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Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1935-01-15 · 1 (15.1.1935) · p. [Seite]

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Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
12 (1935)
Issue
1 (15.1.1935)
Date
1935-01-15
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1 Breslauer 8 üdlsche» Semeindeblatt 5 _ _j, M m 4* 0t. , * ngett desjüdtfdien TTlufitvetems Genau drei Monate sind vergangen, seitdem der 2 ü!dische M u s i k v e r e i n in seinem Werbekonzert zun, ersten Male vor da» Publikum trat, und ebenso wie damals konzentrierte sich das Znteresse der Zuhörer auch im vierten Abonnements-Konzert auf die lLeistung des Orchesters. Man wurde wiederum nicht enttäuscht. 2a, im Gegenteil: in diesem Vierteljahr ist Erstaunliches erreicht worden. Zunächst sind wichtige äußere Veränderungen festzustellen. Der Streichkörper, vorderhand noch das Orchester, hat eine geringe zahlenmäßige Vergrößerung erfahren. Aber, was weit bedeutungsvoller ist: es sind ein paar jüdische Bläser hinzngekommen, durch deren Mitwirkung das Repertoire schneller erweitert »'erden kann. Beim lcßten Konzert, dem wegen der regen Nachfrage eine öffentliche Generalprobe vorausging, standen bereits je ein Flötist, ein Oboer und ein Fagottist zur Verfügung; iveitcre Neubesetzungen werden vielleicht schon beim nächsten Male vollzogen werden können. Außerdem besitzt der Musikverein jetzt durch die hochherzige Stiftung eines Breslauer Glaubensgenossen ein Paar Kesselpauken, die ebenfalls von einem jüdischen Orchcsterniitglicd bedient werden. Das alles ermöglichte diesmal, natürlich unter Hinzuziehung Ieiniger Derüfsmusikcr, die Äufführung einer größeren .'mvdnschen Symphonie. lieber dem materiellen ist aber auch der künstlerische Aufbau nicht vergessen 'ivordcn. Kurt Havelland hat wirklich Großes zuii'ege gebracht und es zeigt sich von neuem, daß der Musikverein mit seiner Wahl eine glückliche Hand bewiesen hat. Das Orchester folgt seinem Dirigenten nicht mir äußerlich — cs herrscht musterhafte Disziplin -- sondern auch in geistiger Hinsicht mit bedingungsloser Treue. Nur so ist ein fruchtbares Zusammenwirken denkbar. Havelland hat auf die konlichc Ausfcilung größten Wert gelegt, und selbst der schärfste kritische Betrachter ivird ihm zugcstehen müssen, daß die Bemühungen, erfolgreich ivaren. lind ivenn auch, ivas bei einem derart zusammengesetzten Orchester nicht anders zu erwarten ist, der letzte Schliff hier und da noch fehlte, wenn zeitweise mancher stumpfe oder rauhe Ton unterlief, s^darf man Havelland zu dem, was er erziblt hat, doch aufrichtig beglückwünschen. Die Freude, mit der hier musiziert wird, gleicht solch kleine Mängel mehrfach wieder aus. So kam es, daß' man Bachs von herber Schönheit Erfülltes 2. Brandenburgischcs Konzert in einer ungemein straffen und bisch beseelten Wiedergabe zu hören bekam. Aber noch imponierender war die Leistung bei Haydn, dessen G-dur-Syniphonie Nr. 12 in jeder Hinsicht sehr anspruchsvoll ist. Das Spiel wurde von Satz zu Satz freier und gelöster, und vor allem im Finale bewunderte man den leichten Flgß,- das selbstverständliche 2neinandcrgrcifen der Themen. Durch eine solche Darstellung erhält, das oft so mißverstandene Wort „Dilettant'* wieder feinen alten guten Klang. Das Publikum überschüttete Havelland niit wohlverdientem Beifall, der auch, dem Orchester galt.! i - Zur Mitwirkung war Gertrud Wcrthcim verpflichtet ivorden, deren Spezialgebiet die Pflege de» E c ni b a i o-Spicls ist. -In Breslau hat sie sich vor vielen Nähren schon einen Namen gemacht. Sie brachte unter Begleitung eines auf wenige, aber vorzügliche Spieker reduzierten Orchesters ein Cembalokonzert von Karl Dittcrs von Dittcksdorf zum Vortrag, ein wundervoll zartes W:rk, .dessen feines Filigran nur auf diesem Instrument zu der vom Komponisten gedachten Wirkung kommt. Nicht nur die Fanatiker stilgetreuer Aufführungen dürften dabei auf ihre Kosten gekommen sein; jeder einzelne ließ sich gern von diesem reizvollen Klang bezaubern. Ebenso nachhaltig war der Eindruck bei der Wiedergabe der Solostücke, von denen Händels Passacaglia g-moll ins Grandiose, alles übrige aber ins Spiclerisch-roeltere wies. Schade nstr, daß das Mozartsche „Alla turca" durch kleine Flüchtigkeiten ein wenig von seiner Grazie verlor. Weitere Abn'echslung brachte die Aufführung zweier Sähe aus einem Telemannschen Quartett für 2 Flöten und Ccistbalo, das von den Herren Gerhard 2 ablo » ski, Heinrich Lamm und Rudolf Beere! gemeinsam mit Frau Wertbeisn gespielt wurde. Der Grad der Ausbildung ist bei den drei Flötisten'noch, recht unterschiedlich, und doch wurde das hübsche Werk sehr sauber und liebevoll zur Darstellung gebracht. 2m ganzen gesehen: der Muiikveiein befindet sich in ständiger künstlerischer Aufu'ärtsbewcgung. Martin Hansdor'f.! RünfUechew, Jnteveffengemetnfdjaft jüdifdjet Rünftlec: TSuntet flbend Der Bunte Abend des Künstlerkreises am 25. Dezember bracbte ieinen Veranstaltern einen vollen Erfolg. Das vielseitige Programm wurde von Anni H e ck e r eröfsnct, die mit der Arie der Violetta aus „Traviata" und mit der „rfeimlichen Aufforderung" von Richard Strauß die reiche Schönheit ihrer Stimme eindrucksvoll und technisch rein erklingen ließ. Die bewährte Pianistin Mathilde H i r s ch - K a u f f m a n n spielte den Faustwalzer in der Lisztschen Bearbeitung temperamentvoll und mit sicherer Gcstallungskraft. Hamü G o l z zeigte sich in beliebten Opcrettenschlager» als geivandie und sympathische Soubrette. 2n> Heinerle-Ductt war ihr der kleine Franz 2 a s ch k o iv i tz ein gewandter Partner, der nur leider nicht natürlich genug spielte. Herta L e r m c r ist in ihren Chanjons ausgezeichnet, und Erich G u t t st a d t plauderte elegant und witzig. Er hatte^auch einen anspiuchslosen aber flotten Sketch „Die Vcrlobungsgratulation" geschrieben, den er mit t)erta Lermer spielte. Den Hauptbeifall des Abends holte sich die Tänzerin L i 11 i S a n dbcrg. M t ausgesprochen künstlerischer Begabung und Reife der Auffassung verbindet sie Temperament und Geist. So fOhrte sie außer ihrer bereits bekannten Groteske eine Szene „Sandbergs tanzende Archenichau" zum eisten Male auf und ivurde mit dieser reizvollen Schöpfung stürmisch bejubelt. Egino nt Pol lat war der musikalische Leiter und getreue Begleiter des Abends. Er hatte auch zu einem von Ericb Gutlstadt vorgetragenen Eouplct die elegante flüssige Musik geschieben. Jofef ptaut 2oseph Plaut war nach langer Pause zu einem Vortragsabend erschienen. 2m eisten Teil brachte er Proben des Humors aus aller Welk, vermochte aber erst mit Fritz Reuters „Hanne Nüte, Abschied vom Vater", dessen Feinheiten er m.-isterhaft ausschöpfte, und mit seiner eigenen lustigen Kindheitseizäblung „Hille Bille" wirklich zu fesseln. Der ziveite Teil brachte hauptsächlich „Musikalisches", das Günter Pulverinacher feinsinnig am Flügel begleitete. Hier und in den folgenden „Porträts" ivar Plaut ganz der alte und fand mit unerreichter Künstlerjchast und sprudelndem Aebermut den herzlichen Beifall des ausverkaufte» Saales. De» jüdischen Htimor, de» er am Schluß vortrug, hätte man iich gern reichhaltiger gewünscht. K. Schw. Cudtvtg tjaedt Er ist immer noch der große, in seiner Art unerreichte Voriragsmeister, den zu hören in jedem Falle ein seltenes künstlerisches Erlebe» bedeutet. Wer Ludwig Hardt kennt, der weiß, daß er einer der cmpsindsamsten Menschen ist, daß er mehr noch als andere aus alle äußeren Vorgänge reagiert. '^lur daraus ist (am ersten Abend) jene kleine Spannung zwischen Künstler und Publi kum zu erklären, an der übrigens beide Teile die Schuld trugen.! Die Programme der zwei Vortragsabende, dtren Veranstaltung ivir der hiesigen D u ch h a n d l u » g Licbtcnstein verdanken, boten so viel des Schönen und Werivollen, daß man mit geistiger Kost reich beladen den Heimweg antrat. Von den sebr fein ausgewählten Darbietungen des ersten: „H e i t e r e s von Hein c bis heute" »ahmen die Werke jüdischer Autoren, vor allem die sprachlich und mimisch gleichermaßen vollkommene Wiedergabe von Schalem Alejchcms „Tewje". am stärksten gefangen. Entzückend wa^en die.mannigfachen Tiergeschichten, i» deren Vortrag Hardt ja unübertresslich ist. Am zweiten Abend gab mt Künstler seine,n Lieblingstbcma „T b e a t e r" breitesten Raum, lind es erstand, obne Kulisse» und obne Rampe»bcleuchlu»g, jene bunte, »ich sach schillernde Welt des'Scheins, tvie sie eben nur ein Ludwig Hardt bervorzuzaubcrn vermag. Von der Fülle dessen, ivas hicribei geboten wurde, dürsten alle Geschmacksrichtungen befriedigt worden sein; spannte sich doch der Vogen von den zartesten Ge iüblsregungeit (Maupasiants „Menuett") über leicht Fronrschcs („Girls" von Polgari 4 bis zu der derben Komik der berühmten . Schauspiclerportraits^.^ Daß Matthias Claudius' ebriurchlsvolle Huldigung für Lcsiing den Gipfelpunkt bildete, ist bezeichnend für Ludwig Hardt und leine große Kunst. M. H. 9e/a Ciptnstaja Mehrere 2ahre sind vergangen, seitdein diese bezaubernde Künstlerin zuin letzten Male in Breslau gcivcsen ist. Aber ihren Namen hat man hier ebensolvenig vergessen wie ihre Kunst, die ja von jeher etivas Besonderes ivar. Die G a sts picke, die der .Kulturkreis in diesen Tagen arrangierte, fanden ohne Ansnabine vor übcrfülltein Hause statt, und die Miischen, die die Lipinskaja sehen und höre» konnten, ivaren wie früher hingerist'en von ihrer Persönlichkeit und von dein Eharine, mit dein sie ihre Volkslieder, Grotesken und Ehansons serviert. Einen großen Teil begleitete sie, wie man das von ihr kennt, selbst am Klavier: im übrigen assistierte ihr der vortreffliche Walter' L o j t a i-. Lazarus. Alles, ivas sie im Laufe eines Abends zuin Vortrag bringt," verrät eminentes Können, aber auch eine Vielseitigkeit, die noch von kcineni ihres Faches übcrtroffen wurde. Ein hoher Reiz liegt in der Anwendung ihrer Kcstüme, die an Schönheit, Originalität und Farben— pracht nichts zu wünschen übrig lassen. Dela Lipinskaja ist eine der liebenswürdigsten Künstlerinnen dieser Zeit. 2hr Verhältnis zu de» Menschen, die für zivei Stunden ihr Pnblikui» bilden, war auch jetzt wieder so warm und so ehrlich, daß der gestrenge Kritiker einnial aus seinem Herzen keine Mördergrube machte und applaudierend bis zuin lebten Tone anshielt, der von dieser seltene» Frau noch zu erhaschen war. Martin H a u s d o r f f.

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