Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 12 (1935)
- Issue
- 3 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Breslauer AMTLICHES BLATT DER SYNAGOGENGEMEINDE BRESLAU Hauptschriftleiter: Manfred Nosenfelb, Z Druck und Anzeigen-Annahme: Breslau - Verlag: Hellmuth und Erich D Druckerei Schatzsg. Breslau 5, Gartenstraße 19 Sch atz kg, Breslau, Neue Sräupenftraße 7 fj Telefon 244 6fi u. 24469 Anzeigenpreis: Die »gespaltene MiMmetrr-Zeiie oder deren Raum 11 Pfennige — Bei laufenden Austrügen Rabat« SrscheinungStermin vierzehntägig — Preis 48 Pfennig vierteljährlich (einschließlich Zustellgebühr) — Postscheck-Konto 620 95 Für die unter dem Namen de» DerfasserS erscheinenden Artikel und die DereinSnachrichten übernehmen wir nur die pressegesetzliche Verantwortung -i 12. Jahrgang! 2 15. Februar 1935 Stummer 3 Ptofrfeme des deutfdjen Judentums Voetcagetytlus in öet ffteteti füdifdjen Voftenvdjfdjute In der Breslauer Jüdischen Volkshochschule hstlt Rabbiner Dr. I. M a y b a u m (Frankfurt a. Oder) drei Portrage über die Probleme des deutschen Judentums. In jp einjem Bortrag sprach er über „Beruf und Berufung", „Dip jüdische Geschichte des deutschen Judentums" und „Das Ringen um jüdifA Gemeinschaft im deutschen Judentum".! Dirr Redner zeigte zunächst, daß zwischen der allgemeinen jüdischen Lage und der Wahl der Berufe notwendig^ Bene Hungen bestehen. Der jüdische Kaufmann ist keine Zufallserscheinung, er hat in der Geschichte des fasistiscken Geistes seinen ehrenvollen Platz. Die primitive Sostiolo;ie, die den Kaufmann heute nur als Händler und Schacherer h nstellt, hat keine Berechtigung. In Wirklichkeit ist Gsitervrr teilung ebenso wichtig wie Gütererzeugung. Der Jugeüd muß der ehrbare Kaufmann zum festen Begriff werden, osine den cs nicht möglich fein wird, jüdische Existenzen in Deutschland zu halten, die zu halten wären. Eine hundertproze tigdurchgeführteBerufsumschichtungwä dasEndeüesdeutschenJudentums. Wenn rf)ir nur Handwerker uird Bauern Hütten, und auf geistige . _ Arbeit verzichteten, so wäre das ein Rückschritt, der sich entscheidend 1 - r e müßte, wisse nfür die auf die Existenz des deutschen Judentums auswirken Roch ist das deutsche Judentum durch seine jüdisch schaftlichen Einrichtungen das starke Fundament jüdische Religion überhaupt. Das Dogma, daß Palstiria das Glaubenszentrum sei, bezeichnet der Redner als Dogr ra Ldes Nationalismus. Der Zuwachs, den das deutsche Juden tum aus den Kreisen der Intellektuellen bekommt, d e über das Judentum nachzudenken beginnen, ist nicht zu schätzen. Aus diesem Kreise kam Franz Rosenzweig! Der Redner wandte sich der historischen Betrachtrjng d:s deutschen Judentums zu. M o f e s M e n d e l s s o h >n wi d von uns nicht als Vertreter der Aufklärung zu wertqn feil, sondern als ein Mensch, der sein Judentum mit dem Zeitgeist vereinen wollte. Hier sehen wir zum ersten Male —!gegen- - über der Ghettozeit — ein bewußtes Programm. Mendel;- fon ging den Weg in die Umwelt. Wir haben die Aufgabe, uns nicht von der Umwelt auszuschließen. Mit den! letzten Ersparnissen müssen wir uns Bildungsmöglichkeiten zu eröffnen und zu erhalten suchen. Mendelssohns Forderung war jüdisch berechtigt und jüdisch legitim. Dos Vorbild war das rabbinische Judentum. Es ist in fruchtbarer Auseinandersetzung mit hellenischem Geist entstanden, he t aber das alexandrinische Judentum überwunden. Bon zelotischer Separation wie von «lexandrintfk^er Assimilation war es gleich weit entfernt. Im deutschen Judentum fehlt die Form der Tradition und d e Dichtheit des östlichen Judentums. Das selbstverständlich« Judentum des Mittelalters und des Ostens ist nicht da: beiortßtes Judentum muß es ersetzen. Deshalb ist das B ldungsbürgertum, an dem das Judentum feit den Berliner Salons seinen Anteil hat, nicht zu verwerfen. Wir müssen aber gegen Bildungsvergötzung ebenso sein wie gegen Bildungs-Verachtung und einer Bildungsbejahuug den Weg bat nen. Die Berufung des deutschen Judentums besteht darin, B i l d u n g s - Bürgertum zum Glaubens- Bürgertum < u bringen. Wandlung und nicht Preisgabe ist das Gebot der Stunde. Jede Z nt ist Gott gleich nahe, auch die jüdische Neuzeit. Kunst, W ssenschaft, Literatur kann nicht das letzte geben, was der Geist verlangt. Seit Moses Mendelssohn ist echtes deutsches Judentum charakterisiert durch den Menschen, der den Abfall überwindet. Geschichte ist immer Wandlung. Wandlurg durch Umkehr ist die jüdische Aufgabe in der Geschichte. Dc zu ist hundertprozentige Berufsumschichtung nicht notwendic , sie ist keine moralische Pflicht. Versucht muß werden, alle,? Positionen zu halten. Denn nicht nur Stätten der Arbeit und der Wirkung müßten verlassen werden (wie Ernst Simon e; ausdrückt), wenn das deutsche Judentum aufhören sollte, ar ch nicht nur Stätten der Gräber ließen wir zgrück: wir Müßten auch Stätten der Offenbarung aufgeben, die nicht zu verlass« n sind. Bis Moses Mendelssohn will die „C h e w r a" vielfach die Gemeinde sein und alle it re Aufgaben übernehmen. Aber Secharjas Wort (8, 4—5) fef lt in der /.Chewra": „Wahrlich, spricht der Herr, in den Gasse i Jerusalems werden wiederum Greise und Greisinnen sitzen und eirx jeglicher wird seinen Stab in der Hand haben, v« r hohem Älter. Und die freien Plätze der Stadt werden vo ler Knaben und Mädchen fein, die da spielen im Freien." Es entstehen Lebensgruppen für sich allein, aber die alles zus nnmenschtitßende Gemeinschaft muß sich aus dem G e i st i < e n entwickeln, nicht aus dem Leben allein kann sie herausr »achsen. Bis Herzl war die Idee der Gemeinde (im proles antischen Sinn) die herrschende Idee! mit Herzl kam die Idee „Volk" auf. Aus den einst geführten Religionsgesprächen <Buber und Cohen haben das letzte „Dölker-Staaten-Z on" miteinander geführt) sind 75803142