Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 7 (1.7.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Halle, Duisburg, Bremen, Nordwestdeutschland, Magdeburg, Stettin, Pommern und Tilsit)
- Date
- 1936-07-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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über die Zeiten der Not und des Todes hinaus. In der babylonischen Gefangenschaft hat unser Volk zum erstenmal in der Weltgeschichte die besondere Form der Gemeinschaft, die wir Gemeinde nennen, ausgebildet, eine Form, deren Fundamente die Gemeinsamkeit der religiösen Idee und der religiösen Praxis darstellt. Eigenartig für die jüdische Gemeinde ist im Gegensatz zu anderen Gemeinschaften die unauflösbare Bindung der Idee an ihre Träger, der unauflösbare Zusammenhang zwischen Judentum und jüdischem Volk, der überall da bestand, wo Echtheit und Fülle des jüdischen Lebens in unserer Geschichte vorhanden waren. Die moderne Kultusgemeinde ist Erbe der uralten jüdischen Kehilia. Durch die besondere Entwicklung der letzten 100 Jahre wurde sie aber immer mehr auf das Gebiet beschränkt, das bereits in ihrem Namen enthalten ist, auf den Kultus in seinem ganzen Umfang, Synagoge, Friedhof, Wohltätigkeit und Religionsunterricht. Dieser Rückzug auf die reiu religiösen - Obliegenheiten hatte zur Folge, daß die Gemeinde nur noch peripher in die Beziehungen ihrer Mitglieder eingriff, an den Feiertagen, oder wenn jemand geboren wurde, heiratete oder starb. Das wirkliche Leben, das sich zwischen diesen Grenzen abspielte, wurde von der Gemeinde immer weniger berührt. ln der Umwälzung, in der wir uns heute befinden, erlebt die Gemeinde eine ungeahnte Erweiterung ihrer Arbeit und ihrer Bedeutung. Zwangsläufig werden wir wieder auf den Weg zur alten Kehilia geführt, die für jeden einzelnen Juden sowohl Rückhalt als auch lebengestaltende Macht bedeutete. Die übergreifenden .Organisationen können nur auf dem Leben der Gemeinden aufbauen, wenn sie nicht leere Form bleiben wollen. Es gibt heute kein Gebiet des jüdischen Alltags, in das nicht die Gemeinde eingreifen würde, keine Beziehung, die sie' nicht mitgestalten könnte. Wer heute in die Büros der jüdischen Gemeinde hineinsieht und weiß, welche Probleme über das rein Kultische hinaus zu lösen sind, die Fragen der Umschichtung, Auswanderung, Wirtschaftshilfe, Beratung, Schule und Kulturarbeit im weitesten Sinn, der erkennnt die Größe der Leistung und die Größe der Verantwortung. Die Gemeinde hat heute wieder das jüdische Leben in seiner Gesamtheit zu repräsentieren. Sie wird teilzunehmen haben an den großen Bewegungen der jüdischen Erneuerung, wenn sie sich der Zeit würdig erweisen will. Die zu leistende Arbeit darf nicht in der formalen Erfüllung stecken bleiben, sondern muß erfüllt sein von jüdischer Begeisterung und vom Pathos echter Persönlichkeit. Nur unter dieser Bedingung wird die Kultusgemeinde wieder zur echten Kehilia werden, die aufbaut auf dem Prinzip der Verantwortung der Gesamtheit für den Einzelnen und des Einzelnen für die Gesamtheit. Es gibt auch in unserer Gemeinde noch Kreise, die den Ernst dieser Forderung nicht erkannt haben, die in selbstgewählter Isolierung außerhalb d?r Arbeit stehen, obwohl die Gemeinschaft ihre Kraft dringend braucht. Oftmals hört man die Klage, daß es an freiwilligen Mitarbeitern fehlt, die wirklich bereit sind, sich mit Herzens- und Glaubenskraft für die Gemeinde einzusetzen. Unsere ständige Bemühung muß darauf gerichtet sein, die moralische Kraft der Gemeinde zu erhöhen. Die Gemeinde trägt heute Verantwortung für jeden einzelnen Juden, darum soll sie auch das Recht haben, als richtende Macht und höchste moralische Instanz in sein Leben einzugreifen. Die Gemeinde muß zum Träger der Erneuerung werden. Dann wird sie auch in einer Zeit, in der die einzelnen Gemeinden immer kleiner werden, die Steuerkraft immer schwächer wird, kleine Gemeinden ihre Synagogen verkaufen, ihr Vermögen liquidieren, bestehen und sich in Idee und Tat läutern. Zu diesem Ziel aber brauchen wir den Willen und die Leistung der Gesamtheit. Stettiner jüdische Auslandswanderung Von J. P e i s e r, Stettin. Die Abwanderung von Stettiner Juden in das Ausland soll im folgenden für den Zeitraum von April 1933 bis Dezember 1935, also für etwa drei Jahre, statistisch betrachtet werden. Die jüdische Bevölkerung betrug am 1.1. 1933 1248 Männer, 1336 Frauen 2584 Personen, am 1.1. 1934 1115 Männer, 1269 Frauen 2384 Personen, am 1. 1. 1935 1078 Männer, 1244 Frauen 2322 Personen, am 1.1.1936 979 Männer, 1174 Frauen 2153 Personen. An der Durchschnittszahl von 2360 Personen gemessen, beträgt der Gesamtverlust (durch Tod, Fortzug, Austritt, Abwanderung) 431 Personen (269 Männer, 162 Frauen) 18,3 */o- Hiervon sind in das Ausland abgewandert 134 Männer und 104 Frauen, zusammen 238 Personen 10 V« der Durchschnittsbevölkerung in diesen drei Jahren. Die Auslandswanderung vollzog sich, nach Ländern und Berufsgruppen geordnet, in den Jahren 1933 bis 1935 wie folgt: Einwandeh» i © 0^5 2 E *3 o © 3 -6 c o © 0 C .e 3 w © © .c © o> Anzahl d. Ausge- 03 e"? c C < 0-0 —■ * S o c*D rungs- < ® ID X 2 003 o C o wandert. © £ c . o 0-0 5 land m w m w m w m . w m w M F O 3 o 5j 2 Afrika 1; _ _ _ _ _ 1 1 1 2 0,8 Amerika 2 - 4 — — — — 1 — 3 6 4 10 4,4 ßelqien — : — 2 — i — — — — — 3 3 1,3 Danziq 1 - 2 — i — — — — 1 4 1 5 2,0 Cngland Frank- - - - 2 —: - — 2 2 i 2 5 4 9 3,8 reich 1, 1 — — — — — _ _ — 1 1 2 0,8 Holland 3 1 6 l 3 2 — — 4 13 8 21 9,0 Italien Jugor- - 1 — — — 3 — 1 4 1 5 2,0 slawien —! — 2 — — — _ — — — 2 — 2 0,8 Lettland — i — -i 1 1 — 1 0,4 Luxembg. — i — 1. — I — — — i 2 3 2 5 2.0 Palästina 9! — 28 2 12 2 6 27 14 39 69 70 139 59,0 Polen _I_ 8 __ 1 — 1 — 4 6 14 6 20 8,0 Schweden i 1 — 1 1 0,4 Schweiz 1 — 1 1 0.4 Spanien — 1 — 1 1 — 2 2 0,8 Syrien Tschecho- '1- 1 2 2 0,8 Slowakei —; — 2 — 1 — - — — 3 — 3 1,3 unt bekannt 2i — — — 1 — — 2 3 2 5 2,0 18l 2 611 4 20 4 14 32 21 62 134 104 238 100,0 Danach sind die Auswanderer am stärksten in der Berufsgruppe Kaufleute vertreten, Akademiker und Handwerker sind etwa in einer gleichen Anzahl zu finden, wie sie von den Auswanderern „ohne Beruf“ ebenfalls fast erreicht wird. In der Tabelle fällt sofort die überragende Stellung der Palästinawanderung mit 59 •/• der Gesamtzahl auf, während Holland mit 9•/# erst in weitem Abstand folgt. Die 8prozenlige Wanderung nach Polen wird wohl hauptsächlich aus Rückwanderung bestehen. Amerika aber, früher das Auswanderungsziel, nimmt nur 4,4 */• auf, die übrigen Länder noch weniger. Gegenüber dem sonst vorhandenen Frauenüberschuß waren unter den 238 Auswanderern 134 56,3 •/• Männer und nur 104 43,7 */• Frauen. Ihre Altersgliederung ist aus folgender Tabelle ersichtlich: Es sind also aus der StettlnerGemefnde aus den Altersstufen abgewandert % Altersstufen ■6 -5hil= Po t-ÄÄ - 2 c^*0 >ÜS£ 6 8= I c Sß von 238 Siettiner Aus wonderern 1933—1935 gehörten in die Altersstufen Personen: m w zus. Altersaufbau der StettlneiGe metnde Ende 1934 Personen < bis 20 Jahre 21-40 ., 41-60 „ Ober 60 „ nicht angegeb. 31,1 50.3 13.4 3,0 2,2 19,3 60.0 17,0 3,7 46 142 41 9 483 633 747 459 9.5 22,4 5.5 2,0 Im Vergleich zu dem paradigmatisch angeführten durchschnittlichen Altersaufbau der allgemeinen Palästina-Einwanderung ist beiden Stettiner Auswanderern ein Minus in den Jahresklassen bis 20 Jahre vorhanden, erklärlich aus der geringen Kinderzahl der auswandernden deutschen Juden. Die Stufen von 21—40 und 41—60 Jahren sind demgegenüber etwas stärker besetzt, während die Anzahl der über 60jährigen Auswanderer normal ist. Die letzte Tabellenspalte weist die prozentuale. Abwanderung aus den einzelnen Altersklassen aus (wobei der Altersaufbau von Ende 1934 zugrunde gelegt ist): Von 633 Personen im Alter von 21—40 Jahren sind der Stettiner Gemeinde in diesen drei Jahren 22,4 */• durch Abwanderung verloren gegangen. Der Verlast in den übrigen Altersstufen ist naturgemäß ein weit geringerer; von 459 über 60jährigen sind nur 9 Personen ausgewandert. Die fortschreitende Vergreisung der Gemeinde hat also in den letzten Jahren nicht nur in dem Geburtenmangel, sondern vor allem in der Abwanderung der jungen und mittleren Altersstufen ihre Ursache. 18