Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 11 (1.11.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Tilsit, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-11-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/10279732-10021721-10021704--506-3981235- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
weißen Wellen, auf deren schaumgekrönten Spitzen die Möwen schaukeln, heranrollen. Sturmbewegter ist das Meer im Herbst, seltener blaut der Himmel über Wellenberg und Wellental, über den Felsklippen von Helgoland, an die die Brandung dröhnend schlägt. Dafür bringt der Herbst die klare Sicht über das unendliche Meer, wenn Ebbe herrscht, so daß die Gedanken eilen können — über die Grenzen, in ferne Länder, in denen jüdische Menschen leben und arbeiten. Der Gedanke an Länder, in denen Juden leben, wird erneut lebendig, als mich die herbstliche Reise nach Lübeck führt. Aus diesem Vorort der Hanse wanderten zu allen Zeiten Menschen über das Meer, über die Ostsee, nach Schweden, Norwegen, Dänemark, oft noch viel weiter, nach Amerika. Die Sammlung jüdischer Altertümer in Lübeck trägt keinen spezifisch lübeckischen Charakter, sie birgt kaum ein Gerät, das jüdische Menschen aus Lübeck in Gebrauch hatten und das von der Geschichte oder Eigenart dieser norddeutschen Gemeinde Kunde gäbe. Es ist vielmehr eine Kunstabteilung mit internationalem Charakter, die jüdisches Brauchtum in Italien, in Karpatho-Rußl'and, in Galizien vorführt. Aber darüber hinaus ist diese Lübecker Sammlung eine Sammlung der — Frau! Ja, man verstehe mich richtig! Kaum woanders lernt man so viel Frauliches kennen, erfährt man, wie sehr bei uns Juden die Gestaltung des Heims in den Händen der Frau und Mutter liegt. Der diese Schau einrichtete, der Berliner Kunsthändler und Judaica-Sammler Julius Carlebach, wußte das, er hat zu den schönen Altertümern eine Beschriftung gegeben, Erklärungen der Feste und ihrer Symbole, zu den eigentlichen Schaustücken Fotos und Kupferstiche gesellt, die oft in der Anschauung Fehlendes durch das Bild ersetzen. — Da ist eine Reihe von Festgebäcken, ein Freitag- Abend-Barches für den Rabbiner, sogenanntes „Zwölferbrot“ entsprechend den zwölf Stämmen, da ist ein Vogelgebäck für Laubhütten, da sind aus dem Reich der Hausfrau, aus der Küche, Fladenmodelle für Purim. Da ist Rosenbrot, das jüdische Hausfrauen in Litauen kennen, da gibt es Zuckerwaren für Purim, die in Palästina heimisch sind, rosa, grün und weiß gehalten, dann wieder sogenannte „Pfötchen“ für das Laubhüttenfest. Das Holzkörbchen mit dem Esrog, das ausgestellt ist, mag vielleicht einmal zu dem ureigentlichsten Requisit der Hausfrau gehört haben, es mutet an wie ein Nähkörbchen. Und ein ganz besonderes Buch für Frauen, dessen Inhalt recht vielseitig ist, findet sich unter den zum Teil sehr kostbaren Druckwerken der Lübecker Sammlung. Ein Wöchnerinnen- Schutzblatt berührt uns etwas fremd, aber eine Schultafel aus schwarzem Holz (aus Karpatho-Rußland) berichtet wieder vom täglichen Tun der frommen Juden dieses Landes. Unsere Wanderbüdierei Eine Folge von Buchbesprechungen wichtiger neuer und älterer Bücher aus den Wanderkisten des Preußischen Landesverbandes. Baruch de Spinoza. K1 a a r, Alfred: Spinoza. Sein Leben und seine Lehre. Berlin: Ullstein 1926. 154 S. — Gebhardt, Carl: Spinoza. Leipzig: Reclam 1932. 145 S. „Wer sagt uns, daß die Menschen durch Erkenntnis besser und glücklicher werden?“ Die kürzeste und präziseste Antwort auf diese Frage ist mit einem einzigen Wort zu geben. Dieses Wort heißt: Spinoza. Allen möglichen Zweifeln gegenüber ist sein Leben der rührendste Beweis für den Lebenswert der Erkenntnis. — Von diesem Gedanken ausgehend gibt Alfred Klaar eine verständnisvolle Darstellung der Lebensschicksale Spinozas, eine Betrachtung der Grundgedanken seiner Werke und eine lesenswerte Würdigung der Wirkung seiner Lehren bei Leibniz, Lessing und Goethe. Das Buch von Carl Gebhardt wendet sich an einen philosophisch nicht ganz ungeschulten Leser. Was Gebhardt in eigener Forschungsarbeit zur tieferen Erkenntnis des Spinozismus beigetragen hat, das findet sich hier im Ergebnis zusammengefaßt. Mit einer ungewöhnlich interessanten Darstellung des Lebens Spinozas ist eine eingehende Schilderung der Zeit und ihrer geistigen Strömungen verknüpft. Es folgt eine übersichtliche Herausarbeitung der „philosophischen Religion“ Spinozas als einer typischen Erscheinung des Barock. Im Anhang eine Auswahl von Worten aus den Werken des Denkers! Ausblick auf die Wirtschaft Neue Aufgaben erzeugen neue Kräfte und durch sie neue Erfolge. Die Ankündigung des Vierjahresplans hat in der gesamten Wirtschaft Auftriebskräfte wachgerufen und dadurch eine starke Wirtschaftsbelebung zur Folge gehabt. Die Herstellung der Werkstoffe die an die Stelle der bisher aus dem Auslande eingeführten treten sollen, macht eine Ausdehnung der Produktionstätigkeit großer und wichtiger Industrien nötig. Sie bewirkt durch die Steigerung der Produktion, der Beschäftigung und des Einkommens zwangsläufig eine allgemeine Konjunkturbelebung, die sich nach und nach über die gesamte Wirtschaft ausdehnt. Allerdings treten als unvermeidbare Folge der Rohstoff-Umstellungen auch manche ungewollte wirtschaftliche Verlagerungen ein. Der einzelne Unternehmer, mag er in der Industrie oder im Handel oder auch im Handwerk tätig sein, muß sich diesen Veränderungen der Lage so schnell wie möglich anpassen. Die Großhandelsverbände haben z. B. schon darauf aufmerksam gemacht, daß der Einfuhrhandel teilweise nach neuen wirtschaftlichen Aufgaben Ausschau halten müsse, während sich der Binnengroßhandel in den neu entstehenden Güterumlauf einschalten werde. Im Finanzhandel werden ebenfalls manche Umstellungen vorgenommen werden müssen. In der Textilwirtschaft und in der Metallwirtschaft sind schon mehrere neue, wichtige Vorschriften erlassen worden. Weitere Anordnungen und Maßnahmen werden folgen. Es ist unbedingt nötig, daß sie überall sorgsame Beachtung finden. Ferner gehört es, wie kürzlich in einer Mitgliederversammlung der Fachabteilung „Herren- und Damenbekleidung“ ausgeführt wurde, zu den Aufgaben des Textilkaufmanns, die neuen Bekleidungsstoffe einzuführen und die Verbraucher von ihrer Güte zu überzeugen. Tut er das mit Erfolg, so wird ihm die Erfüllung der neuen Aufgabe erhöhte Umsätze verschaffen. Ueber die Einzelhandelsumsätze im Monat August berichten die Forschungsstelle für den Handel und das Institut für Konjunkturforschung, daß sie nur 4 Prozent über denen des entsprechenden Vorjahrsmonats lagen, während in den ersten 7 Monaten des laufenden Jahres Umsatzsteigerungen von 10 bis 11 Prozent erzielt werden konnten. Das ist darauf zurückzuführen, daß im August infolge der Olympischen Spiele eine ungewöhnliche, nur vorübergehende Verlagerung des Verbrauchs stattgefunden hat. Die Umsätze des Einzelhandels verminderten sich nämlich - in vielen Städten um einen Teil des Betrages, der für Reisezwecke mehr als sonst ausgegeben wurde. Diese besondere Lage wird nicht so bald wiederkehren. Die Einzelhandelsumsätze werden also wohl in den Herbst- und Wintermonaten wieder eine erheblich stärkere Steigerung aufweisen. — Die Bautätigkeit war bis in die letzten Wochen hinein noch verhältnismäßig lebhaft. Besonders wertvoll für das Bauhandwerk ist die in der Statistik festgestellte Wiederzunahme der Wohnhausumbauten. Im gesamten Handwerk hat sich im dritten Vierteljahr 1936 eine gleichmäßigere Besserung der Beschäftigungslage in den verschiedenen Wirtschaftszweigen gezeigt. Auf der Leipziger Messe haben z. B. Drechsler mit dem Angebot hochwertiger Gebrauchsgegenstände für Wohnung und Haushalt gute Verkaufserfolge erzielt. Der hohe Stand der Bautätigkeit hat ferner u. a. eine stärkere Nachfrage nach Kachelöfen hervorgerufen. Welchen Anteil an der allgemeinen Belebung der Geschäftstätigkeit werden die in der Wirtschaft verbliebenen jüdischen Industrie-, Handwerks- und Handelsbetriebe haben? Zweifellos verengt sich der jüdische Wirtschaftsraum immer noch weiter. Diese Entwicklung gibt Anlaß zu ernster Sorge. Hoffentlich wird daher der allgemeine Aufschwung der Wirtschaft auch dem jüdischen Wirtschaftssektor und den zahlreichen noch lebensfähigen Unternehmungen in ihm zugute kommen. Auch die jüdischen Wirtschaftsmenschen wollen nichts anderes als durch ihre Arbeit und ihre Leistungen der Gesamtwiirtschaft dienen. Die Frage des Berufsnachwuchses ist vor kurzem in der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel in bemerkenswerter Weise erörtert worden. Es wurde berichtet, daß die weiblichen Berufstätigen im Einzelhandel gegenwärtig noch stärker als früher an Zahl überwiegen, und daß es vielfach schwierig sei, offene Stellen mit männlichen Berufsanwärtern zu besetzen. Als Grund hierfür wird angegeben, daß sich infolge einer „zum Teil kaufmannsfeindlichen Propaganda“ bei manchen der tüchtigsten und für den Kaufmannsberuf gut veranlagten Jungen Widerstände gegen die Wahl dieser Berufslaufbahn gebildet hätten. Bekanntlich ist auch bei der jüdischen Jugend eine ziemlich starke Abneigung gegen den kaufmännischen Beruf beobachtet worden. Hier ist sie freilich, mindestens zum Teil, auf andere Beweggründe zurückzuführen. Es ist wichtig und wünschenswert, daß durch geeignete Maßnahmen in der Richtung besserer Berufsvorbildung den jüdischen Berufstätigen in Handel und Handwerk ein genügend zahlreicher und vor allem ein fachlich gut ausgebildeter, berufstüchtiger Nachwuchs gesichert ist. jj. 8