Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 13 (1935)
- Issue
- 1 (1.1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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geistigen, seelischen, körperlichen Veranlagung unserer Kinder. Ihre Beeinflussung durch Elternhaus und Schule. Dr. Fritz Steinthal, Münster, Studiendirektor. — Jüdische Stoffe im Deutsch-Unterricht der Volksschule. Tagung des Provinzialverbandes der. Jüdischen Gemeinden Ostpreußens Am Sonntag, den 9. Dezember, fand in Königsberg eine Versammlung des Provinzialverbandes der ostpreußischen Gemeinden statt, an der die Gemeinden, Königsberg, Allenstein, Bartenstein, Braunsberg, Elbing, Goldap, Insterburg, Marienwerder, Osterode, Rastenburg, Tilsit und Zinten teilnahmen. Den Vorsitz führte Rechtsanwalt Dr. Ehrlich-Königsberg. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hatte zu der Sitzung seinen Vizepräsidenten, Herrn Rechtsanwalt Dr. Klee-Berlin, entsandt, der einen eingehenden Bericht über die Leistungen des Preußischen Landesverbandes auf allen Gebieten seiner Tätigkeit erstattete. Im Anschluß hieran gab Herr Gemeinderabbiner Dr. Lewin- # Königsberg auf Grund umfangreicher statistischer Arbeiten einen Ueberblick über die Bevölkerungsbewegung in den ostpreußischen Gemeinden. In ganz Ostpreußen hat die Judenheit im Jahre 1933 gegenüber dem Jahre 1925 eine Abnahme von etwa 22 */o zu verzeichnen. In der anschließenden Diskussion wurde darauf hingewiesen, daß während 1931 noch 53 Beamte in 63 Gemeinden tätig waren, im Jahre 1934 nur noch 29 Beamte in 56 Gemeinden vorhanden sind. Welche katastrophalen Verhältnisse in einigen Gemeinden herrschen, bewies ein Hinweis auf Elbing, wo in sechs Jahren ein einziges jüdisches Kind geboren worden ist. Von Seiten der Lehrerschaft wurde dem Landesverband Dank für die Schaffung der Pensionskasse ausgesprochen, aber auch die Aufforderung an die Gemeinden gerichtet, sich dieser Pensionskasse rege zu bedienen. Es wurde um einen genauen Arbeitsplan für die Bezirkslehrer und um erneute Prüfung gebeten, ob nicht das einmal früher in Aussicht genommene Bezirksrabbinat Rastenburg eingerichtet werden könne. Ferner wurde auf die Notwendigkeit der Anlegung von Familienregistern hingewiesen und darauf aufmerksam gemacht, daß die Mohelbücher wertvolles Material enthalten. Die vom Preußischen Landesverband für Ostpreußen in Aussicht gestellten Kulturfahrten wurden lebhaft begrüßt; sie sollen eine umfangreiche Ergänzung durch solche Kulturfahrten erfahren, die von den größeren Gemeinden selbst veranstaltet werden. Rühmepd wurde bei einzelnen Gemeinden hervorgehoben, daß sie einen Rückgang der Bevölkerungszahlen dadurch vermieden haben, daß Geschäftsinhaber jüdische Handlungsgehilfen und Handlungsgehilfinnen eingestellt haben. Als besonders traurig wurde aber immer wieder hervorgehoben, daß die Steuerfähigkeit der Gemeindemitglieder in viel kritischerem Umfange abgenommen habe als die Zahl der Gemeindemitglieder selbst, daß sich deutlich in vielen Gemeinden feststellen lasse, daß gerade die leistungsfähigsten Mitglieder die Gemeinde verlassen haben. Der Insterburger Gemeinde, die im Jahre 1834 begründet wurde, wurde der Glückwunsch des Provinzialverbandes ausgesprochen, dem sich Dr. Klee für den Preußischen Landesverband anschloß. Die Tagung zeigte trotz allem Drückenden und Schweren einen erfreulichen Optimismus und den allseitigen Willen zur Arbeit. Im Anschluß an die Tagung fand in der überfüllten Aula der Hindenburgschule ein Gemeindeabend statt. In einleitenden Regrüßungsworten stellte der Vorsitzende der Königsberger Gemeinde, Prof. Dr. Falkenheim fest, daß der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden von ganz besonderem Segen gewesen sei, und daß die Hilfe des Landesverbandes eine ganz außerordentliche Bedeutung gehabt habe, so daß man sagen könne, daß nur mit der Hilfe des Landesverbandes die ostpreußischen Gemeinden sich halten konnten. Hierauf hielt Rechtsanwalt Dr. Klee- Berlin einen Vortrag über das Thema: „Die Jüdischen Gemeinden in dieser Zeit“. Der Referent erntete stürmischen Beifall, als er betonte und an einer Fülle von Beispielen 10 darlegte, daß die Gemeinden in dieser ernsten Zeit mehr als je die Aufgabe haben, die Träger des jüdischen Lebens zu sein, und daß es keinen Bezirk jüdischer Arbeit gäbe, den die Gemeinden nicht zu betreuen hätten. Winter in Deutschland Die Schneeberichte beginnen günstiger zu lauten, und damit wird wieder von vielen die,Frage gestellt: Wohin soll man fahren? Wohin kann man fahren? Wir wollen versuchen, einen kurzen Ueberblick über die deutschen Wintersportgebiete zu geben; und, soweit der Weg über Städte führt oder in Landschaften, die dem deutschen Juden als Juden etwas bedeuten, wollen wir dort einen Augenblick verweilen. Für den Norden und Osten Deutschlands ist das Riesen- und Erzgebirge seit langen Jahren ein beliebter Winteraufenthalt. Besonders das Riesengebirge gilt als schneesicher und mit seinen komfortablen Hotels und sportlichen Bauden ist es für viele der Ersatz für das „richtige“ Hochgebirge. Die beliebtesten Ziele des Riesengebirges sind Schreiberhau (500—900 Meter) und Krummhübel (550—843 m). In nächster Nähe liegt Hain (500 m) und Liebau, schon nahe an der tschechischen Grenze. Gern besucht wird auch Brückenberg (840 m), Schmiedeberg und Hermsdorf. Das 600 m hoch gelegene Bad Flimsberg ist der Mittelpunkt des nahen Isergebirges. Dresden und Chemnitz sind die Eingangspforten in das Erzgebirge. Der bedeutendste Wintersportplatz ist Oberwiesenthal (914 m); von dort sind viele Bauden, darunter auch die Sachsenbaude, bequem zu erreichen. Neben Oberwiesentbal hat auch Johanngeorgenstadt (760 m) ein schönes, leichtes Skigelände. Oberwiesenthal hat aber den Vorzug der Seilbahn auf den Fichtelberg (1214 m) mit schönen Abfahrten und großer Schneesicherheit. Neben diesen beiden Hauptorten gibt es noch zahlreiche landschaftlich schöne Plätze, die allerdings nur einfacheren Ansprüchen genügen dürften: Annaberg (600 m), Kipsdorf in gleicher Höhe, Bärenfels (630 m), Wald- und Oberbärenburg (750 m), Altenberg (800 m) sind besonders bequem mit dem Autobus von Dresden aus zu erreichen. Wenn wir uns nun zum Harz wenden, so wollen wir kurze Station in Halberstadt machen. Die Stadt hat eine uralte Judengemeinde, die schon 1261 urkundlich erwähnt wird. Aber nach kurzer Blütezeit brachen Verfolgungen über die Juden herein: wiederholt wurden sie vertrieben, kehrten aber immer wieder zurück. Besser erging es ihnen erst, als das Bistum Halberstadt an Brandenburg überging (1648); aus dieser Zeit stammt auch die alte Synagoge. Der alte Judenfriedhof wurde 1676 erworben, dürfte aber schon Jahrhunderte hindurch als Begräbnisstätte gedient haben; er liegt auf dem sog. Warderhoch. 1795 gründete der Judenälteste Hirsch Isaak Borchard die Hasharat Zwi, eine Schule für arme, verwaiste jüdische Kinder, die als eine der ältesten Elementarschulen heute noch besteht. Gegenwärtig zählt Halberstadt etwa 900 Juden. Auch Hildesheira und Nordhausen am Eingang zum Harz haben eine alte;jüdische Tradition. Aber wir haben keine Zeit, in diesen beiden Städten zu verweilen und wollen zu unserem eigentlichen Ziel, dem Harz. Bad Harzburg am Fuße des Harzes ist eine seit Jahren von Juden bevorzugte Sommerfrische und Wintersportort. Von dort führt die Wanderung weiter nach dem idyllisch, inmitten weiter Flächen gelegenen Hahncnklee und Schierke (650 m). Beide liegen im Ober- und Hochharz, ein Gebiet, das als besonders schneesicher gilt. Neben Braunlage (620 m), Elend (508 m), Clausthal-Zellerfeld (550 m) und Hohegeiß (642 m) gehört auch St. Andreasberg (600 m) zu den Harzplätzen, die die Bezeichnung „Wintersportort“ , führen dürfen. Wernigerode und Suderode am Fuße des Harzes werden von den nicht aktiven Sportlern gerne besucht. Ganz kurz wollen wir noch in den Schwarzwald und nach Thüringen, um uns dann Bayern zuzuwenden. Die besuchtesten Orte des Schwarzwaldes sind Freudenstadt (740 m) und Herrenalb (400 m) im nördlichen Schwarzwald, Triberg, Titisee (860 Meter), Lenzkirch, Feldberg, St. Georgen im mittleren und südlichen Schwarzwald. In Thüringen ist am schneesichersten der 750 m hohe Kamm, über den sich in einer Länge von 110 km der Rennsteig hinzieht, ein wundervolles Skigelände. Mittelpunkt des Sportbetriebes ist das 830 m hoch gelegene Oberhof, das auch den verwöhntesten Ansprüchen gerecht wird. Friedrichroda ist zwar etwas tiefer gelegen, bietet aber dafür jeden Komfort. Groß ist die Anzahl der kleineren Orte, die bescheideneren Ansprüchen genügen. Und nun nach Bayern, altes deutsches Land mit Jahrhunderte alten Judengemeinden. Die älteste Gemeinde ist die von Regensburg, seit 981 urkundlich nachweisbar. Aber wenn auch die Gemeinde in diesem Jahre schon bestand, so ging doch die Entwicklung — wie in allen anderen Gemeinden Deutschlands — nicht geradlinig vorwärts. Immer wieder hören wir von Vertreibungen und Verfolgungen, und gerade in Bayern, das nach dem Rheinland die schönsten und blühendsten Ge-