Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 12 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Bttilaiei Jüdische» ve«eiadebla<t Nr. 12 „Der -ie Leite« wandelt...! “ Eine Lhanukkah-Betrachkung. In alter Zeit gab es eine „Fastenrolle". In ihr waren merkwürdigerweise die Tage des Mischen Kalenders verzeichnet, an denen nicht gefastet werden sollte — die Tage, die •v von einem Gtteswunder der Errettung Israels aus der Hand seiner Feinde Kunde gaben. Die Rolle wurde später gegenstandslos. weil die Verfolgungen und die Rettungen sich derart häuften, daß — nach einem Talmudworte — der Körper unempfindlich wurde. Und es blieben von all den in der Rolle aufgezählten Freudentagen nur zwei übrig: Chanukkah und Purim. So ganz unempfindlich scheinen uns allerdings Körper und Seele unserer Gemeinschaft doch nicht geworden zu sein. Wir spüren, noch immer die Ränke unserer Widersacher, sowohl die Anwürfe gegen unsere Religion wie auch die Versuche, uns die Lebensmöglichkeiten zu nehmen oder uns gar das Daseinsrecht überhaupt abzustreiten,, uns des Daseins zu berauben. Und darum, weil wir noch nicht so ganz stumpf geworden sind, weil sich der natürliche Lebenswillen, der in jedem lebenskräftigen Individuum und in jeder noch micht völlig erstorbenen Gemeinschaft wohnt, gegen die Anwürfe und Angriffe unserer Feinde zur Wehr setzen, haben Gedenktage wie Chanukkah und Purim im Laufe der Jahrtausende nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Chanukkah, das an einen der gewalttätigsten Versuche gemahnt, die jemals unternommen wurden, um den jüdischen Geist aufzulösen und zu vernichten: und Purim, das ein radikales Vorgehen gegen das Leben, gegen die Existenz jüdischer Menschen in Erinnerung ruft. Beide Unternehmungen lind an dem Lebenswillen des jüdischen Volkes gescheitert, das sich dank der Hilfe seines Gttes geistig und körperlich zu erhalten vermochte. Es hat noch manchesmal Proben auf seine Lebenskraft bestehen müssen ähnlich denen, von denen Chanukkah und Purim Zeugnis oblegen. Freilich haben wir auch ruhigere Zeiten durchschritten: Jahrzehnte, ja zuweilen — wenn auch selten — Jahrhunderte, innerhalb-deren sich an den äußeren Lebensbedingungen und der geistigen und seelischen Verfassung der Gesamtjudenheik oder doch der Juden - heit eines bestimmten Landes kaum etwas geändert hat, in denen der natürliche Bruch zwischen den Generationen, Alter und Jugend, nicht in die Erscheinung trat. Und dann folgten wieder revolutionäre Zeiten, die eine völlige Umwälzung der äußeren und der inneren Bedingungen bewirkten und eine Kluft zwischen den unmittelbar aufeinander folgenden Generationen, zwischen Vätern und Söhnen, auftat, die unüberbrückbar schien. Und doch wurde sie überbrückt, und doch behauptete sich der jüdische Stamm in allen Stürmen, mochten noch so viele welke Blätter und. morsche — manchmal auch nicht so ganz morsche — Aeste von ihm abgerissen werden. Solche Erinnerungen sind wertvoll für uns: sie ermutigen uns, die wir in einer Zeit der Umwertung der Werte stehen, und zeigen uns unsere Aufgabe, die Kluft auszufüllen, die jüdische Menschen voneinander scheidet.; Simonsohn. Gemeinöevertreter-Sihung i am 4. Dezember 1930. Bericht von Dr. R e ch n i tz. Zunächst fand die Sondersitzung statt zur Beratung einer Aenderung des § 5 der Gemeindesatzung dahin, daß die Zahl der Gemeindevertreter von 21 auf 23 erhöht wird. Der Vorsitzende J.-R. P e i s e r begründete die vom Vorstand bereits m zwei Lesungen angenommene Satzungsänderung damit, daß zu den früheren drei Parteien nunmehr noch zwei weitere hinzugetrelen seien, nämlich die Mittelpartei und die Wirtschaftspartei des jüdischen Mittelstandes. Bei den Einigungsoerhandlungen sei es ohne Erhöhung der Mitgliederzahl nicht möglich gewesen, diesen neuen Parteien eine ausreichende Vertretung zu geben. Rechtlich beständen keine Bedenken, obgleich das Judengesetz, dcks die Zahl der Repräsentanten auf 21 festsetzt, grundsätzlich noch gilt. Schwierig sei nur die Frage des Einrückens in die neuen Stellen: denn an sich seien auf Grund der Einheitsliste nur 21 Gemeindevertreter gewählt. Er empfehle die vom Vorstand vorgeschlagene Uebergangsbestimmung anzunehmen, daß in die beiden neuen Stellen Nr. 22 und 23 der Einheitsliste einrücken, wie es im Wahlkompromiß vorgesehen sei. Geh.»Rat Goldfelds berichtet, daß er mit dem Dezernenten der Regierung wegen dieser Vorlage Fühlung genommen habe. Der Dezernent wolle gegen die vorgeschlagenen Uebergangsbestimmungen Bedenken nicht erheben, falls sie einstimmig von der Versammlung angenommen würden: allerdings sei die Erteilung der Genehmigung nicht Sache der Regierung, sondern des Oberpräsidiums. Die Satzungsänderung wurde darauf von der Versammlung in der vom Vorstand vorgeschlagenen Fassung einstimmig angenommen. Die zweite Lesung findet eine Woche später, am 11. Dezember, statt. In der darauffolgenden ordentlichen Sitzung wurde die Besprechung der Notstandsmaßnahmen auf Antrag von Herrn Gins auf den 11. Dezember vertagt, weil eine Aktion im , Gange sei, deren Beratung noch nicht abgeschlossen sei. Darauf berichtet R.-A. Jacobsohn über die Para-; graphen 1—11, J.-R. Peiser über die Paragraphen 12—22 der Geschäftsordnung der Gemeindevertretung nach den Beschlüssen des hierfür eingesetzten Ausschusses. Die Geschäftsordnung wurde im wesentlichen ohne Aussprache unverändert angenommen. Lediglich bei § 18 wurde bemängelt, daß die Niederschriften überaus kurz sind und nicht immer das Wesentliche der Ausführungen enjhalten. R.-A. Jacobsohn beantragt deshalb, eine Vorschrift aufzunehmen, daß jedem Redner seine Ausführungen mit 48 Stunden Erklärungsfrist zur Durchsicht zugesandt werden, bevor das Protokoll vom Vorsitzenden und Schriftführer unterzeichnet werde. J.-R. Peiser, R.-A. Lux und Dr. Schlesinger beklagten die gleichen Mängel des Protokolls. Letzterer verwies aber darauf, daß der Bej richt im Gemeindeblatt zu seiner großen Freude stets objektiv i und richtig den Gang der Verhandlungen wiedergibt. ^Die Rückkehr zu der früheren Einführung zweier Parlamentsstenographen wurde schon wegen der erheblichen Kosten von allen Seiten fallen gelassen. Geh.-Rat Goldfeld äußerte Be-; denken wegen der Belastung des Büros und der Verzögerung der Protokolle, der Vorschlag Jacobsohn wurde jedoch in die Geschäftsordnung eingefügt. In der geheimen Sitzung wurde die Anstellung von Fräulein Marie Baruch als Hilfsfürsorgerin an Stelle von Fräulein Daniel, die wegen ihrer Verheiratung ausscheidet, genehmigt. Ferner wurde erörtert, ob wegen eines Artikels in einer Tageszeitung Strafanzeige wegen Religionslästerung erstattet oder eine einstweilige Verfügung beantragt werden soll. vle Zrieühofsschänüung ln Trebnitz Wie wir bereits in der vorigen Nummer unter den Nachrichten aus dem Verbände der Provinzgemeinden mitgeteilt WEM haben, sind auf dem jüdischen Friedhofe in Trebnitz 34 Denksteine mit roten Hakenkreuzen besudelt, die Fenster der Leichen-!