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Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens · 1934-11-01 · 8 (1.11.1934) · p. Seite 2

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Journal
Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
Volume
12 (1934)
Issue
8 (1.11.1934)
Date
1934-11-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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stes das Wesen dei Menschen ausmachen. Dies bedeutet endlich, daß es nicht entscheidend ist, woher wir kommen, sondern wohin wir gehen und was wir aus uns gemacht haben. Aber das freilich ist» sicher, daß auch wir einen Lebensstil schaffen müssen, um gleichberechtigt neben und mit der Umwelt verkehren zu können. Dabei ist es eine Selbstverständlichkeit, daß der leitende Lebensgedanke nur die jüdische Weltanschauung sein kann. Es bleibt nichts anderes. Wir müssen endlich das Große |und das Kleine, das persönliche Leben und die Gemeinschaft, Nation und Menschheit unter jüdischem Gesichtswinkel betrachten. Das ist nicht etwa die bisher selbst bei indifferenten Juden beobachtete Empfindlichkeit, auf jede unangenehme Berührung des Judentums durch Andersgläubige mit Nervosität zu reagieren. So sieht negatives Judentum aus. Hier zeigt sich die innere Labilität, das Schwanken, das den Mangel an seelischem Halt und seelischer Sicherheit I dem Außenstehenden sichtbar macht. An diesem punkte ist der Mangel an Lebensstil am greifbarsten. Nichts von Stolz auf die eigne Betrachtungsart des Lebens ist da vorhanden, vielmehr sieht jeder, daß man etwas verheimlichen und verdrängen will. Man will sich unsichtbar machen, und wird dem andern erst recht sichtbar in der ausgehöhlten Tiefe seines Gemütes. Man zeigt damit seine Unausgeglichenheit und Uneinheitlichkeit. Auf solchem Boden rul>t nicht ein starker Lebensbau, sondern ein Kartenhaus, das dem schwachen Winde erliegt. So haben wir gelebt. So dürfen wir nicht weiter leben, wenn'wir eine neue Achtung gewinnen wollen. Jüdischer Lebensstil bedingt nicht die Geringschätzung außerjüdischer Werte. Unsere Ahnen im mittelalterlichen Ghetto vermochten ohne tiefere Berücksichtigung deri Umwelt zu leben. Wir können es nicht mehr, und;wir wollen es nicht mehr. Ghettozustand ist anormales Kulturleben; er schafft Einheitlichkeit ohne Allseitigkeit. Wir können diese 150 Jahre unserer Eingliederung in die Zivilisation nicht ungeschehen machen und überspringen, wir wollen es auch nicht, weil es der Kulturfreundlichkeit und dem Kulturvertrauen des Judentums widerspricht. Einen Lebensstil des Sonderlings zu schaffen, ist leicht, weil dieser sich bewußt von den andern scheidet und das Schlechte der Umwelt meidet, aber auch das Gute ablehnt. Echte Kultur entsteht beim einzelnen und bei der Gemeinschaft nur durch Vergleich und Kritjk, durch Auseinandersetzung und innere Verarbeitung des Eigenen mit dem Fremden. Wie schaffen wir einen jüdischen Lebensstil? Es ist vor allem notwendig, daß wir endlich den Verzicht auf alle Theorie aufgeben, dem wir nur zu lange hingegeben waren. Was nicht Praxis war, galt uns nichts. Wir wähnten, das Leben durch das tätige Leben zu bezwingen. Man kann das Leben aber nur durch den Geist erkämpfen, Verstehen, als Sieger überwinden. Auch alle wirtschaftlichen Schöpfungen des einzelnen und des Volkes ruhen auf nationalökonomischen Grundsätzen, die man nicht ungestraft vernachlässigen darf. Eine lebendige Weltanschauung muß von uns wiedergewonnen werden. Wir dürfen nicht glauben, daß das theoretische Lernen mit der Schulzeit abgeschlossen sei. Nicht jede Theorie ist grau und unfruchtbar. Ohne echte Lebensanschauung gibt es keine wahre Lebensüberwindung. Wir müssen das Judentum keQnenlernen, um auf einem festen Grund unser inneres und äußeres Dasein aufzubauen. Das Judentum hat als die älteste und am längsten lebende Kulturansicht sich mit allen wechselnden Lebensstilen auseinanderzusetzen verstanden. Es gibt grundlegende Antworten auf alle Fragen. Es gewährt uns eine innere Sicherheit und einen seelischen Adel, vor dem jeder Andersgläubige Respekt hat. Darum gilt es, jüdisches Sein lernend und lebend zu erfassen. Selbst die wirtschaftliche Not darf uns nicht hindern, diesem Lernen einige Stunden in der Woche zu widmen. Wie wir schöngeistige Bücher noch immer uns zu eigen machen und bei der Lektüre die Ungunst des Tages vergessen, so müssen wir Bücher über das Judentum mit geistigem Ernst aufzunehmen suchen. Die Scheu vor dem jüdischen Buch muß überwunden werden. Wir haben es die längste Zeit zu unserem unsäglichen Schaden dem jüdischen Theologen völlig überlassen. Nur so ertragen wir den sorgenvollen Alltag. Man muß im'Alltag nicht ein Alltagsmensch mit seiner ganzen traurigen Lebensflachheit werden. Die Bibel und die Kenntnis der jüdischen Geschichte sind die Wege zum jüdischen Lebensstil, weil sie uns unbedingten Glauben und Stolz auf das Judentum geben. Durch sie erhöht sich das Berufsschaffen zum höheren menschlichen Wirken an jedem Tage. So wird der jüdische Berufsmensch zum Menschen des jüdischen Ideals, des menschlichen Ideals. Wie es entscheidend ist, wie der Mensch den Abend, die Zeit nach der Tätigkeit, ausfüllt, so ist es entscheidend, wie wir den Alltag gestalten. Es kann nicht jeder Tag Festtag sein, aber es muß jeder Arbeitstag seine seelische Feierstunde haben. Das Leben darf nicht bloß gleichsam der Fabrikraum sein, in dem die wirtschaftlichen Güter hergestellt werden, sondern es muß einen Wohnraum haben, wo der Geist und das Gemüt sich heimisch fühlen! So sah immer der jüdische Alltag aus, und in der gleichen Richtung muß unsere seelische Neuschöpfung sich gestalten. I Diese Einstellung führt von selbst dazu, daß wir den wöchentlichen Tag des Ideals, des jüdischen Ideals, der der Sabbat ist, aus seiner vernachlässigten Erniedrigung zur Höhe bringen. Irgend etwas müssen wir tun, damit er wieder zu uns spreche. Wer ihn auszeichnet, ihn heraushebt aus der Reihe der Tage, der sucht und findet den jüdischen Lebensstil. Sinn für Sabbat ist Sinn für jüdischen Geist, der fern ist von aller Verstandeskultur, ist Sinn für Gemüthaftig keit, die fern ist von aller bloßen Zweckhaftigkeit, ist Sinn für inneres Leben, das fern ist von allem ner vösen Vorwärtsdrängen. Man muß ruhen können, um sich mit Erfolg weiterzubewegen. Man muß immer wieder Seele gewinnen, um Mensch zu bleiben. Man muß den Sabbat auszeichnen, um den Werktag zu heiligen. Unsere Jugend nimmt erneut jüdisches Wissen und jüdisches Leben in ihr Ziel auf. Sie sucht einen jüdischen Lebensstil. Glaubt die ältere Generation einen neuen Weg zu sich selbst und zur Umwelt nicht mehr suchen zu können, will sie den früheren Weg nicht preisgeben, der ein Irrweg war und unser Unglück mit verschuldet hat oder uns das hereingebrochene Leid nicht überwinden läßt, dann wird die Kluft zwischen Eltern und Kindern unüberbrückbar, und die jüdische Familie, die einst den Lebensstil der inneren Gesundheit und Kraft in einzigartiger Weise gestaltet hat, bricht zusammen. So ist die Frage des Lebensstils die Lebensfrage des neuen jüdischen Menschen. Auf ihr beruht sein Glück und seine Kraft, die Größe und Freiheit seines Lebens, die Achtung bei den andern und die ewige Zukunft des Judentums. 2

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