Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 14 (1936)
- Issue
- 1 (1.1.1936) inkl. Mitteilungen der Synagogen-Gemeinde zu Stettin und Pommerns
- Date
- 1936-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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MITTEILUNGEN der Synagogen^Gemeinde zu Stettin und der Synagogen-Gemeinden Pommerns Zaaduiftea für diesen Teil des Blattes sind za richten an das Verwaltungsbäro der Synagogeit«Gemeinde, Stettin, Rosengarten 9»10 Januar 1936 Zum Problem der Religion im modernen Judentum Auszug aus zwei in der Vereinigung Bne Briß zu Stettin gehaltenen Vorträgen ~ von Bezirksrabbiner Karl Richter, Schivelbein. Religion als geprägte Form „muß zum Problem werden, wenn die Mächte der Tradition in die Krisis treten. Für die jüdische Religion ist dieser Augenblick gekommen, als infolge der geistigen ■ und politischen Umwälzungen der Aufklärungsepoche der festgefügte Bau des mittelalterlichen Judentums sich zu lockern beginnt. Der Einzelmensch tritt kraft seiner Freiheit kritisch der Tradition gegenüber, flieht vor ihr oder löst sich allmählich von ihr. Dieser Vorgang kann zur Anarchie werden, wie in der großen Taufbewegung zu Anfang des 19. Jahrhundert, er kann zur „Reform“ führen, zum Versuch der alten Mächte, sich in einer veränderten Welt neu zu orientieren. So haben wir zwei große Rettungsversuche des überlieferten Judentums in den einander gegnerischen Bewegungen des religiösen Liberalismus und der neuen Orthodoxie. Die Bewegungen unterscheiden sich in den Ansatzpunkten und den tragenden Theorien, die, summarisch gesagt, für den religiösen Liberalismus in einer Wertlehre bestehen, die die sittlichen Werte aus dem Traditionsgebäude heraushebt und die Aufgabe stellt, sie der Welt vorzuleben, für die Orthodoxie irf der Erfüllung des Gesetzes zur Heiligung des Lebens. Das Gesetz darf nicht „verändert“ werden, wird aber weithin umgedeutet und symbolisiert. Gemeinsam ist beiden Bewegungen die Anerkennung der gegenwärtigen Geschichtslage. Das in die . Umwelt eingegliederte Leben des emanzipierten Juden wird weithin als Geschichtsziel anerkannt. Die jüdische Geschichte ist ihrer Aktualität entkleidet, wird zum Gegenstand der „Geschichtsforschung“. Das Judentum wird zum Ueberbau, zur „Religion“ im Sinne eines Lehrgebäudes, das anderen Lehrgebäuden apologetisch entgegengehalten wird, zur Philosophie. Die „Wissenschaft des Judentums“ entsteht als wesentliches Positivum dieser Zeit. Verhängnisvoll wird die Vergeistigung, insofern sie zu einer Entfremdung zwischen dem jüdschen Geist und dem Leben des Alltags führt, insofern die Religion Angelegenheit des Feiertags wird, da ihr die Anerkennung als lebensgestaltende Macht immer mehr versagt bleibt. ' Einen neuen antithetischen Ansatz bringt innerhalb dieser Entwicklung die revolutionäre Bewegung des politischen Zionismus, die das Judentum wieder auf eine tiefere Ebene führen will: auf die Ebene der biologischen und existentiellen Bindung. In den schweren Kämpfen und der allmählichen Durchsetzung der neuen Gesamtansicht verändert sich das Problem der Religion und stellt sich gleichzeitig nüchternster und schärfer. Denn nunmehr sieht sich die Religion nicht mehr einem „entjudeten“ Leben gegenüber, das sie jüdisch gestalten soll, sondern einem „jüdischen Leben“, das aber ein säkularisiertes ist, d. h. ein Leben, das in ✓seiner ganzen Breite und Tiefe von bewußten Juden gelebt wird, die sich einem.jüdischen Volk und einer jüdischen Kultur zugehörig fühlen. _ Innerhalb dieser Bewußtheit kann indes Religion eine untergeordnete Rolle spielen, braucht die religiöse Beziehung nicht die entscheidende Antwort auf alle Fragen zu geben. Hier ' liegt das ernste und wichtige Problem der Religion im modernen Judentum, das nach den Worten des neuen Rektors der Universität Jerusalem in seiner Antrittsrede „das zentrale Problem des jüdischen Volkes“ darstellt. Das Problem verliert seinen Ernst nicht dadurch, daß es bagatellisiert oder auf „bessere“ Zeiten verschoben wird. Für den religiösen Menschen besteht die Forderung, daß das Leben des Juden jüdisch zu formen, mit dem Geist des Judentums zu erfüllen ist. Dieser Geist des Judentums aber ist seit dem Sinai und seit langen Jahrhunderten der Reinigung und Sonderung ein konkreter Wertbegriff. Der jüdische Geist erhebt den Anspruch, das gesamte Leben unmittelbar oder mittelbar unter die Gottesbeziehung und die von dort aus gesetzte Geschichtsaufgabe des jüdischen Volkes zu stellen. Dies bedeutet negativ gewendet die Fragwürdgikeit einer jüdischen Kultur, die sich grundsätzlich unabhängig von dieser Beziehung weiß, die ihre Legitimation aus anderen Grundbeziehungen schöpft. Der jüdische Geist wird nicht darauf verzichten können, seinen Ausgang, seinen Weg, und sein Ziel als für ein jüdisches Leben verbindlich zu setzen. Der Ausgang ist das Bewußtsein der Auserwählung, nicht im Sinne eines nationalen Dünkels, sondern im Sinne der außergewöhnlichen Bundesverpflichtung. „Volk nicht wie alle Völker“ heißt eine unveräußerliche Bedingung seit den Tagen der Propheten, die gerade heute zu stellen ist, wo das Volk in stolzer Bewußtheit zu sich selbst zurückfindet. Hier gilt es, aus der Geschichte zu lernen, die zu grausamen Sanktionen gegriffen hat, wenn der Bund gebrochen wurde. . . •-» Der Weg des Juden heißt Thora, nicht in einem einengenden Sinn, sondern in* dem ganz umfassenden, den etwa Rubers „Weisung“ meint: in dem Doppelsinn als „Unterweisung“ und als „Wegweisung“, als Theorie und Praxis des jüdischen Lebens, als Verkündung und Weg, Haggada und Halacha. Der deutsche Jude unserer Tage kommt zum Judentum als baal tschuwa, als ein Umkehrer und ■ Heimkehrer. Er berührt auf diesem Gang mehrere Stationen, deren erste den Blick, in die weite Welt der Haggada öffnet. Hier liegt der Sinn des „Lernens“,' das zuerst wieder von Franz Rosenzweig als der Weg erkannt wurde, der die Entfremdeten in das Herz des Judentums führt. „Lernen“ im weiten Sinn der Aneignung alles jüdisch Wißbaren und Lernbaren. Die hebräische Sprache ist der Schlüssel, der die Pforte zu den Dokumenten' des jüdischen Geistes in seiner endlosen Kontinuität ^öffnet, die jüdische Geschichte im weitesten Sinn als 'Volks- Aind Geistesgeschichte das; Land unserer Entdeckungen und der 13