Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 6 (1.6.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
- Date
- 1936-06-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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MITTEILUNGEN DERSYNAGOGEN-GEMEINDEZU STETTIN UND DER SVNAGrOGEN-GEMEINDEN POMMERNS Zuschriften für diesen Teil des Blattes sind zu richten an das Verwaltungsbüro der Synagogen-Gemeinde, Stettin, Rosengarten 9»10 Juni 1936 Aufruf! Der Keren Hajessod sieht auf 15 Jahre seines Bestehens zurück. Seine Leistungen liegen sichtbar vor aller Augen. Palästina ist das einzige Land, in das Juden kraft Rechtes und nicht nur geduldet einwandern in einer Anzahl, wie man dies noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Damit ist der Aufbau Palästinas nicht mehr Angelegenheit einer Richtung, sondern Sache der gesamten Judenheit der Welt geworden. Demgemäß hat auch die Reichsvertretung der Juden in Deutschland die jüdischen Verbände und Gemeinden aufgefordert, an diesem Werke friedlicher konstruktiver Selbsthilfe mitzubauen. Wir folgen diesem Ruf, indem wir für die Mitglieder der Synagogengemeinde Stettin eine J ubiläums- Kundgebung anberaumen, die am Mittwoch, dem 3. Juni 1936, 20'/z Uhr, in der Synagoge (Eingang nur Rosengarten 9/10) staltfindet, in der Herr Dr. Franz Meyer, Berlin über das Thema „Der Aufbau Palästinas und unsere Verpflichtung“ sprechen wird. Die Veranstaltung wird von musikalischen Darbietungen umrahmt. Der Keren Hajessod bedeutet insbesondere für die deutschen Juden die Möglichkeit, ihr Leben neu aufzubauen. Deswegen sollte jeder einen Beitrag hierzu als pflichtmäßige Selbstbesteuerung leisten. Wir erwarten von der gesamten Judenheit Stettins, daß sie trotz der Schwere der Zeit an diesem geschichtlichen Werke nach ihren Kräften teilnimmt. Der Vorstand Das Jewish-Agency-Komitöe der Synagogen-Gemeinde Stettin. Stettin. Dr. Selmar Rosenzweig — ein Fünfziger Am 4. Juni 1886 wurde Selmar Rosenberg in Heilsberg (Ostpreußen) geboren. Von seinem Vater, der noch heute als Hochbetagter in seinem rabbinischen Amte zu Johannesburg (Ostpreußen) wirkt, wurde er in die jüdischen Wissenschaften eingeführt. 1906 bestand er die erste Lehrerprüfung an der Berliner Lehrerbildungsanstalt, wirkte als Lehrer in Dresden und Danzig. Sein emsiger Fleiß und seine Begabung ermöglichten es ihm, nach dem Weltkrieg, in dem er schwer verwundet wurde, sein Abiturium abzulegen und in Königsberg zum Dr. phil. Zu promovieren. Wir sehen ihn dann in Berlin als höheren verantwortungsvollen städtischen Verwaltungsbeamten, und gleichzeitig ist er auch ab 1922 Leiter der von Wilhelm Levy begründeten Schule, Prediger in Weißensee und Dirigent der Religionsschule dieser Gemeinde. Von dort wird er 1927 zum akademischen Religionslehrer und stellvertretenden Rabbiner an unsere Gemeinde berufen, und in dieser Eigenschaft hat er das Amt des Rabbiners in den Jahren 1935 bis 1936 bis zum Amtsantritt des jetzigen Rabbiners versehen. Was unser Dr. Rosenberg ganz besonders in dieser Zeit gewirkt hat, davon wissen die zu erzählen, die in schwerster seelischer und materieller Not seine Hilfe suchten und auch fanden. Noch sind allen die Worte des Trostes und der Hoffnung in Erinnerung, die er für die Zuhörer in seinen Predigten an Sabbathen und Festtagen in schwerer Zeit fand. Dem jüdischen Grundsätze: lU’mod ul’lamed blieb er immer treu, denn 1932 bestand er noch mit Auszeichnung das Mittel- Schullehrer- und Rektoratsexamen. Ad meah w’eßrim schanah! in steter Gesundheit und Zufriedenheit! Das ist der Wunsch, den wir, seine Freunde und unsere Gemeinde, für ihn hegen. Weihestunde Am 9. Mai veranstaltete der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden in der Synagoge eine Weihestunde, in deren Mittelpunkt ein Vortrag von Herrn Dr. Landau „Vom Sinn jüdischer Geschichte“ stand. Der Redner wies in außerordentlich anregender Weise nach, wie die jüdische Auffassung vom Sinn der Geschichte sich von anderen Auffassungen abgrenzt. Der Jude sieht den Sinn des Geschehens, indem er „mit dem Herzen denkt“ und die sittliche Haltung in Fragen des ihm auferlegten Schicksals zu bewähren sucht. Die mächtigen Kulturen, mit denen das Judentum im Laufe seiner Geschichte zusammenstieß, die ägyptische, assyrische, babylonische und hellenistische, sind untergegangen, weil sie nicht den Keim des ewigen Lebens in sich trugen, das Judentum hat sich erhalten, weil es in der Stunde der Not immer wieder den echten Trost lebendig zu machen verstand, der die sittliche Leistung der Gemeinschaft wachrief. Die Geschichte vermag uns in den Nöten der Gegenwart zu trösten und zu lehren, daß nur die in Gott und den ewigen Kräften ruhende Sclbstsicherheit des Herzens uns aus der Bedrängnis zu retten vermag. Der Vortrag wurde durch Gesänge des Herrn Max Mansfeld umrahmt, der Arien von Mendelssohn und Händel und jiddische Volkslieder, sehr stimmungsvoll zu Gehör brachte. Stettiner Zionistisdie Vereinigung Am 16. Mai hatte die zionistische Vereinigung zu einer Veranstaltung geladen. Georg Kopydlowski sprach begleitende Worte zu zwei Bildstreifen des KKL, die palästinensische Ereignisse, vor allem auf den Gebieten der Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Hygiene, aus den Monaten Januar bis März zum Gegenstand hatten. Besonders erfreuten die Bilder von der Jugend-Alijah. Rabbiner Richter hielt einen Vortrag über das Thema „Volk — wie alle Völker?“ Er behandelte die Umwälzung, die die Wiederentdeckung des Begriffs eines jüdischen Volkes durch die zionistische Bewegung hervorrief, die Geschichte dieses Begriffs, den die Wirklichkeit des Landes und der Sprache gerechtfertigt hat, und die Probleme, die durch ihn gestellt sind, vor allem die Frage der „Assimilation“. Unter ihrem Gesetz steht das Judentum seit der ältesten Zeit, in der kämpferischen Auseinandersetzung mit ihr ist der jüdische Geist gewachsen und hat Leben geschaffen. Heute ist die Gefahr einer nationalistischen Assimilation akut, und dem Zionismus ist die Aufgabe gestellt, angeregt durch die geistigen Güter der anderen Völker, jedoch ohne ihnen zu verfallen, den besonderen Weg des jüdischen Volkes zwischen den Assimilationen zu gehen, der die legitime Fortsetzung der Tradition darstellt. 18