Mannheim
Compact Memory

Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1932-04-01 · 4 (4.1932) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
9 (1932)
Issue
4 (4.1932)
Date
1932-04-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3970005-7569525-7569701--1632-3971526
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

r* mrr Breslauer AMTLICHES BLATT DER SYNAGOGENGEMEINDE ZU BRESLAU Schriftleitung: Verwaltungsdirektor Dr. Rechnitz. Breslau, Wallstr. 9 - Verlag: Büro der Sgnagogengemeinbe. Breslau, Wallstr. 9 - Telefon 21611/12 Druck und Anzeigen - Annahme: Druckerei Th. Schatzkg Attien-Gesellschaft, Breslau 5, Neue cSryupensttatze 7 Telefon 24468 ü. 24469 Anzeigenpreis: Die dgespaltene Millimeter-Zeile ober deren Raum 16 Pfennige — Bei laufenden Aufträgen Rabatt IININIMIIIIHillllllHn Fllr die unter dem Namen des Derfaffers erscheinenden Artikel und die Dereinsnachrichten libemehmen wir nur die pressegesetzliche Verantwortung 9. Jahrgang April 1932 Nummer 4 1 Goethe unö -je Jude«. In der völkischen! Literatur finden wir Probleme über Nation, Nationalismus, Vaterland und Patriotismus schlagwortartig in dezug auf 7! u d e n ' und Judentum gedeutet. Vor einiger Zeit hat t a 11 j Oppenheimer in einem gedruckt vorliegenden Dortrag diese Begriffe streng ryissenschastlich eindeutig klargestellt und ausgeführt, bah soziologisch auf das schärfste zu unterscheiden ist zwischen dem guten! und. lobenswerten Nationalgefühl und Nationalismus, findet sich eine charakteristische Studie t h e s und seine Ansicht hierüber zu e s e n Tagen erhöhtes Interesse dem bösen, aggressiveii j Zu diesem Thema aus der Feder Goc -hören, dürfte in di auslösen. Im 32. Bande Ghethes sämtlicher Werke — ich habe die Cottasche Ausgabe vorü Jahre 1857 vor mir — befindet sich unter den Rezensionen aus den Frankfurter gelehrten rAnzeigen vom Jahre 1772 eine Besprechung Goethes „71 ober d i c Liebe des Vaterlandes" von I. v. Sonnen fels, Wien 1771, 8, 151 S. Goethe verwirft die ganze Schrift und hält die Bearbeitung eines derartigen Themas für völlig übürflüffig. — Ilm nicht Einzelheiten der /gegebenen Darstellung!weitläufig erklären zu müssen, erscheint .es zweckentsprechend, den Wortlaut im Original wiedcrzugebcn. „Haben wir ein Vaterland?" Die Frage an sich wäre schon ein schlimmes Zeichen, wenn die unzufriedene Ilcbcrfichtigkeit der Menschen nicht dafür bekannt wäre, daß sic oft die ganze Welt durchsucht und ausfragt nach Dingen, die ihr vor den Füßen liegen. lieber die Liebe des Vaterlandes, in Form eines Traktats, fürs deutsche Publikum! Die ewigen mißverstandenen Klagen nachgcsungcn: „Wir haben kein Vaterland, keinen Patriotismus." Wenn wir einen Platz in der Welt finden, da, mit unfern Besitztümern zu ruhen; ein Feld, uns zu nähren, t?iti Haus, uns zu decken; haben wir da nicht Vaterland? und haben das nicht tausend und tausende in jedem Staat? und leben sie nicht in dieser Beschränkung glücklich? Wozu nun das vergebene Aufstreben, nach einer Empfindung, die wir weder haben können noch mögen, die bei gewissen Völkern, nur zu gewissen Zeitpunkten, das Resultat vieler glücklich zusammentreffcnder Ilmstände war und ist? Römerpatriotismus 1 Davor bewahr uns- Gott, wie vor einer Riesengestalt! wir würden keinen Stuhl finden, darauf , zu sitzen; kein Bett, drinnen zu liegen. Nachdem Herr S. in ^den zwei ersten Hauptstücken allerlei Empfindungen, Eigenliebe, Stolz, Beschränkung, Anhänglichkeit und dergleichen, mit Nationalzügen mancherlei Völkerschaft wohl durcheinander gerührt, und mit historischen Bonmots und Chronikenmärchen a la Zimmermann und Abt, fein gewürzt, macht er im dritten, nach einem Kameralaüfchlag, die Vorteile bekannt zur Einpflanzung der Vaterlandsliebe, aus beim Lande, das eine Nation bewohnet: Was trägt Jagd, Fischerei, Viehzucht, Feldbau, eben Land, gcbirgigt Land, unfruchtbares Land zur Vaterlandsliebe bei? _; Da kommen nun die jagenden und streifenden Völker- > schäften am übelsten zurecht. Ilnb hier müssen wir anmerkcn, daß Herr S. durch das Wort Vaterland verführt, durchaus ' zu sehr als glebae adskriptus diskuricrt, und wir halten'» noch immer mit dem Themiftokles: Nicht der Boden, sondern die Verhältnisse eines Volkes, deren zwar viele auch aus dem Lande, das sie bewohnen, hervorspringcü, bestimmen Nation. So haben die Juden Nation und Patriot is m u s , m c h r als hundert leibeigene Geschlechter. ~ Auch für die weiteren Ausführungen des Verfassers, die , hier außer Betracht bleiben, hat Goethe nur bitteren Spott. Tragisch-komisch muß aber der Ilmstand berühren, daß Jos. v. Sonnenfels als Jude geboren, von seinem Äatcr Lipmann Perlin dem Katholizismus zugcführt wurde. Er machte eine glänzende Karriere, war Berater Josef H., Ehrenbürger von Wien und seine Mitbürger errichteten ihm auf der Elisabethbrücke ein Standbild. — Es ist kaum anzunchmcn, daß Goethe von seiner Abstammung Kenntnis hatte. — Die Aeuhcrüngcn Goethes über Juden find verhältnismäßig sehr spärlich und dürfte das in Rede stehende Zitat nicht Gemeingut sein, wie cs der Aufmerksamkeit Ludwig Geigers anscheinend entgangen ist. Es ergäbe sich vielleicht die Möglichkeit fcstzüstellcn, was gerade in jenem Jahre 1772 Goethe zu dieser scharfgefaßten ' Aeußcrung. veranlaßt haben könnte und böte den jüdischen Goctheforschern eine dankbare Aufgabe. Als bescheidene Beisteuer zur Göethcvcrchrung fei es an dieser Stelle gewidmet. . Michael Fraenkel-Breslau. Eine neue Sinngebung -er jüdischen Geschichte? Don Direktor Dr. K l i b a n s k y, Köln. ' Mit einem Male stand K a st e i n*) in der ersten Reihe der zeitgenössischen jüdischen Literatur, als er uns vor einem Jahre sein Buch über Sabbatai Zewi schenkte. Man erinnerte sich an die schon im Jahre 1913 in der Zeitschrift „Der Jüdische Wille" vom Verfasser aufgeworfene Frage: „Gibt es eine moderne jüdische Literatur?" Dort hatte er gefordert: „Wir müssen zurückgehen zu den Tatsachen unserer Vergangenheit. Gewiß nicht als einziges und letztes Ziel, wohl aber als Weg. Denn die moderne jüdische Dichtung soll doch ein Leben mit und aus dem Judentum sein. Ilnd so soll es unser Volk lesen. Aber wir haben nichts, was wir unseren Kindern und unseren Freunden geben können: kcin.BIlderbuch, kein Märchenbuch und kein Wunderhorn hes jüdischen Knaben, Keinen Roman für unsere Denkenden Und kein Drama für unsere Betrachtenden." Seitdem sind 14 Jahre vergangen, und man.darf ohne jede Ilebertreibung feststellen, dah wir inzwischen doch uni ein großes Stück weiter gekommen sind. Immerhin bleiben noch viele Wünsche offen. Ilm so stärker war die Erwartung, mit der wir an Kasteins neuestes Werk herangetreten sind. Er unternimmt es, auf 633 Seiten eine Geschichte der Juden von der Entstehung der Theokratie bis zur jüdischen Renaissance zu schreiben. *) Josef K a st e i n. Ein« Geschichte der Juden. Ernst Rowohlt Verlag, Berlin, 1931. 7134

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.