Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1936-05-01 · 5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern) · p. Seite 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
14 (1936)
Issue
5 (1.5.1936) inkl. Mitteilungen der Gemeinden (Bremen, Nordwestdeutschland, Duisburg, Magdeburg, Halle, Stettin und Pommern)
Date
1936-05-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/10279732-10021721-10021694--387-3981122
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MITTEILUNGEN BERSVNA505EN-GEMEINDEZU STETTIN OND DER. OTNAGOSEN-ßEMEMDEN POMMERNS Zuschriften für diesen Teil des Blattes sind zn richten an das Verwaltungsbfiro der Synagogen'Gemeinde, Stettin, Rosengarten 9«10 Mai 1936 Einführung des Cemeinderabbiners Herrn Karl Richter Am 3. April, abends 7 Uhr, fand die Einführung unseres neu gewählten Gemeinderabbiners statt. Nach dem Minchagebet sang der Chor unter Orgelbegleitung den 121. Psalm „Ich erhebe meine Augen“, während der Rabbiner von dem Vorsitzenden des Vorstandes und der Repräsentanz, den Herren Rechtsanwalt Abrahamsohn und Dr. Brock, in die vollbesetzte Synagoge geleitet wurde. Herr Rechtsanwalt Abrahamsohn begrüßte den neuen Rabbiner mit dem Hinweis auf die schöne Symbolik, die in der Art der Einführung liegt. Die Gemeinde stützt den Rabbiner und schließt sich um ihn als ihren Mittelpunkt. Die einstimmige Wahl war ein Zeichen des außerordentlichen Vertrauens, das die Gemeinde Rabbiner Richter entgegenbringt. Dieses Vertrauen wird ihm die schwere Arbeit erleichtern, die den Einsatz der ganzen Person erfordert. Nachdem die alten Lebensformen zerbrochen sind, ist die Gemeinde mehr als je Zufluchtsstätte für alle geworden. Um so größer ist die Aufgabe des Rabbiners als des geistigen Führers. Es hängt nicht zum kleinsten Teil von ihm ab, von seiner Tatkraft und seinem Fleiß, ob die großen Aufgaben der Zeit sich lösen und verwirklichen lassen. Der Rabbiner muß versuchen, die Herzen der Jugend zu öffnen, die sich aus der Bedrohtheit ihrer Existenz heraus nach einer Führung sehnt, die ihr ideale Lebensziele zu weisen vermag, die sie aus den Niederungen eines entsagungsvollen Alltags zu den Höhen der Geistigkeit und Religiosität führt. Auch die große seelische Not der Erwachsenen, denen alte Bindungen zerrissen sind, soll der Rabbiner durch den Trost unserer Geschichte und den Hinweis auf die jüdischen Ideale zu lindem suchen, um ihnen einen neuen inneren Halt zu geben. Diese Aufgaben sind nur zu lösen, wenn die Liebe für die Gemeinschaft jeden Tag gleich stark brennt. Für die ganze Gemeinde soll der Rabbiner auch Lehrer sein, ihr die verschütteten Quellen unseres Geistesgutes öffnen und ihr so helfen, die Harmonie des Lebens wieder zu erringen. Der Obhut des Rabbiners unterliegt die ganze Gemeinde. Er soll hoch über allen Parteiungen stehen und das kostbare Gut des Vertrauens, eifersüchtig hüten. ' Die Rede des Vorsitzenden schloß mit dem Wunsche, daß Rabbiner Richter mit Ruhe, Kraft und Liebe an seine Arbeit herantreten und daß Gottes Segen auf ihr ruhen möge. Hierauf bestieg Herr Rabbiner Richter die geschmückte KanzeL Er begann seine Antrittspredigt mit dem Hinweis auf die starken Gefühle der Demut und des Dankes, die ihn in dieser Stunde bewegten, der Demut dem Schicksal gegenüber, das ihn jung vor große Aufgaben gestellt habe und im Gedenken an die Männer, die vor ihm an dieser Stätte wirkten, des Dankes all den Menschen gegenüber, die ihn in seinem bisherigen Leben gestützt und gefördert haben. Der Mensch gelange nicht aus eigener Kraft zu hohen Zielen, sondern sei angewiesen auf Hilfe und Treue anderer, die auch er sich in seinem neuen Amt zu erringen hoffe. Wer Aufgaben gestalten wolle, müsse sich auf die Gaben besinnen, die er hierfür mitbringt. Er bringe die Erfahrung mit, die er durch die Arbeit in zahlreichen kleinen Gemeinden und an bedrückten Menschen gewonnen und die geistige. Prägung., die ihtn das Breslauer Seminar mit seinem historisch-positiven Programm vermittelt habe. Das 3. Buch der Lehre beginnt mit dem Wort „Es rief*. Es ist die Aufgabe des Menschen, aus den vielen Stimmen des Lebens den Ruf herauszuhören, der ihm zum „Beruf“ werden kann. Im Anschluß an die Sätze des Wochenabschnitts „Dies ist die Lehre vom Ganzopfer“ und „Ein ewiges Feuer brenne auf dem Altar, niemals darf es verlöschen“ führte Rabbiner Richter aus, daß in unserer Zeit schwerster Opfer erst die jüdische Haltung und das Verständnis für den Ruf Gottes das Opfer zum „Ganzopfer“ und damit sinnvoll mache. Das Feuer der jüdischen Seele darf niemals verlöschen, Rabbiner und Gemeinde sind die Hüter der Flamme, er als der Rufende, sie als die Hörenden, die den Ruf im Widerhall erst sinnvoll machen. Auf dieser Grundlage erhebt sich die Forderung, daß der Rabbiner Sachwalter der ganzen Gemeinde zu sein hat, um so mehr, als die Kehillo kedauscho stärkstes Bollwerk jüdischen Lebens in Zeiten der Not ist. Ein echtes und hilfreiches Gemeindeleben ist brennende Forderung des Tages, wenn auch das Ideal infolge des Individualismus der jüdischen Seele unendlich schwer zu erreichen ist. Der Rabbiner muß parteiisch sein in der Liebe zu allem echt Jüdischen und im Kampf gegen Lauheit und Egoismus. Die dreifache Aufgabe von Thora, Awoda und Gemiluth cheßed, des Lehrens und Lernens, Betens und Dienens, Helfens und Vertrauens ist immerdar der Gemeinde gestellt. In diesen Rahmen spannt sich die Arbeit des Rabbiners. Immer größer wird der Kreis derer, denen geholfen werden muß. Um so größer ist die Pflicht, die Hilfe mit jüdischer Gesinnung zu erfüllen und den Menschen zum Bewußtsein zu bringen, daß sie auf Gedeih und Verderb mit der Gesamtheit verbunden sind. Das Bewußtsein für die ewigen Kräfte der Gemeinschaft zu erwecken, ist die Aufgabe der Kanzel. Die Synagoge soll Versammlungsbaus für alle werden, alle sollen der Kraft des Gebets und des Trostes der Oberlieferung teilhaftig werden. Doch nicht der Rabbiner allein kann diese Stätte beleben. Dazu müssen alle beitragen, insbesondere die Kinder, deren Herz noch nicht zermürbt ist, die unseren Glauben an die jüdische Zukunft wach halten sollen. Der Erziehung dieser Jugend soll das heiße Bemühen aller Verantwortlichen gelten. Man muß ihr all das an geistigem Rüstzeug mitgeben, was sic für ein hartes Leben braucht. Jede Lernstunde soll so ernst genommen werden, wie es nötig ist, um wirkliche jüdische Bildung zu schaffen. Der Zugang zum jüdischen Geist aber, den wir in allen seinen Verzweigungen kennen und lieben lernen wollen, ist die hebräfsche Sprache. Das Lernen und Wissen führt uns zum Tun und Helfen, und beides wird zum Dienst an der Gemeinschaft und an unserem Gott. Rabbiner Richter gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Gemeinde einmal von ihm sagen möge „Er ist unser Rahbiner“ und sprach zum Schluß über die Gemeinde, die seinen Worten mit Ergriffenheit gefolgt war, den alten Priestersegen aus. Mit dem Lechu neranneno begann hierauf der Freitagabendgottesdienst. Jüdische Frauenarbeit im Mai IQ3Ö Der Arbeitsnachweis mit Berufsberatung ersucht stellungslose Mädchen und Frauen, sich unverzüglich zu melden. Die Geschäftsstelle befindet sich vertretungsweise Rosengarten 9/10, Hof part. Sprechstunden: Montag und Freitag 11 bis 12 Uhr; Dienstag und Donnerstag 16Vt bis 171/* Uhr. Fernsprecher: 26 883. Die Beratungsstelle gibt Auskunft in allen häuslichen Angelegenheiten. Die Geschäftsstelle, Rosengarten 9/10, ist geöffnet Montag und Freitag 11 bis 12 Uhr; Dienstag und Donnerstag 16V* bis 17?/* Uhr. Der Wohnirngsnaehwela bietet an: Viele möblierte Zimmer in allen Preislagen. Leere Zimmer mit und ohne Küchenbenutzung; Zimmer als Büroräume mit separatem Eingang; sucht: Preiswerte Kleinwohnungen. Angebote werden nur in den Sprechstunden der Geschäftsstelle, Rosengarten 9/10, Hof part., täglich vormittags, sowie Dienstag und Donnerstag 161/* bis 171/* Uhr entgegengenommen. Abmeldung bei anderweitiger Erledigung wird als selbstverständlich erachtet. Auskunft an Zimmer- und Wohnungssuchende wird gleichfalls nur mündlich in den Sprechstunden der Geschäftsstelle, Rosengarten 9/10, Hof part., erteilt. Anmeldungen betr. Hanspflegerinnen bei. Frl. Ilse Lewin, Bismarckstr. 24 (Telefon 21096). UnterrlehUkurse lm Aaahesaern von Kleidern and Wlsehe bei FrL Bamberger, Bismarckstr. 17. - Die Kleiderkammer bittet recht bald um Sommergarderobe und Wäsche. Bei Umzügen und Wohnungsverkleinerungen wird gebeten, überflüssiges Mobiliar zu spenden. 19

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.