Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 8 (8.1931)
- Date
- 1931-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt Amtliches Blatt der Synagogengemeinde zu Breslau egilltlrilung: Dertvallungsdirrstor Dr. Nechnitz, Breslau. Wallstraße 9 I Druck und Anzelgrn-Annahme: Druckerei Th. «chatzstj WNengesellf, Verlag: Büro der Sunagogengemeinbe. Breslau. Waststr.9/Lrl.2»Sil/l2 | Breslau 9, Neue Sraupenstraße Nr.? / Fernsprecher 244SS u. 2 3ln|ilgntnU: Dir < grf>. 3nunmettt-3rile ot« Beim Ttaum 16 Bfli — 3M lanttntcn Qtuftragai Otabatt. j»nMniiaimiuiiiniiiiMiiiiniiiniiiiniiiiiii«iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiui«iiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiMitiiMiiiniiimiiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiHMiiitiMiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiMHiiiiHiiwiiiiMiiiiiiiiMiiiiiiniiiiiiiHiMiiniiüiiiiiiiiiiiMiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiwwi Für dir unter dem Namen de« DerfogerS erscheinenden Artikel und die Dereinsnachrichten lldernehmen' wir nur die prestegesetliche Berantw s. Sahrg. August 1931 Rr.8 Am Jahresende 57-1. In einer neuen Dichtung eines unserer besten und meist gelesenen Erzähler in deutscher Sprache hat ein Wort mich gefesselt, weil es nicht nur die geschilderten Personen und Ereignisse hell beleuchtet, sondern den Dichter selbst und seine Art. Menschen und Dinge zu betrachten, besser verstehen lehrt. Sicher lesen viele achtlos darüber hin, weil es nichts zu dem Fortschritt der Handlung beibringt. Fehlte es — die Erzählung würde nicht anders verlaufen. Aber es spricht eine oft verkannte Wahrheit aus. »Prophetisch" nennt Wassermann »wissen, was gewesen ist, und sehen, was ist." Es. ist wohl kein Zufall, daß der deutsche Dichter, der dies Wort ausgesprochen hat, Jude ist. Wenn man von Propheten und von prophezeien spricht, denken die Menschen fast immer nur an ^Voraussagung der Zukunft, an das Geschäft von Wahrsagern und Orakelmännern, die immer Zulauf gehabt haben, weil die meisten Menschen keine größere, ja keine andere Sorge kennen als ihr Grgehen. Die Propheten Israels haben sich dagegen gewehrt, mit solchen Wahrsagern zusammengeworfen zu werden. Das war ja der Gottesgeist, der sie erfüllte, daß ihnen, wie der Dichter es in der Sprache unserer Zeit ausdrückt, »die Geschichte ein Weiterzeugendes war, und die Pflicht des gegenwärtigen Augenblicks den Jahrhunderten die Verantwortung von den Schultern nahm." Ihr Gottesbewußtsein setzte sich um in Pflicht- und Verantwortungsbewußtsein, ihnen war das Leben des Einzelnen wie der Gemeinschaften nicht Geschenk, sondern Aufgabe. So verstanden sie die Vergangenheit nicht in romantischer Verklärung, sondern mit objektiver Klarheit; sahen die Dinge der Gegenwart nicht in Selbsttäuschung, sondern wie sie wirklich waren; redeten von Zukunft glicht in Wunschträumen, sondern mit der sittlichen Forderung der Pflicht des Augenblicks. Gerade ihr Idealismus führte sie zur Erkenntnis der realen Dinge. Denn dieser Idealismus zeigte ihnen die Spannung zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart und gab ihnen die Kraft an der Ueberwindung dieser Spannung schaffend zu arbeiten. Darum kannten sie auch keine Verzweiflung, obgleich sie klarer als die anderen die Schäden und Nöte ihrer Gegenwart sahen. Wie viel bester stünde es um uns alle, wennj der Moseswunsch an unserer Generation in Erfüllung ginge, daß alle Propheten wären! Zum Jahresanfang habe ich die kurze Betrachtung in unserem Gemeindeblatt mit Yen Worten geschlosten: »Den neuen Himmel und die neueErde schafft Gott, wenn wir als neue Menschen in die neue Zeit gehen." Die Welt ist in diesem Jahre nicht neu geworden, die alten Sorgen und Nöte sind geblieben und nur noch drückender geworden und neue gleichartige haben sich hiäzugesellt. Aber die Menschen sind auch nicht neu geworden, und fast scheint es, als hätten die schweren Erschütterungen, :bie dieses Jahr gebracht hat, nicht die Seelen aufgewühlt ujnd die großen sittlichen Kräfte geweckt, sondern die Menschen nur noch kleiner, den Gesichts¬ 1*- kreis noch enger, die Anschauungen alltäglicher werden lass n, so daß sie in der unbezwinglichen Sehnsucht nach seelischer Erhebung sich dorthin flüchten, wo ihnen statt Wirklichleit Träume gezeigt werden, die ihren Wünschen entsprechen, und wo statt des Aufrufs zu Aufgabe und^ Pflicht ihrem Stolz und Selbstbewußtsein geschmeichelt wird. Man hat oft das Empfinden, daß die Menschen nichts klar sehen wvls n, daß sie Nicht wissen wollen, was gewesen ist, nicht sehen wollen, was ist, weil diese prophetische Klarheit reichlich unbequem ist, weil sie große Anforderungen an die Kraft der Selbstkri ik, der Selbstüberwindung und Selbstzucht, die Kraft des Widerstandes, des Entschlusses und des Schaffens stellt. Es ist verständlich, daß unsere Generation, deren Nerven in diesen siebzehn Jahren in unerhörtem Maße abgenutzt sind, dieser prophetischen Klarheit und ihren Forderungen auszuweichen sucht. Aber alles Verstehen und selbst alles Verzeihen kann nicht von der Forderung befreien, klar zu erkennen und kraftvoll und zielbewußt zu handeln. Ein sehr kluges Wort des Talmuds sagt, daß der Mensch zu vier Dingen bescnderer und immer erneuter Kräftigung bedarf, zu Lehre, guten Werken, Gebet und praktischer Lebensarbeit. Das Wort weist auf die wechselseitigen Beziehungen, die gegenseitige Verflechtung der geistigen und seelischen Lebensinhalte mit den Aufgaben des praktischen Lebens. Der Wirklichkeit müsten wir gerecht werden, denn nur so können wir uns selbst gerecht werden. Aber es ist ein freilich vielfach zu beobachtender Irrtum, daß die Wirklichkeit nur in den Dingen des praktischen Lebens zu suchen sei. Gerade die letzten schweren Wochen müßten einem jeden den Blick dafür geschärft haben, in wie hohem Maße die Lösung der praktischen Probleme von der seelischen Einstellung der Menschen abhängig ist. Unter Sorgen hat das Jahr begonnen, an seinem Ausgang blickt unser Auge ckuf Trümmer. Aber nichts wäre verfehlter als Verzagtheit, nichts verderblicher als Versinken in Alltäglichkeit oder als phantastische Träumerei. Wir brauchen Selbstbesinnung, rechte Erkenntnis Her wirkenden Kräfte, rechtes Urteil über unsere eigene Kraft. Stacke Naturen werden auch widckges Schicksal zwingen. Aber diese Kraft müssen wir uns stetig selbst erneuen. Sie ^wächst uns zu aus dem Vertrauen auf unfern Gott. Wir aber schreiten und schreiten und schrecken Tiefer hinein in die eigene Kraft, Die sich aus Erden die Ewigkeiten Und aus ihrem Leiden den Gott entrafst. Vogelstein. Redaktionsschluh für die September-Nummer am 24. August. ~ _/ Die Schristlcitung.