Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 10 (1932)
- Issue
- 2 (1.3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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HUgemeine Grundzüge aus der Brbelt des Vezirksrabbinates vorken. Das Bezlrksrabbinat in Borken i. W, das als eines der ersten im Januar 1930 geschaffen wurde, halte einen sehr schweren Standpunkt, um sich durchmsetzen und den geistigen Aufbau von Gemeinden durchzuführen. Als der erste Bezirksrabbiner in Borken hatte ich anzuknüofen an alte, aber unterbrochene Traditionen, den westfälischen Verein zur Erhaltung der religiösen Interessen und an das von diesem Verbände unterhaltene, aber seit ca. 8 Jahren aufgelöste Rabbtnat, das den Sitz in Marburg, Recklinghausen und Gelsenkirchen zu verschiedenen Zeiten gehabt hatte. Trotzdem halte ich in ganz anderer Meise vorzugehen wie meine Amtsvorgänger, die Beamte eines Vereines waren und nicht in der Meise alle Richtungen im Judentum zu betreuen hatten, wie es meine Aufgabe als Bezirksradbiner ist. Das Leben jeder jüdischen Gemeinde, im besonderen . Maße aber der Kleingemeinde, hängt davon ab, daß mindestens der Sabbatgottesdienst stattfindet und daß der Jugend Religionsunterricht erteilt wird. Der Bezirksrabbtner hat flch daher zunächst um diese wichtigen Institutionen zu kümmern und dann die religiöse, geistige und soziale Grundlage zu schaffen. Zum Gottesdienst gehört Minjan und ausgebilüete unktionäre, Vorbeter und Thoravorleser. Ist Minjan in emeinden nicht vorhanden, so verbinden flch kleine Nachbargemeinden entweder regelmäßig an einer Stelle oder abwechselnd in den verschiedenen Orten. Ist dieser Weg nicht gangbar, so kommt die Gemeinde ohne Minjan zusammen und spricht die Gebete und hört die Thoravorlesungen, ohne daß Kaddisch, die Brochaus beim Aufrufen zur Thora und die Keduschoh gesagt werden. Zu den Feiertagen und zum Iahrzeit werden Gäste als Minjanleute bestellt. Ilm Funktionäre in solchen Gemeinden zu schaffen, wo kein Lehrer oder älterer geübter Vorbeter vorhanden ist. hielt ich einen Kantorenkurs ab, der von Mitgliedern aus vier Gemeinden regelmäßig mehr als ein halbes Jahr besucht wurde, und in dem Hilfskantoren theoretisch durch mich und praktisch durch den Äezirkslehrer und -Kantor ausgebildet wurden. Man lernte Sinn und Inhalt der Gebete, korrektes hebräisches Lesen und Dortragen der Gebete, Inhalt und Ileberblick der Thora- und Profetenabschnitte, Vorkragen des Wochenabschnittes und der Hasthara mit Reginaus und Schofarblasen. Diese Hilfskantoren haben schon zum Teil an den letzten Feiertagen in ihren Heimatgemeinden ihres Amtes gewaltet, lieber das Minjan wird heute in vieien Kleingemeinden geklagt, besonders nachdem die Wirtschaft einen stärkeren Lebenskampf verlangt und dadurch eine starke Ablenkung von religiösen Idealen leider Gottes elngetreten ist. Die Jugend macht seit meinem Amtsantritt große Fortschritte, besonders in den Kleingemeinden, wo der Bezirkslehrer die Kinder an den Religionsunterricht fesselt, so daß fast alle Kinder einen wöchentlichen, zum Teil einen zweimal wöchentlichen Unterricht erhalten. Das Lehrziel ist ein größeres und ein höheres geworden. Die von mir regelmäßig durchgeführten Prüfungen steigern die Lernfreudigkelt der Kinder und den regelmäßigen Unterrichtsbesuch. Selbstverständlich sind die jüdischen Fortschritte der Kinder am Sitze des Bezirksrabbinates zu loden, wo eine jüdische Volksschule besteht, die den ersten allgemein-jüdischen Erziehungsgrund legt, und wo die Jugend an höheren Lehranstalten bis in die Oberklasfen durch mich im Religionsunterricht erzogen werden bann, wozu noch durch floate jüdische Lehrstunden Interessierte ein gehobenes Niveau erreichen. Das gesamte Kaschrutb befindet sich heute auch schon in besserer Ordnung, nachdem zwei berufsmäßig ausgebildete Schochtim ihres Amtes walten und auch der Wanderlehrer in den Landgemeinden die Echechitoh ausüben kann. Privatschochtim lassen sich heute schon regelmäßig prüfen und suchen sich zu vervollkommnen. Andere ungeeignete Schochtim müssen mit der Zeit zurücktreten, damit diese heilige Arbeit nur von berufenen Kräften ausgeübt werden kann. Um auswärtigen Reisenden Spelsemöglichkeiten zu am, sind einige rituell einwandfreie Mittagstische eintet, die im Verzeichnis des Hamburger rituellen Speilevereins auszufinden sind. Auch wird in einer Molkerei Kofcherbutter unter Aufsicht hergestellt, so daß die Ritualarbeit im steten Wachsen begriffen ist. Die weitere, ständige und intensive Arbeit wird mit der Zeit auch die Mißstände auf diesem Gebiete beseitigen, soweit solche noch vorhanden sind. Die heutige Wirtschaftskrise verlangt mehr Hingabe zur sozialen Tat als je zuvor. Daher ist es meine besondere Aufgabe, Annehmer aller Bedürftigen und wirtschaftlich Ringenden zu sein und überall Leid zu lindern, so lange Mittel zur Verfügung stehen. In vielen Fällen wurden politische Behörden herangezogen und traten auch ein bei Unterbringung in rituell geführte Anstalten und bei einmaligen und regelmäßigen Ärmenunterstühungen. In ein- S'aen Fällen sammelte ich in den Bezlrksgemeinden die ittel zur Milderung des Lebenskampfes. Auch für würdige Durchreisende wurde eine Kasse errichtet. Regelmäßige Lehrvorträge, Predigten und wissenschaftliche Vorträge dienen der Belebung der Gemeinde und bringen die Probleme der Außenwelt in Beziehung zum Judentum. Literaturkurse und Gemeindeabende schweißen die Gemeindemitglieder in Freundschaft und Gesellschaft aneinander. Schon durch die Aussprache blickt der eine in die Sorgen des anderen und fühlt sich mit ihm näher verwachsen. Die gemeinsame Abwehr schafft die gemeinsame Aufgabe, das gemeinsame Ziel. Bei besonderen Veranstaltungen, sei es zu Vorträgen oder geselligen Feiern, besonders aber zum jährlichen Bezirkstag, kommen die Gemeinden zusammen und fühlen, daß Israel eine einzige Gemeinschaft ist und daß es unsere gemeinsame Dflicht in, Steine ^u tragen, der eine große, der andere kleine, jeder seine Steine zum Ausbau unserer jüdischen Gemeinschaft. Wenn auch noch viel zu tun bleibt und der Bezirksrabbiner bei etwa 15 Gemeinden nicht überall gleiche und wertvolle Arbeit leisten kann, so liegt dies an den Wunden unserer Zeit, den immer noch schwach zur Verfügung , stehenden Mitteln, daß die schlechten Bahnverbindungen nicht durch den viel beweglicheren Privatkraftwagen erseht werden können, und an dem leider nur schwachen Idealismus unserer Gemeinden, der sich praktisch materiell auswirkt. Denn ohne irdische Mittel sind ideelle Dinge nicht immer zu erledigen. Dort, wo Opferwilligkeit der Gemeindemitglieder vorhanden war, gelang es mir, eine Mikwoh (Ritualbad) zu bauen und eine andere zu renovieren, sowie eine Friedhofsmauer neu herzustellen. Diel bleibt hier noch zu tun, wo Synagogen ihrem baulichen Zerfall entgegengehen und Schulräume einer Auffrischung oedürfen. Aber alle positiven Erfolge haben wir der tatkräftigen, opferfreudigen und auch opferbereiten Tätigkeit des Preuhi-, scheu Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Berlin zu verdanken, der stets trotz Not der Zeit in richtiger Weife die Erhaltung der Kleingemeinden für das wichtige Ziel angesehen hat zur Rettung und Erhaltung unserer jüdschen Zukunft. Bezirksradbiner Dr. Köhler.