Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1937-01-01 · 1 (1.1.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Tilsit, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Stettin und Pommern) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
15 (1937)
Issue
1 (1.1.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Tilsit, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Stettin und Pommern)
Date
1937-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/10279732-10279738-10021710--549-3981274
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

eine allen unseren Ahnen gemeinsame Eigenschaft können wir alle, die wir heute noch als Juden leben, gleichmäßig , und ohne jede Ausnahme stolz sein. Ich meine die große ' Tatsache, daß alle unsere Vorfahren der unendlich großen Versuchung widerstanden haben, durch einen Glaubenswechsel mit einem Schlage alle die Schranken zu durchbrechen, alle die Hindernisse zu beseitigen, die seit zweitausend Jahren zu allen Zeiten ihr Glaube ihnen bereitete. Denken wir doch einmal an die große, allzu große Bereitwilligkeit, mit der man dem Juden in vergangenen Jahrhunderten seine Herkunft verzieh und ihm Ansehen und soziale Stellung, commercium und connubium gewährte, sobald er nur den Schritt zum Taufbecken tat. Damit wir heute und hier als Juden beieinander sitzen, dazu bedurfte es standhafter Gesinnung und treuen Beharrens nicht nur in einer Generation und auch nicht in einigen Generationen, sondern in allen durch Jahrhunderte hindurch! Immer' wieder lockt die Versuchung: „Kommt heraus aus Euerer Enge zu uns in die Weite. Betet an, was Ihr verbrannt habt und verbrennt, was Ihr angebetet habt!“ Keiner unserer Ahnen hat verbrannt, was er vorher angebetet hat, lieber haben sie sich selber verbrennen lassen! Und darauf sollten wir nicht stolz sein?' Wie entartet und verkümmert mußte eine Generation sein, um diesen Stolz nicht zu empfinden! Und nicht bloß dies; erinnern wir uns doch: die Zeit liegt noch nicht so fern, in der es sogar Juden gegeben haben mag, die nicht nur ohne Stolz, sondern mit Bedauern an jene Beharrlichkeit ihrer Ahnen dachten und es ihnen geradezu verargten, daß sie Juden geblieben waren. Diese Zeit liegt heute hinter uns; und es ist auch keineswegs so, daß die Selbstbesinnung der Juden nur von außen gekommen wäre. Gewiß, die allgemeinen Verhält- Fanny Lassar geb. Löwen (1798-1871 Berlin-Potsdaml Im Besitz von Ulridi Mai. Fot. Abraham nisse haben den Prozeß dieser Selbstbesinnung beschleunigt und vertieft, aber der Beginn dieser Entwicklung liegt schon länger zurück und die Bestrebungen der vor zwölf Jahren begründeten Gesellschaft für jüdische Familienforschung haben von Anfang an in immer steigendem Maße die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit gefunden. Als wir kürzlich in den Räumen des Jüdischen Museums zu Berlin die Bilderausstellung „Unsere Ahnen“ eröffnen konnten, bewies der starke Widerhall dieses in mancher Hinsicht vielleicht gewagten Unternehmens, wie sehr sich das Verhältnis der Enkel zu den Ahnen wieder gefestigt hat. Von den Wänden grüßte manch’ Meisterwerk, das in zeitlosem Zauber den Beschauer fesselte, und wenn auch selbstverständlich nicht jeder seine Vorfahren in solchem Meisterwerk wiederfand, so konnte doch auch das schlichte kleine vergilbte Porträt uns, den Nachgeborenen, viel bedeuten. Denn wir sehen ja darauf nicht mit den Augen des Kunstkenners oder des Aestheten, sondern für uns vergoldet solch ein Bild vielleicht die Erinnerung an ein paar Worte, die der Dargestellte zu uns in unserer Jugend gesprochen hat, an eine Greisenhand, die segnend einst auf unserem Scheitel geruht hat. Eine Einrichtung, die die Gesellschaft für jüdische Familienforschung eingeführt hat und die auch auf jener Ausstellung gezeigt wurde, sei hier noch besonders hervorgehoben: die sogenannten „bebilderten Ahnentafel n“. Das sind Tafeln, auf denen man zugleich mit dem Bilde des Probanden, für den die Tafel gilt, die Bilder seiner Vorfahren findet, also aller der Menschen, deren Blut in seinen Adern rollt. Derartige Tafeln lassen nicht nur indirekt (wie dies aus Briefen oder Tagebüchern wohl möglich ist) ihres Wesens einen Hauch verspüren, sondern sie gestatten, in direkter Schau Vorfahren und Nachfahren zu vergleichen. Solche Vergleichung erfordert freilich, wenn sie wissenschaftlichen Wert gewinnen soll, wirklich vergleichbare Bilder, also z. B. gleiche Größe des Kopfes in dem gleichen Lebensalter des Ahnen und des Enkels zur Zeit der Abbildung und anderes mehr, was nicht immer zu vergleichen ist. Aber dann wird auch etwas möglich, was den Genealogen seit je als lockendes Ziel vorschwebte, die Ahnentafel als ein Spiegel für den Nachfahren! über dem Tempel des Apollo zu Delphi stand das Wort: „gnothi seau — erkenne Dich selbst“. Wo immer wir Gelegenheit haben, Bilder unserer Ahnen zu betrachten, da kann uns der Raum zum Tempel werden, der unser eigen Ich uns offenbart, indem wir erkennen, aus welchen Elementen sich unsere Persönlichkeit gefprmt hat, so daß wir in Demut und Ehrfurcht mit Goethes orphischen Urworten begreifen: ... nach dem Gesetz, nach dem du angetreten, so mußt du sein. Dir kannst du nicht entfliehen. Und keine Zeit und keine Macht’ zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt! Stumme Erzähler Es ist das Wesen des Geistes, daß er Erdenschwere und Tod überwindet. Homer soll blind gewesen sein; aber wer die Schilderungen von Natur und Menschen in Ilias und Odyssee gelesen hat, der weiß: keiner hat Wald, Berg, Bach und Meer, Morgenröte, Blitz, Sturm und Schnee besser gekannt, deutlicher gesehen, keiner auch hat die Menschen deutlicher geschaut und durchschaut als er. Und auch der Prophet der griechischen Oedipus-Sage, der Seher Teiresias, war blind. Von Homer und Teiresias zu wissen, gehört zu dem, was man bis vor kurzem in bürgerlichen und daher auch in jüdischen Familien „allgemeine Bildung“ nannte; man würde sich geschämt haben, wäre hier eine Wissenslücke entdeckt worden. Dagegen ist auch heute noch nichts zu sagen. Zu bedauern aber ist, daß die Kenntnis des „allgemeinen“ oft auf Kosten des eigenen Bildungsgutes gehl und daß mancher sich nicht schämt, wenn er das, was er bei den alten Griechen bewundert, bei seiner angestammten jüdischen Kulturgemeinschaft nicht kennt. Dabei ist doch gerade das, wovon hier die Rede, ein urjüdischer Gedanke: das Wissen von der Hemmnis und Tod überwindenden Macht des Geistes. Einmal in der jüdischen Geschichte hat dieser Gedanke sogar einen Ausdruck gefunden, der an das Griechentum erinnert, denn auch die jüdische Tradition kennt einen blinden Seher: Jizchak Saggi Nahor, d. i. der „Hellsichtige“, der blind gewesen ist. Weit stärker jedoch als von der Mythologie der Griechen ist von der Religion des Judentums der Gedanke von der weit- und tödüberwindenden Kraft des Geistes ausgesprochen worden in ihrem herkömmlichen Ausdruck für den Totenacker: Beth 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.