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Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden · 1929-02-15 · 1 (15.2.1929) · p. Seite 2

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Journal
Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
Volume
7 (1929)
Issue
1 (15.2.1929)
Date
1929-02-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Beginn der Verhandlungen: 13,20 Uhr. Rabbiner Dr. Emil Levh: Meine Damen und meine Herren! ES ist mir der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden, zur Eröffnung der vierten Tagung unsere- Landesverbandes einig« Willkommens- Worte an Sie zu richten, und so begrüß« ich Sie im Namen des. Ewigen: A Oft o'pn? Dies« Worte herzlicher Begrüßung ergehen an all« Vertreter und Vertreterinnen der verschiedenen Richtungen; wieder einmal handelt es sich um den gemeinsamen Dienst a» unserem Heiligtum. Wir üben heut« diesen Dienst nicht mit der Befürchtung, welch« vielleicht vor einem halben Jahrhundert noch in jüdischen Versammlungen herrschend war, «S könnte «ventuell dem Judentum und der Iudenheit bestimmt sein, allmählich in das Meer eines ethisch orientierten Universalismus sich aufzulösen. Wir liquidieren nicht die Angelegenheiten unsere- Bundes. Ich glaube «S aussprechen zu dürfen: Einem jeden von unS, auf welchem Standpunkt er auch stehe, liegt di« Fortdauer unserer Gemeinschaft am Herzen. Ein jeder von uns wünscht, daß der jüdisch« Genius sein Ueberschreitungsfest feiere, sein Nvtz, daß er hinüderschreit« aus der Dergangenheft über Druck und Drang der Gegenwart in eine lebendig« Zukunft hinein. Und «in jeder von unS ist davon durchdrungen, daß der jüdisch« Genius der Menschheft noch Großes und Gewaltiges in seiner Sprach« zu sagen hat. Und dies« Behandlung der GegenwartSftagen sub speci« aeternitatis muß auch die leidenschaftlichsten Debatten auf eine höhere Eben« der Betrachtung «mporheben. Meine Damen und Herren! LS ist nicht meine Aufgabe, hier politisch« Worte zu sprechen; aber als Lehrer in Israel darf ich vielleicht behaupten: ES gibt kein noch so moderne- Problem der jüdischen Innen» und Außenpolitik, für welchenicht schon a priori durch den Geist unserer Thora, durch das Ethos unserer Propheten» durch die Arbeit unserer Rabbiner, ich möchte nicht sagen di« Entscheidung vorweggenommen, aber doch die ideal« RichtungSlinie gegeben ist. Und es sei mir gestattet, einige Beispiel« heranzuziehen. Wenn wir über daS sogenannte Iudengesetz debattieren, dann können wir nicht außer acht lassen das Wort unseres LehrerS Moses: D?^ rPTP TN» vtzpyl NN, „Eine Lehr« und ein Recht sei Euch und sei dem Fremdling, der bei Euch weift." Und wir folgern daran-: Wenn schon dem Fremdling, um wie viel mehr dem eigenen Stammesverwandten. — Bei der Frag« des Austritts ist «S das bekannt« Wort hillels Tttfn sy «rtTW „Trenne Dich nicht von der Gemeinde", welches vor Uebereilung und vor verantwortungsloser Willkür warnt. Und wenn wir, meine Damen und Herren, über Probleme des Reichsverbandes beraten, dann sei es mir gestattet, ein Wort des Amoraeers Samuel, welches sonst so oft zitiert wird, um die staatsbürgerlich« Treu« der Juden zu erhärten, in ein« besondere Beleuchtung zu rücken. DaS Wort: «fltt'TOT »}^ „Das Reichsgesetz soll Sesetz sein." Meine Damen und Herren! Wft erleben «S heute in unserem deutschen Daterland«, wie im Interesse einer machwollen Vertretung nach außen und einer ökonomischen Zusammenfassung der Kräfte im Innern der Gedanke des Reichegestärkt wird unter schonenden Berücksichtigung des historisch Gegebenen und Bedingten, aber auch unter Zurückdrängüng von unzeftgemäßen und rudimentären Sondergebilden. »Z"l itylpvvl »)^ Ich glaub«, daß diese- Beispiel auch für unrichtunggebend sein kann. Nicht nur zum Wohl« der deutschen Iudenheft erstreben wir die «inhettlich« Zusammenfassung der Glaubensgenossen im Deutschen Reich«, sondern auch im Interesse Deutschlands selber. Pro patria «st, dum judaicaS r«S tractamus. Wir glauben, daß di« Begründung eines ReichSverbandeS der deutschen Juden auch für den ReichSgedanken als solche» «in« würdig« Demonstration bedeutet. Damft steht nicht in Widerspruch, meine Damen und Herren, daß unser« jüdischen Interessen über di« Grenzen deS deutschen Reichehinauswachsen und .weftenumspanneud sind. Auch der Mond hat ja «in« zweifach« Bewegung: er dreht sich um di« Erd« und er bewegt sich gleichzeftig um di« Sonn«, und «S ist «in und dasselbe Naturgesetz, welchebeide Vorgänge regelt. Auch di« Bedürfnisse und Bestrebungen d«S Deutschen Reichemachen ja nicht Haft an den LandeSgrenzen; dt« geistigen, die soziale», di« ökonomischen Konzern« umspannen den Erdball, und der Internationalismus diese- Geflechteist ein wirkungsvollerer Schutz für di« nationale Sicherheit, alchauvinistisch« Eng« und Isolierung. Darum kann auch die Begründung de- Deutschen Reich-Verbaudeder dentschen Juden nicht die letzt« Spross« der Leiter sein, di« wir zu erklimmen haben. Wir betonen, unbeschadet jeder politische» und religiösen Einstellung, unser« Solidarität mit den Juden aller Länder» und auch di« Kleinarbeit, di« wir hi«r zu leist«» Hab««, wird i»ew«iht und wird gewettet durch den Sedanken an den Klal ItSroill. Selbst wenn äußere Not und Notwendigkeit gemeinsamer Abwehr unuicht zusammenschmieden würde, so «mp^rde» wir tief in unserem Blut, im Unbewußten und Unterbewußte» unsere- Seelenlebenda- Sesetz dieser jüdischen Schicksal-gemeinschaft kYH HJ Q’TTJ Und wir sehen im Geist« heute schon den z» begründenden. Weltverband der Juden, in den auch der R«ch-»erbanb der deutschen Juden als ein dienende- Glied sich einzurechen hat. Aber, mein« Damen und Herren, wir wollen unnicht versteigert, wir wollen nicht in Zukunft-»Phantasten schwelgen. Di« Rot der Gegenwart fordert unser« ganz« Kraft und heischt Stellungnahme zu den Lage-Problemen. Im Streit« der Meinungen werden di« Gemüter sich erhitzen, unb Red« wird Gegenrede herausfordern. Und «S ist gut also. Verlangen Sie nicht, meine Damen und Herren, daß ich allzuviel vom Frieden spreche. Frieden ist ein hellig Wort, aber Wahrheit, Gerechtigkeft gehen dem Fri^en voran. Und man kann vielleicht da- Paradoxon formen: Willst du nicht, daß kriegerisch« Stimmung geweckt werde, dann sprich nicht zu viel vom Frieden. Wir verabscheuen den Kriegszustand mtt allen seinen häßlichen Begleiterscheinungen; aber wir billigen als Zeichen de- Lebenden geistigen Kampf. Meine Damen und Herren! Alunser Lehrer Mosedi« Menorah Herstellen sollte, den Leuchter, der, in sieben Arme auseinandergehend, aus einem Stück getriebenen Goldehervorgebracht werden mußt«, da zeichnet« ihm Gott, so «zählen unsere Weisen, di« Form de- Leuchterauf di« Handfläche; Finger, di« nach verschiedenen Richtungen auseinander weisen, di« aber in der Handwurzel zusammengewachsen sind und die trotz ihrer verschiedenen Richtungen zusammenhatten müssen, die sich nicht den Krieg erklären dürfen. Di« Finger müssen sich zusammenschließen, wollen sie da- Schwert der Abwehr oder den Griff de- Pfluge- oder den Haider Violine umspannen. Disharmonien mögen auch bei uns Vorkommen. Disharmonien finden sich ja auch in der klassischen Musik; nur sind sie hier nicht Selbstzweck, sondern ein« Vorbereitung auf di« höhere Harmonie. So mögen auch etwaige Unstimmigkeiten unserer Tagung Ueberleitung sein zu einer höheren Harmonie, zu einem besseren Sichverstehen: Schlacken, die in der Glut des Kampfesich absondern, damit der «in« Leuchter in verschieden« Arm« auseinanderstrebend erstehe, als Symbol der Einheft in aller Mannigfaltigkeit. Meine Damen und Herren! Bor acht Tagen erlebten wir hier in Berlin «in erhebende- Schauspiel der Einheft in der Mannigfaltigkeit. Auch das Herz der Aetteren schlug höher, alunsere herrlich« jüdisch« Jugend geschlossenen Zugedurch di« Arena marschiert«, um darauf in Turnen und Sport um di« von den verschiedensten Verbänden gesttfteten, friedlich auf einem Tisch nebeneinander liegenden Siegespreis« zu ringen. ES war nicht nur der Rhythmus der Musik, der dies« Jugend zusammenhieft zu geschlossenem Marschieren, eS war auch der Rhythmus ihrer eigenen Herzen. Weh« un-, wenn wir von dieser Jugend unS beschämen ließen an Ritterlichkett und edlem St>»rt-S*ist. Unsere Jugend ist müde de- Kriegszuständeim jüdischen Lager; sie will, daß auch bei gessttgen Auseinandersetzungen di« brüderliche Fühlung nicht verloren geh«. Sie verlangt nicht di« parteilos« Indifferenz, abtr sie verlangt, und wir alle verlangen «S mtt ihr, «in überparteiisches Gerechtigkeitsgefühl. Mein« Damen und Herren! Auf dem Tempelplatz zu Jerusalem drängten sich, wie wir in den Sprüchen der Väter lesen, di« Wallfahrer und behinderten sich gegensettig. Aber ein Wunder geschah: oiPSstv, D’Wf Sobald st« anbetend zur Erde sich niederwarfen, da war auf einmal Raum für alle. Mein« Damen und Herren! In der dünnen Lust der Theorie bedrängen, sich die Gedanken manchmal und scheinen einander auszuschließen. Sobald wir aber mtt dem Boden der realen Tatsachen in Berührung kommen, sobald wir der praktischen Arbeit «n» zuwenden, dann hat Raum für all« die Erd«. Und dieses Wunder kann sich auch hier bei unserer Session wiederholen, wenn «in wenig Entgegenkommen nur waltet; nicht jenes durch da- Fallbell der Abstimmung erzwungene, sondern das steiwlllig« Entgegenkommen. Unser Schristabfchnttt ist eingetreten in da- Buch der Opfer. An der Spitze dieser OpfergesetzgSung sichen nicht die Abgaben der Schuld und der Verpflichtung, sonder» der Freiwilligkeit, die hochgaben der freiwillige» Gelbsteinschränkung, welch« dem Ewige» ei» angenehmer Wohlgeruch sind. Wen» wir diese» Opferst»» erfassen, dann wird auch von unserer Session da- Wort gelle» dürfen: «chst» cnyp of* «Pp ngfrpg Vj Ei» jeder Streit, der um Gottewillen geführt wird, muß edle Früchte zeitige». —

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