Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 9 (1932)
- Issue
- 3 (3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Breslaaer ISVtsche» Oemeindeblalt 27 mäßige Erhöhung des Steuerprozendsatzes vorzunehmen. Der Gemeinde würde jedes Einkommensteuerprozent im neuen Etatjahr etwa 33 000 RM. bringen, also einen Betrag, mit dem sehr viel Gutes geschaffen werden kann. Den einzelnen Stcuer-Hahler be - lastet das nicht stark und viel geringer, als dies die neuen Reichs- und Äommunalsteucrn tun. Ein weiteres Stcuerprozent beträgt für ihn beispielsweise be« einem steuerpflichtigen Einkommen von 5000 RM. noch nicht einmaljährlich 5 RM., bei 10 000 RM. weniger als l l RM. und bei 20 OM RM. etwa 27 RM. Kein Mitglied dev Gemeindekörperschaftcn wird leichten Herzens einer Erhöhung der Steuern das Wort reden. Weim die Erhöhung doch erfolgen sollteso würde sie aber geschehen in Verwirklichung des großen Druderschaftsgcd a n k e n s, der unsere Zeit beherrscht, und der in erfreulichstem Maße gerade unsere jüdische Gemeinschaft erfüllt. .! Mendel Hoffman« hat dein Vorstand am 16. Februar 1932 schriftlich mitgetcilt, daß er endgültig am 1. April 1932 Breslau verläßt, um die Leitung der izcuen Firma: Erze und Metalle Hirsch A. G. in Berlin zu übernehmen, und deshalb leider genötigt sei, sein Amt als Mitglied des Vorstandes der Synagogen- Gemeinde niederzulegsn. Mit Mendel Hoffnrann verliert unsere Gemeinde einen Mann, der unendlich viel Gutes geleistet hat, seit er hier im Jahre I9M als Vertreter der Hirsch Kupfer- und Messingwcrke A. G. seinen Wohnsitz genommen hat. Von Haus aus als Sohn des bekannten Rektors des Rabbiner-Seminars Professor Dr. David Hoffmann mit allen religiösen Vorschriften aufs beste vertraut und eng verwachsen mit den strengsten Traditionen des Judentums, hat er alsbald inden konservativen Kreisen,! insbesondere auch als Mitglied des hiesigen Vereins zur Forderung der Interessen der Synagogen- Gemeinde Breslau, eine führende, von allen Seiten anerkannte Stellung erlaijgt. Im Jahve 1914 wurde er Mitglied des Vorstandes der Israelitischen Kränkenverpflegungs-Anstalt und in demselben Jahre Mitglied des Gemeinde-Kultusausschusses I. Seine große Erfahrung in allen religiösen Fragen und seine hervorragende Tüchtigkeit in Finanzangelcgenheitcn konnte sich zum Segen unserer Gemeinde aber eigentlich erst voll entfalten, als er 1924 in den Vorstand der Synagogcn-Gemcinde vativen Standpunktes gewählt wurde. Trotz seines konserwar er stets ein überaus geschickter, versöhnlicher Mittler zwischen den Parteien und ihren widerstrebenden Dichtungen. Stets verstand er es, in den großen Grundzügen,und in den Einzelfällen einen alle befriedigenden Ausgleich zu finden. . So war er den Angehörigen aller Parteien der beste Freund, den Beamten ein wohlwollender Vorgesetzter und allenj Gemeindemitgliedern ein stets hilfsbereiter Förderer. Es Hst danach nicht verwunderlich, daß die ganze Gemeinde seinrn Weggang nach Berlin schmerzlich empfindet. Hoffentlich wird dieser vortreffliche Mann trotz her örtlichen Trennung von Berlin aus seiner alten Gemeinde Breslau weiter in Treue anhängen, hat er doch durch seinen hier als Gemeinderabbiner der Alten Synagoge amtierenden Bruder persönliche Beziehungen zu Breslau behalten. Die I besten Wünsche unserer Gemeinde begleiten ihn an seine neue Wirkungsstätte in Berlin. R. Der volkstrauertag in unserer Gemeinde. ' Wie überall im Deutschen Daterlande, hat auch, unsere Gemeinde am 21. Februar 1932 den Dolksfrauertag in sinnentsprechender Weise begangen. Am Nachmittag fand auf dem Eemeindefriedhof in Loset eine Feier statt, bei der Herr Rabbiner Dr. Länger die Ansprache hielt. Er wies die vielen von ernster Andacht bewegten Männer Und Frauen, die die große Halle füllten, auf die Forderung! der geil hin, Menschen, Deutsche und Juden zu sein. Er nannte in diesem Zusammenhang die Persönlichkeiten von Rathenau und Hindenburg > und sprach von der Willensstärke und Opserbercitschaft, dem Vaterland zu dienen. Wir Juden hätten zu allen Zeiten und erst recht in dem großen Kriege zahlreiche Beweise dafür erbracht» daß ein gleicher Geist uns beseele. Unsere Toten, die zu ehren die Bedeutung des heutigen Tages sei, künden ihn, wie auch, unsere Lebenden, denest diese Stunde ein ernstes Erinnern und eine starke Mahnung sein solle. : Es folgte ein von Herrn Oberkantor Weiß ergreifend gesungenes El molerachamim, und dazpr zog man, von den Klängen des Liedess „Ich hatt' einen Kameraden" tzeleitöt, zum Ehrendenkmal hinaus, wv Herr Verwaltungsdirektor Dr. Rechnitz namens; des Bundes Jüdischer ^Frontsoldaten mit Worten treuen Gedenkens einen Kranz nicderlegte. Dem Zuge voran schritten die Chargierten der Verbindung Thuringia im K. <£_. Alle Anwesenden verließen den Friedhof mit dem Gefühl, daß gerade in unserer Zeit ein solches Gedenken notwendig ist, um das schwere Unglück, unter dessen Folgen wir alt? heute noch leiden, niemals zu vergessen. Nachmittags um 17% Uhr fand sich in der Neuen Synagoge eine große Gemeinde ein, um an heiliger Stätte der Stimmung des Tages im Gebet Ausdruck zu geben. Herr Kantor Wartcnberger gestaltete das Abendgebet durch Melodien der hohen Feiertage in besonderer Weise aus. .Die Predigt des Herrn Rabbiner Dr. Sänger tvar von den Gesängen der Totenfeier umrahmt. Der Redner, der vier Jahr? als Feldrabbiner tätig gewesen ist, stand in dieser Stunde imter den. Banne dessen, >oas er einst erlebt hatte, und zog daraus die Folgerung, daß unser« lebende Generation als größte Aufgabe die zu betrachten habe, dom Frieden zu dienen und auf jene Zeit hinzuarbeiten, die Iesäia in pröphctischcr Dision geschaut Hot. Darum solle man das Geschehene nicht vergessen. Das „Nichtvergesscn" bildete den Leitgedanken der ganzen Predigt. Daraus ergebe sieb die Der-, pflichtung, für Menschenvcrbrüderung, - für allgemeines Verstehen unter den Zeitgenossen zu wirken und besonders bei der sich oft in romantischen Ideologien benagenden Jugend. Ein kurzes Gebet mit anschließenden! K.addisch und ein stimmungs volles Orgelnachspiel beendigte die Weihestunde. , Spnagogenkonzrrt j zum Besten der Breslauer Dolkshilf«. ' Am 17. April 1932 veranstaltet die Synagogengemeinde Bircslau ein Abendkonzert in der neuen Synagoge. Der Irveck desselben iftj einen materiellen Beitrag der Breslauer Synagogengemeinde zu liefern zu dem großen sozialen Werk der Winterhilfe und dadurch vor der jüdische!» und nichtjüdischen Öffentlichkeit unserer Stadt ein deutliches Bekenntnis dafür abzulegen, daß wir uns den heutigen allgemeiucn Aufgaben sozialer Wirksamkeit freudig einordnen. Das Konzert soll nach dem bewährten Muster früherer Synagogenkonzerte eine reizvolle Pbrvechslung bieten zwischen reiitzm Orgelkonipvsitioncn, Chorgesängen und Einzclgesangsdarbietungen. Den Orgclpart übernimmt Herr Synagogenorganist S ch ä f fe r. Der Chor wird unter der Leitung des L'ierrn Kapellmeisters Pubvermacher zivei salomonische Psalmen von dem berühmten, 'mittelalterlichen Komponisten Salomone de Rossi singen. Die Konzcrtbcsuchet haben dadurch eine der seltenen Gelegenheiten, wieder einmal Werkedieses bekannten Tonschöpfers kennen zu lernen, der trotz seiner Zugehörigkeit zum Judentum Kapellmeister am Hofe der Gpnzaga in Mantua wurde. Er war dort von 1387 bis 162^, tätig und hat gemeinsam mit Montevcrdi an den Aufgaben der neucntdeckten Kunstgattung der Oper gearbeitet, außerdem aber rvertvollc a-capella-Chöre zu den Psalmen Salomos geschaffen. — Der Chor singt dann auch Psalmen moderner, jüdischer Komponisten. So ist die Möglichkeit gegeben, alte und neue Synagogenmusik außerhalb des Gottesdienstes im Gotteshaus zu genießen und dadurch den Quellen nahezukommen, aus denen unsere synagogalen /Musikbedürfnisse gespeist rverden, und die arrch heute noch unvermindert für die Förderer jüdischer Musik fließen. - j Als Gesangssolisten sind gewonnen worden: unsere als Lieder- und Oratoriensängerin in ganz Deutschland bekannte und geschätzte Landsmännin Frau Hertha G l ü ck m a n n und Herr Oberkäntor B d~W n. Auch deren Progranim verspricht musikalischen Genuß und. künstlerische Bereicherung. Der Vorstand unserer Gemeinde hat beschlossen, im Hinblick auf den sozialen Charakter der Veranstaltung von der Fixierung fester Konzertpreise abzusehen; es soll vielmehr jedem einzelnen freigestcllt sein, sein Scherflein für den guten Zweck der Winterhilfe seinem materiellen Einkommen anzupassen. Wir sprechen die Bitte aus, daß die Gemerndemitgli.eder mit chren Faniilienmitgliedern recht zahlreich zu dem Konzertabend' sich einfinden, dainit die offizielle Veranstaltung der Breslauer Synagogengemeinde einen nainhaften Beitrag für jenes wichtige soziale Wert erbringen möge. Wir glauben bei aller Zurückhaltung in der eigenen Wertung unseres Konzerts, einen künstlerisch anregenden Abend versprechen zu dürfen. Dr. L i t t nr a n n. 1 Tta die Breslauer? jüüische JugenS. ~ Errichtung einer FngendberatungssteU« durch den Ortsausschuß der Jüdische« gugendoerdänd«, Breslau. Arischer Breslauer jüdiscbcn Jugend heraus ist der Wunsch laut geworden, «ine freie Beratungsstelle für Jugendlich« zu schaffen, die, getragen von gegenseitigem menschlichem Vertrauen, jungen Menschen Rat und Hilfe, wo immer sie nötig ist, erteilen soll. Sie ist nicht zuletzt auch für solche gedacht, die.keiner Jugendorganisation angehören, 'die vielleicht nicht die Möglichkeit haben, sich an Führer oder älter« Freunde» die ihr Vertrauen rechtfertigen, zu wenden. Selbstverständlich wird völlige Diskretion gewährt — die Ratsuchenden brauchen ihren Namen nicht anzugeben. Wir wissen, auch in der jüdischen Jugend gibt es verschwiegene Röte, geheime Ratlosigkeit, Schwierigkeiten in Fragen der Lebensführung und