Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 8 (1931)
- Issue
- 3 (3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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> ' Breslauer Jüdisches Gemeinöebiatt Amtliches Blatt der Svnagogmgemelnde zu Breslau Schitftlettung: veiwaltungsvlrett« vr. Nrchnitz, Breslau. Wallstratze 9 I Druck und Anzelgen-Annahme: Druckerei Th. Schatzhl AMengefellfchaft. ' Verlag: Büro der Sgnagogengemetndt. Breslau. Wallstr.S / Tel.2löil/12 I Breslau 5, Neue «raupenftrade Nr. 7 / Fernsprecher 244SS u. 241 öS »I« o*f>. 2RUnmmr-3dlt ober brrra 2taum 16 Ufa. — 2M lausenden AuNrSgen Otatatt. mtm)nmiiHiiniiHiiiiiiiiinMiaiMiuiniMiiiitraiiiibiuiHiiuiiiinitiiiiitiwimfiirujHj<iuwwmiiiuuttMtntituuu<HiiumirauiiuiiiiiiiiiMHiMniiuiiiiiiMiiiiuiuiiiiiiiiiM!iiitiMiuMuiHuiuHMiHiinHiiMi<iHmiuii«unuiiuiiiii(iiuiimuiiiitniiiimMiiiininu(mfiiiininHiiiHitmm)wa Für dle unter dem Namen de« Derfasser« erscheinenden ArtUel und die vereinsnachrtchten llvernehmen wir nur die preffegesegliche veraniwonung S. Äahrg. März 1931 M. 3 Du sollst es Deinem Kinde erzählen! Das Wort der Ileberschrift erinnert uns ail die Jahre eigener Kindheit, an chas für! die Jugend eindrucksvollste jüdische Fest, an Vater und Mutter, an Elternhaus und Elterntisch, an manches witzbegierige Kind und an viele antwortbereite Väter.; Wir rüsten wieder zu diesem Fest, das den Vätern einst yie Freiheit gebracht, und an dcnr wir wiederum nach neuer Freiheit ausblicken, weil ungeahnter Druck und unbegreifliche Gehässigkeit von neuem unser Schicksal geworden sind. Wenn Dein Kind Dich fragen wird, warum wir airgesichts solcher Gegenwart Juden bleiben, in einer Zeit, in der Iudenheit und Judentum, jüdische Religion und jüdische Persönlichkeit fast ungestraft verleunidet und beleidigt werden dürfen, dann beginne zu erzählen: Knechte Mizrajims waren die Väter, eiserne Zäune preßten und bannten Israels Stirn, Knechte und Vögte schlugen die Klage auf dienenden Rücken mit Peitschen entzwei,! Schlugen die Kinder mit tödlichem Erz. (Stefan Zweig: Jeremias). . Aus Kirechten niedigster Art haben wir uns dank göttlicher 'Hilfe und eigener Kraft einporgcarbeitet und uns behauptet, trotz iinmerwährender Rückschläge, erzähle von dem Juden Mose, dessen Wahrheitslehre trotz „deutscher Religion" doch die Anerkennung einer ganzen Welt findet und dessen Tatkraft lind Ileberlegung wir Freiheit und Gesetz verdanken. | Aber auch von denj zeitgenössischen nichtjüdischen Forscher iRaimund Eberhard und seinen Gedanken über das Pessachfest j berichte: „Die Juden tragen ihre goldenen Aepfel in tönernden .Schalen durch die Zeiten hindurch stolz im Bewußtsein ihres Wertes und trotzend aller Niedrigkeit, Verfolgung und Verachtung und betrachten sich in allem Jammer r(nd aller Schmach als den geschlagenen und. gemarterten Knecht Gottes, der für alle Völker leidet, als jeney Ewed Adonaj, von dem uiu sagbar geheimnisvoll Hus tief ter Ergriffenheit der zweite Jesaja kündet. Daruin feiern ie im Heiligtum der Familie mit Inbrunst wie ihren Sabbath auch ihr heiliges Pessachfest, freudig und voll Dankbarkeit ihres Gottes gedenkend, der so Großes an seinem Volke getan und der auch fernerhin sie nicht verlassen wird." (Morgen Jahrgang VI, Heft I, Seite 9). Wenn Du davon gesprochen hast, dann erzähle vorn Frühling, an dessen Anfang das Fest stehen soll, um zum Geburtvsest der Natur zu werden. Bald wird junges Grün des Schöpfers gütiges Walten ausdrücken, und das Geheimnis das die Natur umgibt, erfüllt auch Israels Dasein. Nur scheinbar, wie die Natur selbst, kommt es von Zeit zu Zeit zum Erliegen aber imsner wieder steigt es zu neuem Tun empor, Gott zur Ehre, sich selbst zum Ruhm. Dem Frühling j der Natur vergleiche dann den Frühling des Menschen, Deines i Kindes. „Die vorzüglichsten, die zartesten Naturen unter den Kindern", sagt Harbart, (J. Band, Ausgabe Kehrbach, Seite 296) „haben immer gewisse geheime Ruhepunkte ihres Fühlens und Denkens; sie hab§n eine Heinrat in ihrem Innerir, aus der in viel späteren Jahren erst dasjenige hcrvorzugehcn pflegt, was sie eigentlich werden und wirken." Diesem innersten Wesen nahezukommicn und es rrach unserem allerbesten Können und Dersteheir zu beeinflussen, ist rurseres Lebens Sinn und Zweck, auch unserer religiösen Feste Aufgabe und Ziel. Es wäre darum kein unbilliges Verlangen an die jüdischen ReligionsgemeindcN — an die kleinen wie an die grohen — in derselben Weise, in der sie für die geistige Ilnterweisung durch Religionsunterricht Sorge tragen, auch den vielen Kindern, denen zu Hause niemand aus ihre berechtigten Fragen antwortet, durch große Gcmeinde-Sederabendc, durch große Suckothfeiern ihr Neckst zu geben. In der Gegenwart werden die Gemeinden an die Lösung dieser Aufgaben aus bekannten Gründen nicht hcrantreten können; daruni mögen die jüdischen Eltern, die die Frag«r ihrer Kinder bisher nicht gehört oder verstanden, oder die mit einem von wenig Gegcnwartsverständnis und noch weniger Zukunftsdlick zeugenden „das hast Du nicht nötig" anworteten, den veränderten Ieitvcrhältrsissen Rechnung tragen. Diese aber fordern, nicht nur eine politische und eine wirtschaftliche llmstellung, sondern in ganz gleicher Weise auch eine geistige und seelische und besonders eine jüdische Andersorientierung. Darunr ist es gut, wenn neben der sonst üblichen Erziehung ein jüdische, ganz gleich in welcher Richtung, wenn sie nur positiver Art ist, einhergeht. j Wir stehen am Anfang eisies neuen Schuljahres, manches Kind, das bisher von jeder Unterweisung nt seiner Religion durch den Willen der Eltern ftrngehalten wurde, stellt neuerdings die Frage, ol> nun der Sinn der Eltern sich geändert habe. So antwortet, Ihr Eltern, mit einem selbstverständlichen Ja! Seid auch bereit, den Kindern die Teilnahme am Gottesdienst dadurch zu ermöglichen; daß ihr ihnen das Verständnis für Gebetbuch, für Thora- und Prophetenvorlesung in der Sprache unserer Literatur ermöglicht. Wenn Sport und Spiel, Wandern und Bewegung» für die das Judentum mit seiner urqlten Forderung der Gesunderhaltung des Körpers immer feinstes Verständnis : gehabt hat, einer ernsthaften religiösen Durchbildung hindernd im Wege stehen könnten, dann wird es einem starken jüdischen Willen immer gelingen, aus allen Schwierigkeiten jesten Ausweg zu finden, der die Fragen des Kindes in eineyr seiner jüdischen Entwicklung günstigen Sinne beantwortet: Weim dünn die Herzen der Väter sich denen der Kinder und die der Kinder denen der Väter sich wieder zugewandti haben werden, dann laßt uns im Frühling das Freiheitsfest begrüßen und zu gegebener Stunde unseren Kindern hoffnungsvoll und zuversichtlich erzählen: „Nicht unsere Väter allein hat Gott erlöst, auch uns hat er mit ihnen erlöst." Rabbiner Dr. Sänger.