Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 8 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. S Breslauer Jüdisches Gemelndebiakt -! 109 «I Jüdische Tuberkulose-Fürsorge (Beratungsstelle) swaariijicMiJs i j fennung ausgesprochen wurde, so bedeutet dieck eine gewisi« Befriedigung umsomehr, als verständnislose Kritik, die weder durch theore- I tische noch durch praktische Sachkenntnis belastet ist, den Wert der Arbeit des I. W. A. herabzusehen versucht. Zweck und Ziel dieser Kritik ist es, den längst von der modernen Wohlfahrtspflege aukgege- . denen Standpunkt wieder einzusühren.. Almosen zu geben ohne zu fragen, wem und wozu es diesig das fast immer mehr Schaden als Nutzen stiftet und das, wie der ^verdiente Breslauer Armendirektor Martins sagt«: »Einen Mensche« für sein Leben lang zum Bettler machen kann'. Unser Ziel ist hilf«, die ausbaut und die den Hilfesuchenden davor bewahrt, Almosen nehmen zu müssen. Dieses ist nur für di« durch Alter und Krankheit Arbeitsunfähigen bestimmt, für die . sozial Unheilbaren. Alle anderen, auch die durch Not Arbeitsunfähigen oder Arbeitslosen sind spztal heilbar. Ihnen muß nach genauer Ermittlung Weg und Ziel gewiesen und produktive Hilfe gewahrt werden. Dies« Hilfe, wie di« gesamte Fürsorge der Gemeinde kann die Mitarbeit der gesetzlich verpflichteten Stellen, Stadt, Land und Reich nicht entbehren. Dies« anzufordern und ergänzend «inzutreten ist «ine der J wichtigsten Bedingungen unserer Wohlfahrtspflege. Dies« Arbeit wird dadurch sehr erleichtert, baß die an ihr beteiligten Ehrenbeamten den verschiedensten Ständen sind Berufen angehören. Sie erledigen ihre oft sehr schwere und zeitraubende Arbeit — ob es Kauflente, Arzte, Juristen, Handwerker, Arbeiter, Beamte» Angestellte oder Hausfrauen sind, mit der Verantwortlichkeit und der Gewissenhaftigkeit, die «in solches, in gewissem Sinne religiöses Amt verlangt. Keinerlei politische Gesichtspunkte werden geäußert und geduldet. Sie würden im Widerspruch stehen mit dem sozialen Geist und den religiösethtschen Bedingungen wahrer Wohlfahrtspflege. Ls wird auch nicht vergessen, daß wir nur Verwalter von Beiträgen sind, di« di« Steuerzahler oft unter großen Entbehrungen aufbringen, dah wir diesen verantwortlich sind, und dah wir sie nicht über ihre Kraft in Anspruch nehmen dürfen. Unser besonderer Dank gilt denen, die neben ihren Steuern durch Spenden und sonstige Zuwendungen uns in den Stand gesetzt haben,! zur Linderung der Not beizutragen. Auch den verschiedenen Wohlfahrtsbehörden, den Organisationen und Vereinen, bi« unser« Arbeit gestützt und gefördert haben, sei hier der herzlichste Dank ausgesprochen. Geschäftsbericht und Arbeitsleistungen: Wir > hatten im vergangenen Jahre 16380 Postetngänge und 19000 Post- / auSgänge. Hierin sind Buchungen, Kartei» und Aktenetntragungen, ’ Formularsachen usw. nicht mit inbegriffen. Wir betreuen z. I. etwa 10000 Seelen. 580 Personen (hauptsächlich Krank«, Alte und hilflose) erhalten ständige MonatsunteZtützung. 1245 Haushaltungen sinh mit Kohlen und Mazzoth bedacht worden. Die Zahl der LebenSmtttelpakete betrug 1089, Speisemarken Und Brotmarken wurden ungefähr 16668 ausgegeben. Unsere Sprechstunden sind' durchschnittlich im Monat von etwa 1000 Personen ausgesucht worden. Durch unsere Ehrenbeamten stnb etwa 3600 Hausbesuch« und Ermittlungen vorgenommen worden. Die verschiedene« Ausschüsse haben insgesammt 271 Sitzungen abgehalten (einschließlich her Sitzungen bei Behörden, Organisationen ' usw.). Ein großer Teil unserer Ehrenbeamten hat sich für Arbeitsleistungen verschieben«« Ast, dauernd oder für mehrere Tage im Monat zur Verfügung gestellt; dis Aufgaben, die sie zu erfüllen hatten, waren nickt immer leicht. Wir nehmen hier Veranlassung allen Beteiligten . unseren besonderen Dank für ihre aufopfernde Mitarbeit auszusprechen. Leider haben wir auch «inen schweren Verlust zu beklagen. Unser l Mitarbeiter, Herr Dr. Albert Elsässer, ist im Juli vorigen Jahre« aus , seiner unermüdlichen und segensreichen Arbeit abberufen worden. Wir werden das Andenken dieses edlen Mannes in dauernder und dankbarer Erinnerung bewahren. — Auch .im Berichtsjahr« haben Hörer des jüd. theol. Seminars ynd in der Ausbildung stehend« Sozialpraktikantinnen mit Erfolg bei unS hospitiert. ES war ihnen hierdurch die Möglichkeit gegeben worden, ihr« theoretischen Kenntnisse auch praktisch zu erweitern. Der Vorstand der Synagogenge- I meinde hat es aus etwa 60 Legaten und Stiftungen, die unter seiner I Verwaltung stehen, dem Wohlfahrtsamt ermöglicht, eine groß« Anzahl ’ von hilfsbedürftigen zu bedenken. Di« Betrage hierfür sind mit in«, gesammt rund RM. 18000.— in den Fürsorgeetnnahmen und AuSgabezahlen unseres Berichtes nicht mit enthalten. — Produktive, wertschaffend« Fürsorger Di« Zahl , der von unS gewährten Darlehen betrug in 183 Fallen insgesamt 29605 RM. Besonder« Aufmerksamkeit widmeten wir der Beratung - der einzelnen Fälle. Es wurden schließlich für Gutsagen für Waren, BeihUfen zu Gewerbescheinen, sowie für Aus- und Fortbildungszwecke Mittel zur Verfügung gestellt, besonders einer großen Anzahl erwerbsloser Jugendlicher. Auf die Gesamtausgaben der Produktiven Fürsorge kann hier im einzelnen nicht näher eingegangen werden. Der Ausschuß Produktive Fürsorge ist vor einigen Wochen neu organisiert und erweitert worden, hauptsächlich durch Persönlichketten, die dem kaufmännischen Leben und der Wirtschaft uaheftehen utid durch solche, dt« besonder« praktisch« Lebenserfahrung besitzen. Jugendfürsorge. Auch km vergangenen Jahre war unser« Tätigkeit dauernd im Steigen begriffen. Di« Zusammenarbeit mit den verschiedenen Behörden, Organisationen und Vereinen hat stch wiederum ' auf da« Beste bewährt. Besonders erholungsbedürftig« Jugendlich« sind wie immer in geeignete heim« verschickt worden, wobei Uns di« Erholung«» und Kinderfürsorge des Jüdischen Frauenbundes wie bisher hilfreich zur Sette stand. Für tuberkulös Erkrankte Und Gefährdete wurden Heilstättenkuren durch unsere Tuberkulosefürsorge ermöglicht. Unseren Fürsorgezöglingen, die teils im Jugenduftd Lehrheim Wolzig oder in anderen Heimen, teils aber auch in freier Lehr« untergebracht sind, widmen wir besondere Sorgialt. Di« weiblichen Zöglinge, die bisher im jetzt aufgelösten Mädchen heim Köpenick unttrgebracht waren, sind bis auf einig«, die nach Isenburg kaipen, fast ausschließlich in Familtenpflege gegeben worden. — Wir wällen an dieser Stelle nicht verabsäumen, zu erwähnen» daß sehr gut« Erfolg« bei Psychopathen und Schwachsinnigen erzielt wurden, die wir in der paritätischen Heilerziehungsanstalt .Lalmenhof' in Idstein-Taunus und im Dauerheim Weißens«« untergebracht haben. Die jugendlichen Insasien des Straf- und Untersuchungsgefängnisses haben nach wie vor unsere Betreuung erfahren. Di« Vereinsvormundschaft an Kindern und Jugendlichen hat . sich weiterhin sehr gut entwickelt und bewährt. Einer großen Anzahl von Jugendlichen ist die Möglichkeit gegeben worden, an verschiedenen Aus- und Fortbildungskursen. tellzunehmen oder ihre Berusskenntnisie-zu erweitern. Lin großer Teil unserer Arbeit erstreckt sich"auf die Verwaltung des Jugend- und. Lehrlingsheimes. Beide Linrichtungien haben ihre Feuerprobe bestanden und finden Anerkennung in weitesten Kreisen unserer Gemeind«; besonders bei der Jugend, die sich durchschnittlich bis zu 2500 mal monatlich in den Räumen-des heimS utzd des Lesesaals zusammenfindet. Das L e h r l i n g s h e i m ist z. Zt. liit 15 Lehrlingen besetzt, die hier ein wirkliches Zuhause finden und denen auch alle Einrichtungen des Jugendheims zur Benutzung offen stehen. Der Garten des Jugendheims ist in diesem Frühjahr hergestrllt und bepflanzt worden. Der Dachgarten wurde dem Betrieb übergeben. Auch die Arbeiten für den neuen Iugendpflegeausschuß, dem die geistige Pflege der Jugend obliegt, wurden uns übertragen. - Infolge des ständig zunehmenden Aufgabenkreises ist neuerdings unserer Iugenbfürsorgerin eine Hilfskraft beigegeben worden. Im Rahmen dieses Aussatzes kann das vielseitige und interessante" Wirken dieser Abteilung nicht eingehend geschilbert werden. Die folgenden nüchternen Zahlen können daher auch nur als ergänzendes Bild der umfangreichen Arbeit gewertet werden. Die Sprechstunde der Jugendfürsorge wurde 217 mal in Anspruch genommen. An Hausbesuchen und Wegen der Jugendfürsorge zu Behörden und sonstigen Stellen wurden 820 Weg« erledigt. Die Zahl der Einzelfälle hat sich auf 650 belaufen, hierin sind eingeschlosien 361 Fälle der Lrholungs- und Tuberkulosefürsorge, der Unterbringung in Heimen und Anstalten, der Bereinsvormundschaft usw. Der Schriftwechsel betrug an Posteingängen 1329, an Postausgängen 4154 Unsere Iugendfürsorgearbeit wird ergänzt durch di« umfassend« Tätigkeit der Kinderfürsörg« des Jüdischen Frauenbundes, die in angrenzenden Riumen ihr Büro hat und in steter Fühlung mit dem I. W. A steht. Sie hat—u. a. di« gesamte Versendung der erholungsbedürftigen Kinder., Zum Schlusie sei noch daraus hingewiesen, daß die Jugendarbeit nicht nur «inen wichtigen Teil unserer Fürsorge darstellt, sondern als produktiv« und wertschaffende Arbeit angesehen werden muß und somit auch die Wohlfahrtspflege entlastet. Arbeit der Hilfssürsorgerin. Es waren 1230 Hausbesuche und 610 Wege im Interesie der Hilfsbedürftigen erforderlich (Krankenhausbesuch«, Weg« zu Behörden, Ermittlungen usw.) Ferner war sie auch zur Entlastung der Gemeindeschwester, sowie in der Jugendfürsorge, tätig. Seitens der Gemeindeschwester wurden 2503 Ambulanzen (Masiagen, Injektionen, Körperpflege. Umbetten, Elektrisieren usw.) geleistet. Außerdem stnb 1057 Besuch« und sonstige Wege im Interesie der Hilfsbedürftigen erforderlich gewesen. HauSpflegen. LS wurden beschäftigt 14 Pflegerinnen für 32 Fälle mit 495 vollen Tag- und Nachtpslegen und 363 Tagpslegen zu je 2 Stunden. Di« Hauspflege ist auf Anordnung der Stadt vom September vorigen IahreS ab neu organisiert und den charitativen Verbänden übertragen worden. Sie soll in ber Hauptsache auch' dazu dienen, nach Möglichkeit Krankenhausaufnahmen za vermeiden und den Haushalt anftecht zu erhalten. Di« Stadt ersetzt in den meisten Fällen di« entstehenden Kosten. Wichtig ist dabei, daß jüdische Frauen und Mädchen dadurch «inen beachtlichen Nebenverdienst finden. Wärmehall«. Auf unser Ersuchen — auf Grund von Wünschen auS Arbeiterkreisen — hat uns das Israel. Speisehaus in freundlicher Weise in den Monaten März und April sein« Räume den jüdischen Erwerbslosen überlasten. In den Nachmittagsstunden (2 Vi—7 Uhr) fanden sich täglich im Durchschnitt 50 Männer jeder Altersstuk« ein, die unentgeltlich ein Glas Tee und gegen das geringe Entgelt von 10 Pfennige eine belegt« Semmel erhielten. Außerdem standen ihnen Zeitungen und Gesellschaftsspiel« zur Verfügung. Dies« neu« Einrichtung ist seitens der Erwerbslosen mit großer Freud« begrüßt worden. Da offenbar hier einem Bedürfnis Rechnung getragen worden ist, soll im kommenden Winter di« Wärmehall« schon anfangs der katten Iahreszett für die Erwerbslosen -geöffnet werden.