Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- 6 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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64 Bfceslaaer Jüdische» <9etnei nbeblaf t Nr. 6 eine Erhöhung der Ausgaben verursachen, dafür könnten aber andere Kosten noch Abstriche vertragen. Ein Abstrich von 33_000 RM. bei den Wohlsahrlsausgabeii in dieser,Notzeit könnten seine freunde nicht mitmachen. Auch die Ausgaben für Arbeitsvermittlung, Berufsumschichtung, Siedlung seien heute, lebenswichtig. Wir wcrden also doch zu einer anderen Gestaltung des Etats kommen müssen. Wolfs (M.P.) bedauert, daß sich nichi eine gemeinsame Front aller Parteien gebildet habe, die für Ausklärmg nach außen sorgt. Die gute Gelegenheit, alle Partcigegcnsätze auszug eichen, sei leider verpatzt ivorden. Dabei ging der Streit nur um weitenschaulickie Tinge. Beim Wohlfahrtsamt handele es sich im ganzen um 6 LH.kj Mehrausgabe» gegenüber den Vorschlägen des Vorstands, schlimmstenfalls um NOOO RM. Daran hätte die Einigkeit nicht cheitern sollen. Tie Erklärung des Vorstandes, seine Vorschläge könnten nur im ganzen angenommen oder abgelehnt werden, habe den Etarsausschuß höchst unangenehm beeindructt. Dabei verblieb auch n»ch den Vorschlägen des Vorstandes noch ein ungedeckter Fehlbetrag vor etwa 41000 RM. Daß Steuern ungern bezahlt werden, dürfe nicht g:gen die Steuercrhöhung sprechen. Wir müyen vielmehr die Notwendigkeit begründen, wobei das Gemeindeblatt benutzt werden könne.- Cs wäre erstrebenswert, daß'die ganze Gemeindevertretung hirrter diesem Beschluß stände. Dem Vorstand teble eS an Verbindung mit den Gemeindemitc lieber»; wir werden von ihm gut verwaltet, aber nicht geführt. Ein Erwerbsloser im Zuhörerraum crba« daS Wort für die Erwerbslosen. Ter Vorsitzende lehnt dies ab, da ln der Versammlung nur Gemeindevertreter sprechen können und empfahl, schriftliche Anträge an die Gemeindevertretung oder an den Vorstand u stellen. Spitz (lib.) bedauert aus tiefstem Herzen, daß die Wünsche der Erwerbslosen nicht in vollem' Umfange berüclsichtigt werden könnten. Aber die Erträge der KuUussreuer seien beschränkt. Staat und Kommune seien Zwangsgemeinschaften, nicht aber die R eligionsgemeinde, zu der leider der Zusammenhang erheblich gelockert sei Ter Zeitpunkt für die Steuererböhung sei ungeeignet. Die Frage sei keine politische, religiöse oder weltanschauliche, sondern eine reine Zweckm IßigkeitSfrage. An Stelle der Kultussteuer, die unbeliebt sei, seien freiwillige Spenden anzustreben und für eine wirklich gute Sache seien die Aussichten ersolgversprechcnd, insbesondere bei den religiös-uninteresfierten Krsisen. Ein Appell an das soziale Gewissen werde nicht vergeblich sein. Gegenüber seinem Vorredner Wolfs sei hervorzuheben, daß cs sich nicht bloß um die 6000 RM. .handele, weil jeder Wunsch, der einer Leits erfüllt werde, andere Wünsche auslöse, deren Berechtigung nicht zu bestreiten sei. Um dieses zu vermeiden, habe der Vorstand das diktatorische Verlangen gestellt. Da der Vorstand aber selbst zugcbe, daß der Etat nicht gerade schon sei, iverde er wohl einige Verschönerungen gern anuehmen. Hierüber werde bei den einzelnen Etats zu sprechen sein. GluSkinos (kons.) tritt wohl jür Sparnaßnahmen cs», aber die eigentlichen Aufgaben der Gemeinde, wie Kultu s, Unterricht 'und Wohlsabrt, dürseß nicht zu kurz kommen. | Nackt einem Schlußwort des VorstandSrefe 'enten Dienstfertig, in dem er nochmals auf die Bedenken einer Steuercrhöhung hinwcift und den Ddrwurf zurückweist, der Vorstand Heide keine Dopschläge zur Deckung des Defizits gemacht, wird die allgemein: Aussprache geschloffen. Folgende Cinzeletats werden zum größten Teil auf die Empfehlungen der Berichterstatter ohne längere Aussprache angenoiiimcn, nämlicb Grundstücke (Berichterstatter Smoschewcr), A tc Synagoge^ ReligionSunterricht I, Bibliothek, Badeanstalt (B.-C. Kober), Bcstaktungswesen (B.-E.Korn), Zweiagottesdienst (B.-E. Hadda), Fügend- und Lehrlingsbeim (B.-E. Frau Vial). Ueber den Etat .Wohlfahrtspflege und Zugendfürsorae berichtet Frau Bial (lib.): Es habe sie aufs schmerzlichste bestickt, daß auch hier Abstriche gemacht werden, mußten uN> daß die Einigkeit der interfraktionellen Aussprache wegen einer Mchrfirberung von 6000 RM. bei diesem Etat zunichte geworden sei. Allen Fragen der CrwerbSlosenbilfc, wozu auch die Siedlung gehört, ständen sie und ihre Freunde wohlwollend gegenüber, aber die Gemeinde allein könne nicht helfen, cs müßte die Hilfe des Staates und der privaten hiyzutreten. Beamte und Ebrenbcamte, 'die in nervenzcrrüttender, aufopfernder Arbeit diesen Winter hätten arbeiten müssen, gebühre unser ininiastcr Tank. Sie hosse, daß das Wohlfahrtsamt die Abstriche durch Etnkünftc aus Stiftungsmitteln werde zum Teil wettmachcn können. Besonders schmerzlich sei die erhebliche Kürzung der Beihilfe für das IKrankenhaus. Zn Anbetracht des großen Ganzen sollten aber Sonderwünsche zurückgestcllt werden.; i W o l s f erläutert, warum es sich nur um^OOO RM. handele. Die private Wohltätigkeit werde schon nach allen Richtungen in Bewegung gesetzt. Ausgabe des Wohlfahrtsamtes sei, nicht bloß Almosen zu geben, sondern Ausgaben zu erfüllen, die ein lebensstqrkeS Judentum erhalten sollen.- Wenn die Unterstützungssätze zurückgeganden seien, so sei andererfeite der Kreis der Bedürftigen wesentlich größer geworden. Tie staatliebe Kürzung der Unterstützungen von 20 auf 13 Wochen werde ebenfalls die Ausgaben des Wohlfahrtsamtes erhöhen. "Deshalb beantragt er, den Posten für allgemeine Ausgaben von 93 000 RM. auf 100 OÖO RM. zu erhöhen. , Frau Ollendorff dankt vielmals für'das Wohlwollen gegenüber dem.Wohlfahrtsamt. Alle hätten hier Abstriche am schmerzlichsten empfunden, sie rechne aber aus die freiwillige Hilfe der Gemeindcmit- .glieder, die bisher nie vergeblich angcrufen worden fei. Ueber die Vcrwendung der Winterhilfe und die dort noch zür Verfügung stehendew Gelder gibt sic Auskunft. Ob die im Etat eingesetzten 25 IKK) RM. an Spenden eingehen werde», erscheine ihr zweifelhaft. Auch die Stadt habe leider die bisherige» Beihilfen stark gekürzt, teilweise vollständig cincestellt, insbesondere die so notwendige Beihilfe für die Kindererhc lung. Um so mehr sei private Hilfe notwendig.! Grünberg (Ostjüd.P.) freut sich über das warme Herz, das dif Dczcrnentin des Wohlfahrtsamts Frau Ollendorff für die Armen habt. Er wünsche, daß die Damen und Herren der Versammlung öfters! ins Wohlfahrtsamt kämen, um zu sehen, wie cS an den notwendigsten! ' Psiitcln zur Unterstützung armer Juden fehle. Verzweiflung und Selystmorddrohungcn seien an der Tagesordnung. Der größte Teil der Gemeinde -seßZo verarmt, daß man die 6000 RM. Mehrausgaben aus der Substanz nehmen müsic, um den ersten Hunger zu stillen. Auch die Kürzung für den Arbeitsnachweis sei nicht erträglich, da schon der vorjährige Betrag nicht ausgcreicht habe. Dienstfertig vom Vorstand errechnet, daß fast 300 000 RM. für Wohlfahrtszwccke ausgeworsen - waren, wovon rund 30 000 RM. gekürzt worden seien. Außerdem erhalle das Wohlfahrtsamt weitere 50 000 RM. aus Stiftungen. Die Ausgaben süc WohlsahrtSzwecke seien also noch recht ansehnlich und die Kürzung demgegenüber gering. Dabei betragen die Stcucrcingängc nur 600 000 RM. Rothmann (V.P.) tritt für die Anträge Wolfs und Göünbcrg ein. Die Erwerbslosen wünschen eine Erhöhung der Unterstühring und eine tatkräftige Förderung der Siedlung, für die 20 Bewerber vorhanden seien. Ten Gemcindcmitgliedern müsie die Rot- . Wendigkeit finanzieller Anstrengungen klargcmacbt werden. Wenn die Zulagen der Spitzengchälter um 50% gekürzt' würden, so könnten 32<)ol RM. erspart werden. GinS (lib.) möchte, wie alle anderen, dem Wohlfahrtsamt gern die gewünschten Beträge zur Verfügung stelle», leidch sei dies aber nicht möglich. Der Abstrich von 10% entspreche der gesteigerten Kaufkraft des Geldes. Wenn auch der Kreis der Rotleidenden größer geworden sei, so dürfe nicht übersehen werden, daß bereits, 50% der Stcucrcingänge für Wohlfahrtszwccke verwendet werde». Die Gemeinde müsse mehr für die produktive Hilfe sorgen, dazu! gehöre die Gründung einer Genosienschaftsbank, die vielen helfen , weslle ohne das unsympathische Bewußtsein einer Unterstützung. Er schlage vor, daß etwaige Mchreingänge an Steuern dem Wohlfahrtsamt zugetührt würden. Unikower (W.P.) vermißt in den allgemeinen AüStührungen das praktische Ergebnis. Die Zahl der jüdischen Angesteslten in öffentlichen und privaten Betrieben werde immer geringer uns!dadurch die Zahl der Notleidenden immer größer. Die Kürzung ,der' staatlickicn Sätze werde ebenfalls die Lasten des Wohlsabrtsamtes steigern. Diese ungeheure 2kot müsie den großen Steuerzahlern vor Augän geführt werden. Er bittet, auch für die Gcfangenensürsorge mehr zu tün. Beim Haushaltsplan Jugendfürsorge wünscht nach der Berichterstattung durch Frau Vial (lib.) Wolfs (M.P.) die Einstellung voif «>900 RM. Ausgaben für Iugendspeisung und 2400 RM. Einnahme als! Beitrag hierfür durch die Stadt, da die jüdischen Kinder sich in cineni ganz erbarmungswürdigen Gesundheitszustand befänden. Rothm ä, n wünscht unter eingehender Darlegung der Notwendigkeit der Bcsufsumschichtung eine Erhöhung der Beihilfe für das Sicdlungsgut . Gras -Gaglow und die Ehaluzhilse. Hadda (W.P.) vermißt einen Posten für die jugendlichen Erwerbslosen. Man versucht, diese durch ' Kurst umzuschichten und vermittelt ihnen Kcnntnisie, die sic nie vcrwenden ckönnten. Man müsie sie körperlich stählen und durch Beschästiguihz vom seelischen Druck befreien. Die.bisherigen und alle anderen Einzclanträgc stellt der Vorsitzende zunächst zurück. > Beim Etat des Schlachtwcscns, über den Kober (kons.) berichtet, beatzskunftet auf Befragen von GluSkinos (kons.) Dienstfertig vonz Vorstände, daß die Erhöhung der Schüchtgebühren, die 12 000 RM. crbyiagcn soll, aus das Pfund Fleisch umgelcgt dieses etwa 1—1% Pfcststig verteuert. Der weitere Vorschlag des Ritualausschusics, eine Aufsichtsgebühr zu erheben und einen/Teil der Schüchtgebühren den die Aufnchtsgebühr zahlenden Fleischern zurückzugewähren, sei nicht ab- , gelehat, sondern wegen gewisser Schwierigkeiten zunächst zurückgestcllt " wordtn. Auf den Antrag des Vorstandes wird darauf die Erhöhung der Schüchtgebühren für ein Rind auf 10 RM. und für ein Kalb aus 2.50jRM. von der Versammlung genehmigt und der Vorstand ermächtigt, . diese Erhöhung baldigst durchzusühren. Beim Etat Neue Synagoge berichtet Horn (lib.) über die sehr erheblichen Einsparungen. Trotzdem sei der Gottesdienst außerordentlich erhebend und werde von allen Fremden bewundert. Ueber das CinhcitSgebatbuch sei hier nicht zu sprechen. F o e r d e r (M.P.) bemängelt, daß die Neue Synagoge in den letzten Jahren der Tummelplatz verschiedener Neuerungen gewesen sei. Die während des Gottesdienstes ausliegenden Propügandazcttel des Liberalen Vereins hätten Kopfschütteln erregt, ihre eigenmächtige Verteilung sei nachträglich vom Vorstand gcmißbilligt worden, der vorher hiervon nichts gewußt habe. Die angeblich aus CrsparniSgründcn während des Winters vorgcnommcnc Platzanwcisung für die Frauen im Männerraum habe eine große Mißstimmung unter den Besuchern des Gotteshauses zur Folge gehabt, da die Halste der rcgclmäßigen männlichen Besucher hierdurch von ihren angestammten Plätzen vertrieben worden sei. Die Ersparnis an Beleuchtung könne nur ganz unerheblich gewesen sein. Deshalb verstärke sich der Eindruck, daß man in der einzigen liberalen Gcmeindesynagoge Breslaus das Vorbild der Berliner Prinzregentenstraße nachzuahmcn wünsche. — Redner be- „ , - - -' m >>. -Das Einheitsgebetbuch sei, obwohl seine Redaktoren auch in Berlin und Frankfurt a. M. säßen, nur in Breslau >eingesührt und von den übrigen Großgemeinden abgelehnt worden Cs enthalte Eingriffe inS Dogmatische, die bei allen der-Meformbewegung