Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Journal
- Gemeindeblatt für die Jüdischen Gemeinden Preussens
- Volume
- 12 (1934)
- Issue
- 4 (1.7.1934)
- Date
- 1934-07-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Landesverband jetat bevorsteht, in Tabelle 2 noch nicht enthalten ist. Pommern hat außer Stettin nur kleinere MHtelgemeinden, sonst entspricht es im wesentlichen der Gesamtgliederung. Die Grenzmark dagegen weist überhaupt keine Gemeinde über 1000 Seelen auf, die größte Gemeinde, Schneidemühl, zählt nur etwas über 600 Seelen (heute rd. 500). Dafür ist die Kategorie 100—499 Seelen stärker als im Durchschnitt vertreten. Es handelt sich, wie schon oben erwähnt, um die Reste der ehemals posenschen Gemeinden, die von ihrer früheren stattlichen Größe immerhin noch soviel gerettet haben, daß sie nicht zu ausgesprochenen Zwerggemeinden herabgesunken sind. Für Niederschlesien kann auf das verwiesen werden, was schon oben gesagt worden ist: Breslau zieht immer mehr die Juden aus der Provinz heraus. Der Anteil der Kleingemeinden unter 100 Seelen ist größer als im Durchschnitt, es sind nur 2 eigentliche Mittelgemeinden vorhanden, daneben noch verhältnismäßig stark die Gemeinden zwischen 100 und 500 Seelen vertreten. In Oberschlesien dagegen spielen die Zwerggemeinden kaum eine Rolle; sie umfassen noch nicht 10% aller Seelen. Auch auf die Gemeinden zwischen 100 und 500 Seelen entfallen nur rd. 10% der Gesamtseelenzahl, gegen rd. 27% im Durchschnitt. Dafür zählt diese Provinz unter insgesamt nur 23 Gemeinden 5 Mittelgemeinden mit 7240 Seelen, d. s. 20% der Gemeinden mit über 80% der Seelen. Die nicht zu kleine Mittelgemeinde, zweifellos der erwünschteste Typus der jüdischen Gemeinde, ist hier also weit über dem Durchschnitt vertreten. In Sachsen gibt es neben ziemlich zahlreichen ganz kleinen Gemeinden, in denen kaum noch von irgend einem Gemeindeleben die Rede sein kann, nur wenige Mittelgemeinden von allerdings nennenswerter Größe. Schleswig-Holstein hat außer Altona, Kiel und Wandsbek nur eine Reihe sehr kleiner, leistungsunfähiger Zwerggemeinden. Hannover ist kein homogenes Gebiet. Unter den 23 Gemeinden des Regierungsbezirks Hannover zählt nur Hannover selbst mit 5521 Seelen mehr als 200 Seelen, alles andere sind also Klein- und Kleinstgemeinden. Ebenso haben 6 von den 7 Gemeinden des Regierungsbezirks Stade, 19 von 23 Gemeinden des Regierungsbezirks Hildesheim weniger als 100 Seelen. Auch die Regierungsbezirke Osnabrück und Lüneburg weisen recht viele Kleingemeinden auf. Dagegen zählt der Regierungsbezirk Aurich (Ostfriesland) unter 9 Gemeinden nicht weniger als 5 Gemeinden über 100 Seelen mit zusammen fast 2000 von den insgesamt 2200 Seelen des Bezirks. In diesem kleinen Teil der Provinz sitzen die Juden also sehr dicht, während sie in den übrigen Bezirken weit zerstreut wohnen. Westfalen entspricht etwa der Gesamtschichtung, im Industriegebiet des Regierungsbezirks Arnsberg sind besonders zahlreiche größere Mittelgemeinden vorhanden, während im Regierungsbezirk Minden die Kleingemeinden vorwiegen. Die Angaben für den Regierungsbezirk Kassel bedürfen der Korrektur durch die Gemeinden des Halberstädter Verbandes, die hier nicht gegeben werden kann. Eine solche Ergänzung würde aber jedenfalls das abnorme Bild, daß dieser Bezirk bietet, nur noch wesentlich verstärken: eine weit über den Durchschnitt hinausgehende Fülle von Kleingemeinden und kleineren Mittelgemeinden. Eine Bestätigung dessen, was schon oben bei der allgemeinen Bevölkerungsstatistik über diesen Bezirk gesagt worden ist. Im Regierungsbezirk Wiesbaden ist diese Situation fast noch schärfer ausgeprägt. Es gibt außer Wiesbaden und Frankfurt überhaupt keine Gemeinde mit mehr als 500 Seelen, dafür eine Fülle kleiner und kleinster Gemeinden. Bleibt die Rheinprovinz : die Provinz mit den meisten Gemeinden und der größten Seelenzahl (von Berlin abgesehen), so wie sie ja auch bei der Gesamtbevölkerung die größte Provinz ist. Von den 7 Gemeinden über 1000 Seelen (außer Köln) liegen die 5 größten im Regierungsbezirk Düsseldorf, d. h. im Industriegebiet; von den 8 Gemeinden zwischen 500 und 1000 Seelen liegen 5 im gleichen Bezirk. Dagegen gibt es hier nur 3 Gemeinden unter 50 Seelen. Der Regierungsbezirk Aachen mit allerdings nur 5 Gemeinden zählt darunter keine, die weniger als 100 Seelen hat. Demgegenüber gibt es in den Regierungsbezirken Köln, Koblenz und Trier zahlreiche Klein-, ja Zwerggemeinden. Hier kommen auch noch die nicht bekannten Zahlen für die Gemeinden des Halberstädter Verbandes hinzu. Das Bild ist im ganzen ähnlich wie in der Provinz Hannover: die Juden konzentrieren sich in einem Bezirk; nur daß es sich hier um große und verhältnismäßig wohlhabende Mittelgemeinden handelt, während es im Bezirk Aurich eher größere Kleingeraeinden waren. Im übrigen findet man auch in einzelnen Gegenden der Rheinprovinz außerhalb des Industriegebietes verhältnismäßig zahlreiche jüdische Gemeinden nahe beieinander, z. B. im Siegtal, im Moseltal, in der Nähe von Kreuznach, auf dem Hunsrück usw. Allerdings handelt es sich da fast ausschließlich um kleine Gemeinden. (Sdiloß folgt) Von Familiennamen und Staatsburgerlisten. Von Dr. Jacob Jacobson, Berlin (Schluß Wir können denn auch gerade für Berlin feststellen, daß von dieser Erlaubnis schließlich ein sehr ausgiebiger Gebrauch gemacht wurde. Die Mannigfaltigkeit von Vornamen, die als deutsch empfunden wurden, bietet eine Parallele zu der Beweglichkeit und Fülle der damals neu angenommenen Familiennamen. Auf die gewählten Vor- und Familienuamen selbst hier einzugehen, muß schon aus Raumgründen unterlassen werden. Konflikte, deren Wurzel wohl im Urgrund einer nicht überwunden« Abneigung lag, waren allerdings bei der so großzügig frdgegebenen Namenswahl nicht zu vermeiden. Man mochte wohl wünschen, daß die freischöpferische Phantasie neue Namen in Hülle und Fülle aufbrachte. Allein dies war kaum möglich. Alle denjt&aren menschlichen Verhältnisse, Vorstellungen, Begriffe!: Bezeichnungen hatten ja bereits ihren Niederschlag in dein schon allgemein vorhandenen Namen gefunden. Es war also unvermeidlich, daß sich vielfach die von Juden neu angenommenen Namen mit bereits bestehenden bekannten Namen deckten. Das machte aber noch in letzter Minute den preußischen Justizminister v. Kircheisen bedenklich. Er stieß sich daran, daß von Berliner Juden — wohl aus einem gewissen Geltungsbedürfnis heraus —' Namen von besonderem Klang wie Bernsdorff, Bassewitz und Lohde als neue Familiennamen gewählt und in den öffentlichen Blättern bekanntgegeben wurden*). Kircheisen wollte daher der ganzen Frage eine andere Wendung geben und erstrebte eine Verfügung dahin, daß die Familienväter auf die Weise „fest bestimmte“ Familiennamen schufen und weitervererbten, daß der zweite Name in der bisher üblichen Namensformulierung '*) Eine Liste solcher im Inseratenteil der Berlinischen Nachrichten (Haude- und Spenerscbe Zeitung) in den Jabren 1812 bis 1814 bekanntgegeben en Umbenennungen bringt Heinrich Loewe in seinem Aufsatz „Namensänderungen“ im Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin vom 8. Mai 1927, S. 110. 9