Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- 6 (6.1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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!» J ff 4 f Breslauer r AMTLICHES BLATT DER SYNAGOGENGEMEINDE ZU BRESLAU Schriflleltung: Verwaltungsdirektor Dr. Nechnitz, Breslau, Wallstr. 9 Verlag: Büro der Ggnagogengemeinde, Breslau, Wallstr. 9 - Telefon 21611/12 Druck und Anzeigen-Annahme: Druckerei Th. Schatzkg Aktien-Gesellschaft, .Breslau 5, Neue Sraupenstraße 7 Telefon 24468 u. 24469 Anzeigenpreis: Die ügespaltene Millimeter-Zeile oder deren Raum 16 Pfennige — Bei laufenden Aufträgen Rabatt , MM IM tll IIWI in« ....... gllr dl» unter dem Rainen des Verfassers erscheinenden Artikel und die Dereinanachrichten Übernehmen wir nur die pressegesetzliche Verantwortung 9. Jahrgang 1Juni 1932 Nummer S An unsere Gemeinöemttgtte-er! Die Gemeindevertretung hat am 2. Juni 1932 mit allen gegen 3 Stimmen beschlossen, den Zuschlag zur Einkommensteuer von 14°/, aus 16°/» zu erhöhen. Der Vorstand ist diesem Beschluß beigetreten. Da alle Parteien für die Erhöhung eingetreten sind, lassen wir nachstehend die Parteisührer zu Wort kommen. Die Schristleitung. Die Erhaltung unserer Gemeinde, ihrer Einrichtungen und Wohlfahrtsinstitute macht eine Erhöhung des bisherigen Steuersatzes um 2 °/0 der Reichseinkommensteuer notwendig. Ist das wirklich eine drückende L a st, ein schweres Opfer, wie es von so vielen genannt, von manchen wohl auch empfunden wird? Wer für unser Judentum heutzutage noch einen kleinen Teil jener Opferwilligkeit aufbringt, die unsere Ahnen im Altertum und Mittelalter bis. zur Hingabe ihres Lebens beseelt bat, für den ist diese Frage überhaupt keine Frage mehr. Cr wird die „Last" als;VD5ö hinnehmen. Aber die Menschen der Gegenwart haben wenig übrig für Ideale. So mancher schätzt das Judentum, solange — es nichts kostet. Seinen Schrecken zu dämpfen, sei folgende Berechnung aufgemacht: 1 Die Erhöhung berägt (ohne Berücksichtigung der Familienermäßigung) bei einem Einkommen von: 8000 RM., d. h. einer Einkommensteuer von 800 RM. — 4,— RM. pro Quartal; 12000 RM., d. h. einer Einkommensteuer von 1300 RM. — 6.50 RM. pro Quartal; 16000 RM., d. h. einer Einkommensteuer von 1900 RM. — 9.50 RM. pro Quartal; 20 000 RM., d. h. einer Einkommensteuer von 2700 RM. — 13.50 RM. pro Quartal. Die sogenannten „mittleren" Einkommen sind also nicht gar zu schwer belastet. Wer aber heut noch das Glück hat, ein höheres Einkommen zu beziehen, sollte dem Schicksal dankbar sein und gern und willig opfern in dem Vewußsein, daß viele Tausende, die einst bessere Tage gesehen haben, glücklich wären, das gleiche geben zu können. Ludwig Foerder, Vorsitzender der Jüdischen Mittelhartest Wie die Gemeindemiitglieder aus der Tagespresse bereits erfahren haben dürften^ hat die Vertreterversammlung der Synagogengemeinde in ihrer letzten, Sitzung beschlossen, den Steuersatz um 2 °/0 zu erhöhen. Cs ist notwendig, den Gemeinde- Mitgliedern klarzulegen, wie sich die Notwendigkeit einer Cr- Höhung der Kultussteuer von 14 auf 16 °/0 ergab. Wenn man den Aufgabenkreis einer Synagogengemeinde betrachtet und die heutige, überall herrschende Not berücksichtigt, so wird man die Arbeiten anerkennen müssen, die geleistet wurden, um den Etat rechtzeitig unter Dach und Fach zu bringen. Man bat Abstriche am Etat vorgenommen, die bald nicht mehr zu verantworten waren. Man hat in der Verwaltung eingespart, was möglich war. Aber trotzdem war es nicht möglich, den Etat ohne Fehlbetrag abzufchlicßen. Man war daher gezwungen, um den Etat auszubalanciercn, eine der folgenden Maßnahmen zu ergreifen: I.. Nochmalige Abstriche unter Einbeziehung der Kultus- und Wohlfahrtsausgaben, 2. Angreifen der Substanz der Synagögcngembinde oder 3. Erhöhung der Steuer von 14 auf 16 °/0. Sich zu dem erstercn zu entschließest, wäre die Entsagung von den hauptsächlichsten Aufgaben einer Synagogengemeinde. Man muß Kultus- und soziale Institutionen , fördern und kann keine Kürzungen vornehmen, die deren Bestand gefährden könnten. Die vorhandenen letzten Vermögensreserven anzugreiscn, wäre in der heutigen Zeit verantwortungslos. Man weiß nicht, was das kommende Etatsjahr bringen wird. Man mußte daher die Substanzen schonen, um im Notfälle gesichert zu sein. _ Man hat sich daher zum dritten entschlossen, nämlich zur Erhöhung der Kultussteuer von 14 aus 16.°/^ Bei'der jetzigen schweren Zeit, in der jeder, gleich welchen Standes, ohnehin ungeheure Lasten zu tragen bat, wird es manchen unserer Gemeindemitglieder nicht leicht fallen, auch noch diese Steuer mit in Kauf zu nehmen. Aber man mußte sich dazu entschließen, da es eine unbedingte Notwendigkeit ist, gerade in der jetzigen Zeit die Synagogengemeinde und ihre Einrichtungen zu erhalten, auch wenn bedeutende Opfer gebracht werden müssen. Man muß an unsere Armen denken, deren wir hier im deutschen Osten besonders viele haben, denen wir im Kämpf um das tägliche Brot zur Seite stehen und auch helfend beispringen müssen. Trotz der immer steigenden Not in den Kreisen unserer Gemeindemitglieder wurde der Etat des Wohlfahrtsamtes uni bedeutende Summen gekürzt. Dabei mußten noch so wichtige Aufgaben, wie die Not'der Erwerbslosen zu lindern, vollkommen unberücksichigt bleiben. (Cs bleibt zu hoffen/daß man dieses Problem in Kürze zu lösen versucht:) Aus allen diesen Gründen habe ich mich schweren Herzens entschlossen, der Steuererhöhung beizustimmen. Ich nehme an, daß die Gemeindemitglieder aus den angeführten Gründen für den gefaßten Beschluß, trotz der für sie enthaltenen Opfer, Verständnis ausbringen werden. Moritz Gründer9, Vorsitzender der ostjüdischen Partei. 7834