vollständige Register aller auf den alten Stockholmer Judenfriedhöfen Aronsberg und Kronoberg begrabenen Personen, etwa von 1772 bis ungefähr 1890. Manchem wird solch ein Buch „langweilig“ scheinen: Bilder von Gräbern; Grabschriften; und dann, viele Seiten lang und in winzigstem Druck: Namen, Daten, Orte. Aber was für Namen?, es sind jüdische. Und was für Orte und Daten? Fangen wir von rückwärts an: die in der Mitte und in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in Stockholm Gestorbenen sind meist auch in Stockholm geboren. Aber dann, von der Jahrhundertmitte rückwärts bis zu den ältesten Stockholmer Judengräbern — welche Geburtsorte lesen wir? Kleine und kleinste Flecken aus Deutschland, freilich auch große Städte wie Hamburg, Altona, Danzig, Frankfurt. Aber das sind nur wenige; weit öfter lesen wir: Schwerin, Schwaan (Meckl.), Penzlin (Meckl.), Landsberg (Warthe), Stolp (jetzt: Grenzmark), Prenzlau, Rosenberg (Schles.), und da sind auch Zülz (Schlesien), Bleich e r o d e (Harz), Stralsund. Man muß es sich zu vergegenwärtigen suchen, was diese Ortsnamen hier auf den Gräbern zu Stockholm an jüdischer Wirklichkeit in sich schließen! Heute fährst du mit dem Schnellzug und unter Benutzung der Eisenbahnfähre zweiundzwanzig Stunden von Berlin in schnurgerader Linie nach Norden und bist dann in Stockholm; aber damals? Wochenlange Fahrt auf kümmerlichem Gefährt von Schlesien oder Westfalen, dann war man erst in Berlin oder Hamburg oder Wismar, und von dort weiter waren es Monate! Lag nicht also Stockholm unseren Vorfahren weiter fort als uns heute Argentinien, Südafrika, Australien, von dem jetzt so bequem erreichbaren Palästina zu schweigen? Wie die Juden in der Zeit von 1770 bis 1840 aus Deutschland nach Stockholm zogen, das kannst du aus einem hübschen Buch erfahren: durch die Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes jüdischer. Gemeinden erhältst du auf Wunsch die „Denkwürdigkeiten des Aron Isak“, des Mannes also, der — so wie Manasse ben Israel den Juden England erschloß — Schweden für uns Juden zugänglich machte und die Stockholmer Gemeinde begründete; geboren war er 1730 in Treuenbrietzen, dessen Juden heute auch längst keine eigene Gemeinde mehr bilden, sondern zu Beelitz (Mark) gehören. Daß aber die Juden Stockholms aus Deutschland gezogen kamen, das zeigen dir die Gräber hüben und drüben, und nicht nur sie, sondern auch die mit ihnen verknüpften lebendigen Erinnerungen. Stockholm lag in weitester Ferne, seine jüdische Gemeinde steht heute in hoher Blüte. In hoher Blüte auch werden bald die jüdischen Gemeinden in jenen fernen Ländern stehen, die heute das Ziel unserer Wanderung sind. Sieh auf die Gräber unserer Vergangenheit — sie künden dir diese Gewißheit unserer Zukunft. Nicht Totenäcker sind sie, sondern fürwahr: Bathe Chajjim, Häuser des Lebens. Auf ihnen überdauert das Gewesene, aus ihnen spricht das Kommende. Erdenschwere und Tod überwindet der ewige Geist. —z. Ein neuer Weg Von Rabbiner Dr. S. Samuel. Die jüngst errichtete Wanderbücherei des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hat einen Katalog veröffentlicht (Berthold Levy Verlag. Berlin 1937), der sich im Untertitel „ein besprechendes Bücherverzeichnis nennt. Er ist den Lesern dieser Blätter bereit* in* voriger Nummer mit dem Auf satze „Eine' Ghanukltagabe“ von Dr. Hermann Schildberger angekündigt und bekanntgegeben worden. Er verdient aber auch von unbeteiligter, wenngleich nicht uninteressierter Seite ein Wort aufrichtiger Anerkennung und Empfehlung. Die Einrichtung dieses Kataloges stellt eine Neuerung nur für unsere Kreise dar. In den allgemeinen, öffentlichen und Vereinsbüchereien ist diese Art von Bücherverzeichnissen vielfach erprobt. Es ist ein bedeutender Fortschritt, daß ein Katalog dieser modernen Art nunmehr endlich auch für eine jüdische Bücherei geschaffen worden ist; er soll, jüdischen Menschen in der Kleinstadt und auf dem Lande zugute kommen, deren seelische und geistige Betreuung sich unser Landesverband zur wichtigsten Aufgabe gesetzt hat. Dazu genügte es nicht, eine Wanderbücherei von rund 3000 Nummern zu erstellen, in denen ein gut Teil jüdischen Kulturgutes aufgespeichert ist, sondern es war nötig, darüber hinaus die zweckmäßigsten Maßnahmen für einen Bücherbetrieb zu treffen, der lebhafte Inanspruchnahme, freudige Benutzung und lebendige Wirkung sichert. Ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel schien das besprechende Bücherverzeichnis. Es stellt keine bloße Aenderung der Methode der Katalogisierung dar; es bedeutet ein neues Prinzip der Vermith lung kultureller Werte, der Erweckung höherer Interessen. Wir sind Zeugen davon, welche Umstellung in den letzten Jahrzehnten z. B. der Museumsbetrieb in der Richtung der Gewinnung aller Volkskreise erfahren hat. Wa* den bil- 6

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