Mannheim
Compact Memory

Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1929-05-30 · 2 (30.5.1929) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
7 (1929)
Issue
2 (30.5.1929)
Date
1929-05-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3980048-10021618-10021587--409-3980417
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Präsident Stern «rtstuet ix» Derbandstag um 13.35 Uhr. Das Wort »i»mt sofort Rabbiner Dr. Geligma»»: Mein« geehrten Damen und Herren! Indem es diese repräsentative Versammlung zu ihrem ungeschriebenen Gesetz gemacht hat, darch da» Wort des Rabbiners die Verhandlung«« z» eriffncn, bekundet ft«, daß sie gewillt ist, sich unter di« FKftch« der Gottheit zu stelle«, unter das göttlich« Ethos, dessen Verkünder der Rabbiner sein soll. Und sie bezeugt, -daß sie etwas vom göttlichen Licht und vom Gottesfrieden hineintragen will in ihr« Beratungen und chre Beschlüsse. Das Leben, „das feindlich« Leben", wie es der deutsch« Dichter nennt, ist dauernd geschäftig, die Menschen in der Behauptung und Verfechtung eigener Meinungen und Interesseu als Kämpfer einander gegenüber zu stellen und Scheidewände aufzurichten, di« die Einzelnen und die di« Parteien trennen. Das geschieht im politischen, wirtschaftlichen, sozialen Leben, und vor allem im Ringen der Böller, wo- Sprache, Interessen und Geschichte nicht nur Verschiedenheiten, sondern Gegensätze schaffe«.. Auch hier in diesem Saale sitzen wir, als müßte es so sein, auf parteimäßig getrennten Sitzreihen und kommen vielfach mit fertigen Meinungen und parteimäßigen Bindungen belastet hierher. Ich stell« di« Tatsache zunächst als solche fest. Aber Religion und Judentum, in deren Namen zu reden ich berufen bin, geben mir ein Recht und legen mir die Pflicht auf, di« Tatsache auch zu werten. Im Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden schuf sich der Will« zur Vereinheitlichung und Konzentrierung sein geistiges Symbol. Und im Reichsverband, dessen Schaffung auf der heutigen Tagesordnung steht, soll dies« Zentralisierung di« Mainlinie überschreiten, um di« deutschen Juden organisatorisch zu der Einheit zusammenzuschmelzen, die sie unter dem Namen Aschkenasim seit mehr als tausend Jahren sind. Aber nicht nur organisatorisch, sondern, wenn man das undifferenziert« Empfinden des einfachen jüdischen Menschen befragt, auch innerlich, auch seelisch. Alle Problem«, di« hier zur Beratung stehen, sind nur Ausstrahlungen des «inen umfassenden jüdischen Problems. Und sollte der Name „Jude", den wir all« gemeinsam tragen, nicht «in« magischer« Kraft besitzen als die Parteinamen, die nur der Trennung dienen? In,Weltanschauungsfragen, sagt man, könnte man nicht nachgiebig sein. In Gewissensfragen dürfe man keine Kompromiss« schließen. Aber werden viel« Fragen nicht darum nur als Weltanschauungsfragen und Gewissensfragen abgestempelt, um «in« Rechtfertigung zur starren Parteisucht zu liefern? Mein« Damen und Herren! Wieviel Streit blieb ungestritt«, wieviel Bitterkest würde den Parteifragen entzogen, wenn die Kämpfer ihr Herz erst vor Gott stellen und ihr Gewissen prüfen wollten, ob sie um der Partei willen oder um Gottes willen streiten. Soll der Parteinam« uns zum Bruder des Linen und Gegner des Anderen machen? Soll die Zugehörigkeit zu einer Richtung, die im politischen, wirtschaftlichen, und sozialen Interessen kämpf jpre Berechtigung haben mag, aud} baä jüdische Leben dauernd auseinanderreißen? Als Schicksalsgemeinschaft wie als Religion sind wir Juden nicht nebeneinander oder gar gegeneinander, sondern miteinander zu leben gedrängt. Zum Miteinanderleben in Einheit und Frieden aber bedarf es gerade bei den Nächststehenden, di« die meisten Berührungspunkt« haben, am meisten des liebevollen Derstehenwollens und Einander-Ertragens. Was nichts miteinander zu schaffen hat, hat es leicht, sich gut zu vertragen. Fernstenlieb« ist leichter als Nächstenliebe. Nur der aber wird dieser höchsten «chischen Forderung gerecht werden, der es an sich selbst erfahren hat und sich gegenwärtig hält, daß wir unser« Äeberzeugungen nicht willkürlich und eigensinnig gewählt haben, sondern, daß sie aus den letzten Abgründen unserer Persönlichkeit entspringen, daß sie «ns aufgenötigt sind von .Gott, der nicht nur die Pflanzen, sondern auch di« Menschen, jeden nach seiner Art, geschaffen hat; aufgenötigt vom Leben, das unseren Charakter so und nicht anders geprägt hat. Zu. Anfang der Zehn Sinai-Wort«, die wir gestern in unserem Gotteshaus« gelesen haben, bemerkt der Midrasch: Di« Stimm« Gottes wurde von jedem anders vernommen; von den Jungen anders als. von den Alten, von den Kleinen anders als von den Großen; von jedem nach dem Maß seiner Kraft und der Besonderheit seiner Persönlichkeit. Damit aber stehen wir bereits vor der anderen Seit« unseres Problems, vor der gottgewollten und darum berechtigten Verschiedenheit der Menschen und chrer Ueberzeugung««. Und wir dürfen das Problem wohl in dem Sinne lösen, daß wir als den göttlichen Willen für di« Menschen Einheit aber nicht Einerleiheit erkennen. Es gibt im Reich des Geistes kein« Alleinherrschaft. Wer die Anderen zu seiner Meinung glaubt zwing« zu müssen, hat nicht de« Frieden, sondern der Aoietracht gedient. ES gibt drei Arten von Frieden, sag« unser« Weisen. LS gibt einen Frieden, der gleicht einem Gefäß, das inS Feuer gesetzt ist — Glut von all« Setten: da» ist kein rechter Fried«. Und es gibt «inen Frieden, der gleicht dem Fblg der Pögel — die sich streiten, fliegen, fliehen voueinunder: das ist auch kein rechter Frieden. Ls gibt aber auch «tuen Frieden, der dem Strom« gleicht, von dem geschrieben steht: siche, ich leite den Frieden wie einen Strom dir zu, wie einen Strom, an besten beiden Ufern die Menschen in Segen zusammen leb«: das ist der recht« Fried«. Nicht durch Glut auf beiden Seiten, die di« Leidenschaften entbrennen läßt, nicht durch Auseinanderstreb« und Auseinanderreden, durch Abschließen sich entftemden, sondern das Recht auf eigen« Ueberzeugung für di« Anderen gelten lassen, wie man «S für sich selbst in Anspruch nimmt — ist das nicht Schicksal und historisch« Aufgabe gerade der Juden? Hat nicht der Propper Micha schon vor zweieinhalb Jahrtausend« gesagt: „Mögen all« Dölker wandeln, jedes im Namen seines Gottes, wir woll« wandeln im Namen des Ewigen, unseres Gottes, für alle Zeiten"? In der Selbstbehauptung der eigenen Ueberzeugung, des «ig««n Glaubens, liegt das, was wir sittlichen Charakter, sittliche Persönlichkeit nennen. Frei und vornehm, ungebrochen und darum glücklich ist nur, wer sich selber treu bleibt. Wer nicht in seiner Art bleibt, verfällt der Entartung. Wie wir Juden innerhalb der Völker, im Namen der Gerechtigkeit, im Namen der Sittlichkeit, die Anerkennung unserer Eigenart fordern, so müßten wir es vor allem gelernt Hab«, innerhalb unseres eigenen engeren Kreises das zu üben, was wir von den Anderen begehren, gelernt haben, einander mit all der Derschiedenhett und Mannigfaltigkeit unserer Ueberzeugungen in Brüderlichkeit und Liebe zu ertragen. In diesem, Gott und Menschen wohlgefälligen Verhalten werden wir das große, tiefe Wort des Talmuds erfüllen helfen: „So oft Israel den Willen seines Schöpfers erfüllt, hilft es, das Reich Gottes auf Erden zu vermehren." Möge dieses Wort Wegzeiger und Leitstern unserer heutigen Verhandlungen sein! Präsident Stern: Sehr geehrte Dam« und Herren! Ich eröffne die heutig« Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden und begrüß« Sie, mein« verehrten Damen und Herren, alle, die Sie erschienen sind, um in gemeinsamer Beratung für unser Bestes zu wirken. Unser« Reih« sind heut« leider nicht vollständig. Es haben «in« Reihe von Kollegen und Kolleginnen abgesagt (Hört! Hört!), zum Teil aus beruflichen, zum Teil leider auch aus gesundheitlichen Gründen. Di« Lück« sind in allen Fraktionen ziemlich gleichmäßig. Mir liegen hier die Absagen einiger Herren vor. Es sind aber noch «ine ganze Reih« von Damen und Herren aus den Fraktionen nicht anwesend- Soweit sie krank sind, wünschen wir ihnen allen baldig« Gmefung. Außer denen, meine verehrten Damen und Herren, die nur heut« nicht anwesend sind, haben wir leider auch derer zu gedenk«, die seit der letzten Versammlung von uns gegangen.sind, um nicht mehr wiederzukehren. (Die Abgeordneten und Zuhörer erheb« sich von den Plätzen.) Di« Derbandsversammlung betrauert das Ableben chrer beiden Mitglieder, Rabbiner Dr. Braunschweiger, Oppeln, und Gustav Cohn, Krefeld. Unsere Schwesterkörperschaft, der Rat, hat verloren seine Mitglieder Her« Iustizrat Holz, Königsberg, und sein stellvertretendes Mitglied Her« Rabbiner Dr. Loewenthal, Berlin. Meine verehrten Damen und Herren! Herr Dr. Braun schweizer, «in« der markantesten Persönlichkeiten des d«tschen Judentums, ist in diesem Saal« nicht oft hervorgetreten. Wir all« aber wiss«, daß er in der schwersten Zeit des D«tsch«n Volkes, in einer Zeit, die auch das deutsche Judentum an der Ostgrenze schwer bedrohte, in vorderster Reih« als Hüter des Deutschtums und des Judentums, auftecht, wie es seiner Persönlichkeit entsprach, gestand« hat. Aber dies« großen Verdienst« sind allgemein vielleicht weniger bekannt geworden; nur wenig« wissen leider, was dieser prächtige, aufrecht« und auftichtig« Mann geleistet hat. Herr Dr. Cohn, Krefeld, der im Westen unseres Vaterlandes sein« Gemeind« betreut«, hat im Rheinland «inen großen KreiS Verehrer zurückgelassen, Männer und Frauen, die sein Wirk« in seiner Heimatgemeinde und darüber hinaus geschätzt und verehrt haben. 'c. Wenn unser« Blicke h«t« di« Sitz« des Rates entlanggeh«, werden wir alle, meine verehrten Damen und Herren, die ehrwürdige und liebenswürdige Gestalt unseres verehrten Freundes Iustizrat Holz vermissen, der als Gemeindevorsitzender von Königsberg über «in Menschenalter di« Interest« des Judentums auch,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.