Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Journal
- Verwaltungsblatt des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- 6 (15.10.1927)
- Date
- 1927-10-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Run. dann werft einen Blick aus die einstmals blühenden jüdischen Gemeinden der Kleinstädte und seht, wie sie, selbst da, wo «ine nennenswerte Abwanderung nlcht stattgefunden hat, von Jahr zu Jahr mehr zusammenschrumpfen, so daß viele von ihnen Rabbiner oder Lehrer nicht mehr besolden können und ihre Gotteshäuser selbst an hohen Feiertagen geschlossen bleiben müssen. Blickt auf die Veröffentlichungen -er großstädtischen jüdischen Gemeinden, und Ahr »erdet erkennen, wie zahlreich di« jährlichen Absplitterungen durch Austritt und TÄftfe sind. Unterrichtet Euch darüber, daß eine blühende und große «inderzahl, einstmals Stolz und Stütze der jüdischen Familie, nur noch selten anzutressen» bog die Geburtenzahl in langsame« und stetigem Abnehme» begri^' ist. Di« Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in Preußen nach Angabe des Preußischen Statistischen LandesamlS »,'>-« Aufstellung: -r»« eheliche Eeburten in %» Sterblichkeit 1875-80 ' fl'“ ^schnitt 11151 31 etwa 6000 1924 f ö * 5381 12,8 „ 5685 1925 4792 11,8 „ 5554 BevölkerungSbtlanz für Berlin für das Jahr 1926. (Nach Angabe d«S Statistischen AmtS der Stadt Berlin.) Geburten in jüdischen Ehen.1581 Jüdische Kinder aus Mischehen. 298 1879 Jüdische Sterbefälle . .. 2389 '^WMUWWuGGeuuOubmwum-Otwa .... . . 309 2988 Der BevölkerungSverlust der Berliner Juden betrug für 1926 also etwa 800! Die Berliner jüdische Gemeind«, die 1914 zum Beginn des , Krieges etwa 155000 Juden zählt«, hatte 1925 trotz starken Zustromes aus den besetzten Gebieten, dem Reich und dem Osten 172000 Juden, was nur aus den starken inneren Verlusten zu erklären ist. Auf 1000 Berliner Juden kommen neuerdings nur noch etwa 10 Geburten jährlich, gegenüber 17—18 bei den FranzHen. Lin Teil des Nachwuchses geht durch die Mischehen der» lotttt' die an sich gering an Kinderzahl sind. Dt« Ehelosigkeit hindeS zahlreiche jüdische Mädchen, zur Mutterschaft zu gelangen. Eine der Ursachen des Geburtenrückganges ist ferner die Spittehe; sie trägt erfahrungsgemäß auch «inen großen >- Teil der schuld gn der traurigen Tatsache, daß Nervosttät unter dew -kutschen Juden stärker verbreitet ist als unter anderen DevöwerüngSschtchten. daß die Zahl der Selbstmorde erschreckend zygenommen hat und Mtßstände auf geschlechtlichem Gebiete mit ihren schweren gesundheitlichen Folgen sich auSb reiten. Die Selbstmorde betrugen in Preußen aus 190000 Lebende der Bevölkerung im Fahre 18» tat der »evangelischen Bevölkeru»g 27,9, der katholischen 13,5, der jüdischen 53,2t Wollt ihr solchem Niedergang mit verschränkten Armen zuschauen? Rein und abermals nein! Der Bestand des Judentums muß gesichert werden, und er kann gesichert werdest, wenn man die drohenden Gefahren erkennt und ihnen zu bjegegnen sucht. WaS aber kan» geschehe»? Wirksam« Maßnahmen müssen einsetzen. Don diese» sind zunächst tnS Auge zu fasse«: die Ermöglichung der Frühehe durch Ausgestaltung der Ehekaffe» von Seiten der jüdischen Gemeinden, di« Einrichtung von EhebevatungSstellen, Wochenhtkfe, Förderung der Sttllprvpaganda durch Wort und Tat, di« Unterstützung aller Bewegungen, die «tf körperliche Kräftigung unserer Jugend ahzieleu. Daneben muß an einer BerufSumleitung gearbeitet werden, die allen äußeren Schwierigkeiten zum Trotz berufstätig« Juden _ M einreiht, wohin sie nach Anlagen und Neigungen gehören, und sie nicht sinnlos in wenigen Beruft« an häuft, weil man sie bisher nur in diesen dulden wollte. Ebenso müssen die Stedlungsbestrebunegn mit allen Kräften gefördert werden. So muß endlich ein« vernünftige Verteilung von Juden auf Stadt und Land zustande kommen und nicht allmählich die licht- und lustlose Großstadt zum einzigen Asyl eines verkümmernden Geschlechts werden. Und vor allem: Mütter! An Luch ist es, in Euren Kindern das Verantwortungsgefühl für daS eigene Geschlecht und für die künftigen jüdischen Generationen zu erwecken und zu stärken. Der Wohlfahrts-Ausschuß des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden Mhb tu Gemeinschaft mit gleichstrebenden ^Hmße» Organisationen dv^Arnst an die Bearbeitung dieser Aufgaben. Er ist sich bewuMBatz ihre Lösung noch viel Zell und Arbeit erfordern wird. Unlösbar aber müssen sie bleiben, wenn die Jude« Deutschlands ihnen nicht das nöttge Verständnis entgegenbrtngen. Darum, Glaubensgenossen, achtet von nun an mit erhöhter Aufmerksamkeit auf alle Fragen der jüdischen BevölkerungSpolttik, arbeitet in Euren Gemeinden an ihnen mit und benutzt im Kreise Eurer Familien und Eurer Bekanntschaft jede Gelegenheit, um Gleichgültige und Ununterrtchtete mtt Hilfe des vonuns zur Verfügung gestellten Materials darüber aufzuklären, daß eS augenbückltch kein« wichtigere Frage für uns geben kann, als einen ausreichenden Nachwuchs in körperlicher Kraft und geistiger Frische herauzuziehen l An die Rabbiner und Lehrer ergeht der Ruf, in gottesdienstlichen Veranstaltungen und öffentlichen Versammlungen im Sinne unseres Aufrufes zu wirken, den SemeindevorstSnden erwächst die Pflicht, ihre Kraft «Inzufetzen für die Erneuerung eines gesunden Familienlebens. De» IfiWiiirti kl»-schuß bei Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinde». ,