Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1937-01-01 · 1 (1.1.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Tilsit, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Stettin und Pommern) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
15 (1937)
Issue
1 (1.1.1937) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Magdeburg, Tilsit, Bremen, Nordwestdeutschland, Halle, Duisburg, Stettin und Pommern)
Date
1937-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/10279732-10279738-10021710--548-3981273
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

daß zur Zeit des zweiten Tempels die jüdische Bevölkerung in der Diaspora diejenige im Heimatlande weit fiberwogen habe, so wird man genötigt, eine allmähliche Abwanderung der Juden während der Zeit des staatlichen Verfalls und damit ein sehr hohes Alter der Dias]>ora überhaupt anzunehmen. — Einen wertvollen Beitrag zu diesem Problem der jüdischen Diaspora liefert Auerbach selbst am Schlüsse des Bandes in einem Exkurs über Elefantine. Die vorangehenden Zeilen geben natürlich nur eine entfernte Vorstellung von dem Reichtum des Auerbachsahen Werkes. Ihr Ziel ist, den Leser auf dieses Werk selbst hinzuweisen, das nicht nur für den Lehrer und Historiker, sondern einfach für jeden wißbegierigen Juden unentbehrlich ist. Unsere Ahnen Von Dr. Arthur Czellitzer) Berlin. Es gab eine Zeit — und sie ist gar nicht einmal so lange her, wenn man historisch denkt und nicht aus der kleinen Perspektive des persönlichen Erlebens! — es gab also eine Zeit, da fanden sich in nahezu jedem jüdischen Hause an der Wand ein oder mehrere Familienbilder. So wie die jüdische Hausgemeinschaft an die fernen frommen Ahnen erinnert wurde durch die Mesusah, das Mahnzeichen von den „Zelten Jakobs“, um mit Heine zu sprechen, so an die Eltern oder Großeltern durch eine Zeichnung, einen Schattenriß, seltener durch ein Pastell oder ein Ölbild, schließlich meistens durch eine Fotografie. Etwa bis 1880 oder 1890 war das Andenken mindestens der näherstehenden Ahnen überall durch solche Bilder vor dem Vergessen geschützt. Was man nicht an die Wand hängte, bewahrte man in einem Album auf, das dem Besucher mit Stolz gezeigt und vorgeführt wurde. In der deutschen Kleinstadt dauerte diese aus der Pietät geborene Sitte noch bis in unser Jahrhundert hinein und, besonders im Osten, noch länger, denn ich fand noch während des Weltkrieges in vielen, recht ärmlichen Wohnungen der Juden in Polen an der Wand stets ein paar eingerahmte Familienbilder. Das hat sich für die Juden des Mittelstandes in . Deutschland unter unseren Augen von Grund aus geändert. Das Album wurde unmodern. Zugleich mit dem Makartbukett und dem Prachtband mit Goldschnitt verschwand es völlig. Und die Bilder an der Wand — sic mußten wandern. Der Jude in Deutschland, der nunmehr an Stelle der Einzimmer- oder Zweizimmerwohnung über eine größere Zahl von Zimmern verfügte, er entfernte die Bilder zunächst aus den Räumen, in denen er Gäste empfing. Ein paar Jahrzehnte hindurch konnte man die Bilder in dem üblichen schwarzen ovalen Holzrahmen noch in den Schlafzimmern vorfinden. Dann wurden sie auch hier lästig. Man nahm sie herunter. Man steckte sie in Gefache, in Kisten und Koffer; oft endeten sie rühmlos unter Gerümpel oder im Ofen ... Und warum diese pietätlose Bilderstürmerei? Weil sie „jüdisch“ aussahen, die alten Herren mit den Mangen Bärten und dem Käppchen auf dem Haupt oder die Frauen mit dem falschen Scheitel unter der Haube! Das war ihr Verbrechen oder doch ihre tragische Schuld! Eine Schuld, ob derer man (gewiß nicht allenthalben und nicht ausnahmslos) aber doch in der typischen Bürgerschicht sich ihrer schämte! Nur wenn es sich um Ölgemälde von Rang handelte, oder um besonders repräsentable Typen, die nicht allzu altmodisch aussahen, dann durften sie in so mancher Familie bleiben, und ein Rundblick in manchen unserer Wohnungen zeigt ja, daß nicht alles bildliche Traditionsgut den Weg der Vernichtung ging. Aber es sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Gewiß gab es sogar getaufte Familien, die zwar den alten Glauben abgestreift hatten, aber trotzdem noch mit Stolz und ohne Scheu die Erinnerung an jüdische Ahnen pflegten — die Mendelssohns sind ein einprägsames Beispiel für solche Ausnahme. Aber für die große Masse gilt leider, was ich oben ausgeführt habe. Lassen Sie uns noch einen Moment bei der soziologischen und psychologischen Bedeutung dieser Erscheinung bleiben; es ist heute modern und heute gewiß sehr leicht, auf die Assimilation einen Stein zu werfen und nur das , Negative an ihr zn sehen und zu beleuchten. Das ist gewiß; eine Übertreibung. Aber niemand kann leugnen, daß gerade das Verhältnis des Juden zu seinen Vorfahren durch die geistige Einstellung der Assimilationszeit eine Trübung schwerster Art erfahren hat. Sie zu beseitigen, ist sehr schwer. Aber gerade dies Ziel, die falsche Scham durch den rechten Stolz zu ersetzen, dieses Ziel ist es, das ich mir schon vor Dezennien als hohe Aufgabe gestellt habe. Wie entstand denn jenes „Sich schämen“? Der Aufstieg zu einer höheren Bildung, als sie die Vorfahren besaßen, der Aufstieg in soziale Schichten mit Umgangsformen und Gewohnheiten, die jenen überlegen waren oder sich doch überlegen dünkten, schuf zwischen Ahnen und Enkeln eine Kluft, die das Bewußtsein der inneren Zusammengehörigkeit zerstörte. Nur so ist es erklärlich, daß die jüdische Bourgeoisie, wie übrigens alle Parvenüs, so ziemlich das gerade Gegenteil empfand zu dem berühmten Worte aus der Iphigenie; „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt“_ Man kann bisweilen hören, daß der Adel so definiert wird: adlig ist, wer Ahnen besitzt. Das ist natürlich falsch, denn Ahnen besitzt jeder, und weit richtiger Geschwister Hirschberg, geb. 1832, 1834, 1835 und 1837 gemalt von C. Bernedce. I* Besitz des Neffen Ulrich Mai. Fot. Abraham müßte es heißen: adlig ist, wer seine Ahnen kennt. Nur so auch darf man die Worte verstehen, die der Dichter Hugo Salus in seinem Ahnenlied geprägt hat: und wenn ich meinen Vater frag: wer war deines Vaters Vater? sag! er lächelt traurig: wie soll ich das sagen? ... arme Leute haben keine Ahnen 1 Der wirkliche Sinn ist klar: der Bettler hat genau so gut und genau so viele Ahnen wie der Fürst. Aber der Unterschied ist eben der, daß er sie nicht kennt! Wir Juden hätten aber allen Anlaß, unsere Ahnen zu kennen, denn auf eine ihrer Eigenschaften, obendrein auf 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.