Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 11 (11.1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt Amtliches Blatt der Gynagogengemeinde zu Breslau Ä-rtftlewmg: DeiwaltuagsvkeNor Vr. schnitz, Bre«lau. WalMaße - I Druil und Aazelgen-Aimahme^ Druckerei LH. «Hatzh, AMengeseltschaf». Verlag: Büro der Sgmtgogengemelnde. Breslau. Wallftr.» / Tel. «dl 1/12 I Breslau 3, CR tut Sraupeaftrahe 7ti.lt Aernfvrecher 244SS o. 244S» ________ ___ 2fa|«lBfa>wfWi Sk 6 ad*. 5BUHm*kT-3*U» «Ser 6ma ^oum \6 Ofg. — 3M Iimknd»» aümgn Ztadas. VSt'Mt11unl«rc»ei^Ralfntiri6«Tl(Pei!|ta^^ 7. Sadrg. November 1930 Nr. ii I*! Da nur ein Wahlvorschlgg eingereicht worden ist, finden die Wählers am ZS. November I9ZS nicht statt. Breslau, den tS. November 1SZ0. Der Kreiswahlleiter für die Wahl zum Preußischen Landesverband und Koihmifsar für die Wahl zur Gemeindevertretung. < Goldfeld, Geheimer gustizrat. Das Verdienst der Vater. . In diesen Wochen der Wiederbelebung jener Gestalten, die unter dem Beg> iss der „Erzväter" jedem jüdischen Kinde geläufig sind, tritt mit der Frage ihrer Wirklichkeit die Nicht ininder wichtige ihrer Gegenwartsbedeutung an uns heran. Die Meinung einiger Assyriologen wie Winkler, Iensen u. a., die „Erzväter seien vermenschlichte, ursprüngliche Himmelsgötter und dis Erzählungen von ihnen Astralmythen, die Himmelsereignisse widerspiegeln", dürften von der kritisch theologischen und )er übrigen wissenschaftlichen Welt als abgetan betrachtet roerden. Man ist überhaupt bezüglich der früher so beliebten, unbedingten Ablehnung fast aller Darstellungen der Genesis etwas vorsichtiger geworden. Nachdem nun d e deutsche Oricntgesellschast an der Stelle, an der man den Tirm von Bäbel vermutet hat, erfolgreiche Nachgrabungen hat anstellen lassen, die fortgesetzt werden, nachdem ferner, einer jüngsten Pachricht zufolge, wissenschaftliche Forschungen die Stelle gefunden haben wollen, an der Sodom einst stand, wp auch entsprechende Funde zu Tage gefördert sein sollen sind die in Betracht kommenden wissenschaftlichen Instanzen zu den Berichten der Genesis anders eingestellt als das früher der Fall gewesen ist. Und wenn wir nun seit urdenklichen Feiten allsabbatlich durch Wochen hindurch den Erzvätern immer wieder neue Gestaltung geben, so geschieht es zu unserer Neuorientierung, zu unserer Prüfung» oid das Perdienst der Däter auch uns noch von Bedeutung j fein kann. In unseren wichtigsten Gebeten erwähnen wir Tag für Tag die Verdienste der Urväter, um an diesen uns zu erheben und zu stärken; und dieser Gedanke des Verdienstes der Vorfahren im Berufe und der Arbeit des Lebens und der dadjirch erwirkten Gnade Gottes auch für kommende Geschlechter hat sich bis auf unsere Feit in jüdischen Kreisen erhglten. Der Glaube, daß das Verdienst auch der eigenen Väter und Vorfahren von großem Einfluß auf das Leben der nachfolgenden Generationen sein kann, ist bei uns allen noch sehr stark verankert. Mit solchem Glauben verbindet sich meist ein verständlicher Stolz aus die Geistesgröße und die sittliche Kraft, die in jenen Ahnen verkörpert gewesen sind. | 1 (Einer alten Sage gemäß wird der biblische Ausspruch ) *vx VP — es werde Licht! — aüf Abraham bezogen. Damit sei sein Kommen und das seines Geschlechtes angekündigt worden. Er sei der starte Pfeiler gewesen,'den Gott in die Mitte der Zeiten gesetzt; nach den Geschlechtern, die die Sündflut herbeigeführt, find »Dt die, die wiederum in Sünde verfallenwerden. | Inmftten dieser Zeiten scheinen wir zu stehen.! ~ Fast hundert jüdische Friedhöfe sind im Lause weniger Jahre von irregeleiteten, böswilligen und verständnislosen Menschen im deutschen Vaterland geschändet worden. Kein Verdienst der Väter stand jenen bei, die nicht nur die Lebenden rüit Schimpf und Hohn bpwerfen, sondern auch den Toten, weil sie sich mit Stolz Pachkommen der Erzväter genannt haben, die Ruhe verweigern. Das Ausklärungslicht; dessen Strahlen man einst zu Anfang des 22. Jahrhunderts zu verspüren glaubte, ist allzu rasch in dunkelste Finsternis gefaucht worden. . So ergeht an unser Geschlecht mit umso stärkerer Betonung der Ruf: „Zeigt Euch der VÄer und ihrer Verdienste würdig!" Sie waren die ersten Träger des reinen Monotheismus, sic waren Vorbilder und Symbole höchster Sittlichkeit, sie begriffen ihre Aufgal e von Ätensch zu Mensch und verkörperten Generationen, denen gleichzukvmmen gerade in der Gegenwart idealstes Streben sein sollte. Aus allen Gebieten des Gegenwartslebens huldigt man, gewiß mit Recht, der Jugend als dem Geschlecht, für dessen Dasein und dessen Fortkommen wir nicht nur verantwortlich sind, sondern dessen Glück und dessen 'Wohl uns in jedem Augenblick unseres Denkens am Herzen liegt, und dem wir wahrlich bessere Zeiten und Verhältnisse wünschen, als die sind, unter denen zu lebein nun einmal unser Schicksal ist. Aber was wir, die Väter, und- Mas unsere Väter, die Großväter, gebaut und geschaffen, was sie mit dem Blute ihres Herzens und im Schweiße ihres? Angesichtes zu ihre» Idealen und Lebenszielen gemacht haben, darüber kann und darf keine jüdische Generation hinweggehen, wenn sie — „das Verdienst der Väter" — nicht missen will. Wo wäre der Jude, der jenes heiligste Band zerreiße» Möchte, das durch die Jahrtausende nur stärker geworden ist, der nicht mehr auf die ryahnende, belehrende und gütige Stimme jener Vorfahre» hören möchte, die nun allsabbatlich in unser Ohr und in unser Herz zu dringen sich bemühen! Wenn wir Abraham und Isak auf ihrem Weg nach Moriab begleiten, den Pulsschlag ihrer Herzen verspüren iznd die Gedanken ihrer Seele begreifen, dann wird Abrahams Geist in uns leuchten und Isakjs Glaubenskraft und Treue uns erfüllen V’irT’ DITUE? iSTlj. Wie sie zusammen zeigen, so scheiden sich niemals die Generationen zum Heile Aller unj». ni3R JTDT — das Verdienst der Väter — läßt dann auch uns gleich den Vorbildern die schweren Prüftmgen bestehen, die die Zeiten uns auferlegt haben. Rabbiner Dr. Sänger. Redaktion »fchluß für die Dezemder-Rummer am 5, Dezember 1930. \ -