Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 12 (1935)
- Issue
- 7 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Breslauer 3 ü l isches Gemeinde blatt 11 Von neuem gehe ich an meine Tätigkeit. Du, Allmächtiger, stehe mir in meinem großen Unternehmen bei, daß es mir gelinge; denn ohne Deinen Beistand vermag der Mensch garnichts! — Gib, daß mich die Liebe zu meiner Kunst und zu Deinen Geschöpfen beseelt. Laß nicht Durst nach Gewinn, Begierde nach Ruhm oder Ansehen sich in meine Arbeit drängen, denn solche sind der Wahrheit und der Menschenliebe Feind. Sie könnten auch mich irreführen in meinem hohen Berufe, das Wohl Deiner Geschöpfe zu fördern. Erhalte die Kräfte meines Körpers und meiner Seele, auf daß sie stets unverdrossen bereit seien, zu helfen dem Armen und Reichen, dem Guten und dem Bösen, dem Feinde und dem Freunde. Laß in jedem Leidenden mich immer nur den Menschen sehen. Wenn weisere Männer inich bessern und belehren wollen, laß meinen Geist dankbar und folgsam sein; denn groß ist das Gebiet der Heilkunde. So aber eingebildete Narren mich tadeln, dann laß die Liebe zu meinem Berufe meinen Geist stählen, daß er ohne Rücksicht auf Alter, Ruhm und Ansehen auf der Wahrheit beharre, denn Nachgeben wäre hier Tod und Krankheit Deiner Geschöpfe. Verleihe meinem Geist Sanftmut und Ruhe, wenn ältere Genossen, stolz auf die Zahl ihrer Jahre, mich verdrängen, mich verspotten und höhnend mich bessern wollen. Laß auch diese mir zum Borteil gereichen, denn sie wissen mancherlei, was mir fremd ist, aber nicht möge ihr Dünkel mich kränken. Denn sie find alt, und das Alter ist nicht der Leidenschaften Meister. Hoffe doch auch ich, alt zu werden auf Erden vor Dir, Allgütiger! Der Erklärer der INischna. 2lus der Vorrede zu den acht Abschnitten, die der Mischnaerklärung der Pirke Aboth vorangehen. Bereits unsere Lehrer sel. And, taten den Ausspruch: „Wer fromm sein will, muß die. Vorschriften des Traktates Aboth erfüllen". Da' es aber keine höhere Stufe der Frömmigkeit gibt als die Prophetie, so will uns gerade zu dieser der Traktat hinführen. So sagen auch unsere Weisen sel. And.: ,,Die Frömmigkeit führt zur göttlichen Inspiration". So kann man auch aus ihren Worten schließen, daß die Bewährung der in diesem Traktat enthaltenen Aussprüche zur Prophetie hinführt. So will ich denn weiterhin mich daran machen, die Wahrheit dieses Gegenstandes darzutun, weil er"einen ganz bedeutenden Teil vorzüglicher Lebensnormen enthält. Bevor ich aber an die eigentliche Erklärung herantrete, sehe ich mich veranlaßt, einige Kapitel voranzuschicken, die sich als nutzbringend erweisen dürften. Wer diese einleitenden Kapitel begreift, der wird auch Zugang zu meinen-späteren Erklärungen finden. Wiffen aber' soll man, daß die Lehren, die in den folgenden Abschnitten enthalten sind, und die Erklärungen, die ich dann zu den einzelnen Aussprüchen gebe, nicht mein eigenes Werk sind, nicht von mir selbst ausgesonnen und gefunden. Ich habe diese Lehren einerseits den Worten unseres Weisen in Midrasch und Talmud, andererseits den philosophischen Werken älterer und neuerer Zeit entnommen Es liegen also viele Wei'ke zu Grunde, und die Wahrheit soll man annehmen, gleichgültig wer sie sagt. Ja, vielleicht werde ich an manchen Stellen eine ganze Auseinandersetzung aus einem Buhe wörtlich anführen, das vielen bekannt sein mag. Aber darin soll man keine Schlechtigkeit «rblicken! Denn ich will mich garnicht mit fremden Ausfprüihen schmücken, indem ich hier offen gestehe, daß ich aus fremden Quellen geschöpft habe und den Ramen des Autors bei jedem einzelnen Punkte nur deswegen nicht anführe, um unnütze Weitläufigkeiten zu vermeiden. Auch könnte die Erwähnung des Autors bei den des Gegenstandes Unkundigen die irrtümliche Vorstellung erwecken, als ob ich seine Ansicht als schlecht ablehne (während ich dort, wo ich den Autor nicht nenne, mit der geäußerten Ansicht übereinstimme). Deswegen sehe ich mich veranlaßt, von der Nennung des Autors ganz abzusehqn. Denn meine Absicht ist, dem Leser zu nützen und den Inhalt des Traktats zu erläutern. Der Denkerrivas ist Wahrheit? (Aus dem Schreiben an die jüdischen Weisen in Marseille.) Mistet, nur dreierlei Dinge können als Wahrheit angenommen werden: ' 1. Eine Satze, die durch einen klaren Beweis aus der menschlichen Bei nunft bestätigt wird, wie in der Mathematik und Astronomie — 2. Eine Suhe, die der Mensch mit einem der fünf Sinne wahrnim nh wie man z. B. durch das Auge sieht und weiß, daß dieseschwarz und jenes rot ist und dergl., oder dieses als bitter und jenes als süß schmeckt oder durch Berühren fühlt, da; dieses warm und jenes kalt ist oder dieses als einen Hellen Ton und jenes als einen dumpfen hört oder riecht, daß diese; einen üblen Geruch und jenes einen angenehmen hat und dergl. 3. was man von den Propheten und' den frommen Lehrern des Mischna und des Talmud als Ueberlieferung empfangen hat. _ Der Zweck der Dinge. (Aus der Vorrede zur Erklärung der Mischna.) Im allgemeinen muß man wiffen, daß alle Wesen unter dem Morde nur um des Menschen willen erschaffen wurden. So ist < s mit allen Arten von Tieren: , einige davon sind ihm zur S;eise bestimmt, wie z. B.lSchafe und Rinder und dergl.; einige haben einen anderen Nutzen für den Menschen wie k er Esel, Lasten zu tragen, die der Mensch nicht mit sich sel ist führen kann, wie das Pferd, mit dem er in wenigen Tm en einen weiten Weg zurücklegen kann. Ebenso verhält «s sich mit den Bäumen und'allen Pflanzen; einige davon sin» dem Menschen zur Speise bestimmt, andere sind da, ihn vor seinen Krankheiten zu heilen. Was man aber von Tiere it und Pflanzen findet, die' uns nicht als Pflanze dienen und überhaupt, soweit wir denken können, uns keinen Nr tzen darbieten, so wisse, daß dieses nur unserem schwachen Verstände so scheint, daß es aber in der Tat kein Kraut, keine Frucht und keine Art Tier geben kann, von dem Elephmten bis zum Wurm, das dem Menschen keinen Nutzen brächte. Der Beweis dafür ist, daß in jedem Zeitalter U^s K äuter und Fruchtarten bekannt werden, die den früheren G schlechtem unbekannt blieben, die uns aber dann großen Nrtzen bringen. Di« Geisteskraft des Menschen kann nicht den mannigfachen Nutzen aller Pflanzeugattungen umfaffen. Wir entdecken immer mehr davon durch die Erfahrung der verschiedenen Geschlechter. Fragst du aber, warum wurden-die Gifte erschaffen, durch deren Wirkung der Meftjch stirht, und die doch keinen Nutzen bringen? So mußt au wiffen; daß auch die Gifte Nutzen haben, daß sie nämlity nur töten, wenn sie gegeffen oder getrunken werden, daß sie aber nicht töten und vielmehr Heilkraft besitzen, wenn sie als Pflaster auf eine leidende Stelle am Körper gelegt, werden. Der Lohn der Pflichterfüllung. (Aus dem Kpmmentar zur Mischna Sanhedrin c. 10) Du, lieber Leser, der du dieses Buch aufmerksam liest, verstehe recht die Parabel, die ich dir aufstelle, und dann wird dein Sinn dir hierüber fax vorbereitet sein, alles zu begreifen, was ich en will, Denk« dir: man hat einem kleinen Knaben zum Lehrer geführt, der ihn unterrichten soll. Dieser Unterricht ist ein großes Glück für das Kind, in dem es dadurch viel Nützliches und Gutes lernt. Da es aber noch gar zu jung unb noch zu schwach an Verstand ist, so kenrtt es den Wert dieses großen Glückes nicht. Daher muß der Lehrer den kleinen Schüler zum Lernen aufmuntern durch Dinge, die bei d«n Kinde Wert haben. Er sagt zu ihm: Lies fleißig, dann geo ich dir Nüffe, Feigen oder ein Stückchen Zucker. Dadurch lieft nun das Kind fleißig, nicht eigentlich um zu lesen, dä es doch den Vorteil davon nicht kennt, sondern damit ryan ihm jene angenehme Speise gebe. Das