Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 7 (1930)
- Issue
- 10 (10.1930)
- Date
- 1930-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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158 Bceslanec Jüdische» © e m t i n öeblatt Nr. ,10 war. Beide ruhen aus dem Friedhof Claassenstraße (1720 und 1721), und beide werden in den Grabstein-Inschriften als hochherzige Wohltäter der Armen und Bedürftigen gerühmt: so gab er, als i die I. K.-D.-A. im Jahre 1826 ihr hundertjähriges Jubiläum begingt dieiem segensreich wirkenden Verein die zweitgrößte Spende. Auch in!der „Gesellschaft der Brüder", welcher Hcym. O. seit 1816 angehörte, har er et,ne führende Rolle gespielt. und 1821» war er im großen Ausschuß derselben. Bei seiner Beerdigung am 8. 'April sollten sowohl Oberrabb. Salotmon Tiktin als auch ' pr. Geiger sprechen: aber! als jener seine Trauerrede, in welcher er Heyin. O. als! einen „wahren Verehrer des Talmyds" bezeichnete, beendet harte und Geiger zu! sprechen begann, wurde dieser von einigen Heißspornen dstrch Zuru-e Unterbrochen und am Weiterrcden verhindert, -und dicicr. bedauerliche Voriall war die Veranlassung, daß der Konflikt Tiktin-Geiger sich verichärite und peinliche Maßnahipen zur Folge hatte. Ein Sohn von Hcym. O. war der' am 49. April > 1800 geborene und am 12. Dezeinber 18.Z0 hier verstorbene Kaufmann Moritz (Moschee 0., ,der sich um 18:10 mit Fanny Ehrenstamm verheiratete und Nachbefitzcr des bereits erwähnten Haukes am Blücherpiag wurde. Er war rin angesehener Kaufmann und Halle zwei sozieis, den Mann seiner Schwester Minna lgeb. 12. 9. 1809)7 deft Bankier cHeym. Traube und Ad. Oettingcr und wurde als einer der ersten auf dem Friedhof Loheitraße bestattet. 'Auch er gehörte der „Gesellschaft de< Brüder" lseit 1844) Die Kinder von am oeraselbst am 13. Juli ormünder: Bankier ur Oppenheimischen erd. Lassalles). Und an und war immerwährendes Mitglied derselben. Moritz und Fanny O. waren: Ferdinand (Feibusch), geb. 21. O k l o b e r 1830, Edmund und Mariegeb. iHö in Breslau, heiratet in Berlin an Ferd. Meyer und gestorben 1809: während ihrer Minderjährigkeit waren ihre Heym. Traube und der durch seine Mutter ebenfalls Familie gehörende Bankier F)cyin. Lassal, der Vater "Ferdinand, der gleichgesinnte und gleichgestimmte Gatte der durch ihr hochherzigjrs Wohllun und ihre reichen Stiftungen rühmlichsl bekannten Freiin Julie v. Lohn, der Ehrenbürgern, von Dessau und Oranienbaum,! ist der Stifter der überaus segensreich wirkenden H e y m a n n - O p p e n h e i m - S t i i r u n ^unserer Synagogengemeinde: denn er vermachte derselben letz:willig schon im Jahrj 1888 da; in seinen Bcütz übergegangene Hausgrundstück Blücherplatz 4 rbit der Bestimmung, \>i, zwei Teile des Ueberichusses für 'Armenpflege Lnd für die hiesigen A'ohllütigkeitsoereine verwendet werden, und dieser Schenkung fügte seine hv.kcherzige Gattin noch ein Kapital von 10000 Mark hinzu, nachdem sie schon vorher zwei auf dem Grundstück lastjende, ihr gehörige ttupotheken im! Betrage von 60 000 Mark gelöscht, also der Gemeinde geschenkt hatte. Und wenn auch die Erträgnisse des Hauses und die Zinsen des Kapitals jetzt nicht mehr in früherer Höhe vorhanden sind, so sind üe immer noch derart, daß die Gemeinde so manchem Bedürftigen und Leidenden, ganz besonders aber unseren Breslaues Wohlfahrtseinrichtungen, Anstalten und Vereinen allsthrlich angemessene Unterstützungen, und Zuschüsse gewähren kann und auch gewährt. Deshalb wollen wir heute in Dankbarkeit gedenken der edlen Stifter, des gor hundert Jahren hier geborenen, am 21. Januar (29. Tebeth) )890 in! Berlin verstorbenen und in Breslau beerdigten Herrn Ferdinand Oppenheim und seiner Gattin Julie, der Baronin von Cohn-Oppenheim,! die am 5. Januar (b. Tebeth) 1903 in Berlin chre AugeN zum ewigen Schlummer geschlossen hat.h>-x-, das Andenken der Gerechten gereicht zum Segen! ' iQuellen: Gcm.°Akt. und Bücher, Akt. der I. K.-V.-A., Brann, Gesch. d. Geselllch. d. Brüder und Dr. W. Cohn, Staatsbürgerrolle d. Bresl. 2ud. von 1812.) t * Oie Sommerschul^ües prooinzialverbandes -es Jüdischen Frauenbundes für Nieder- und Gberfchleßen, die in Breslaü im Anschluß an die Hauptversammlung im Beate-Guttrnann-Heim am 1. und 2. September stattfand, hatte vollen Erfolg. Sie zählte fünfzig Teilnehmer. Frau Paula Ollendorsf hatte die Leitung des ersten Vormittags. Gemeinderabbiner Dr. Vogelstein behandelte „Das Judentum als erzieherische Kraft". Referent skizziert den ethischen Monotheismus des Judentums: Einheit und Heiligkeit, abfolstte Vollkommenheit Gottes. Die Lehre vom Menschen als Ebenbild Gottes ergibt die Forderung der Einheit und Heiligkeit des Einzelnen wie der Menschheit. Frömmigkeit ist Rach- -eiferung Gotte», sie lehnt Sinnenwelt und Lebensfreude nicht ab, sondern sublimiert sie. ’ Die Seele ist rein geschaffen, jedes Abirren wird durch Umkehr überwunden. All« religiösen Lehren urll» Gebote bezwecken Selbsterziehung des Menschen zur Selbscheiligung. Dies wird ausgehend von dem Gebot der Liebe zu Gott und der Liebe zu den Menschen namentlich an den Forderungen der sozialen Gerechtigkeit (Zedakah) aufgezeigt. Als Beispiele werden die Gesetze über Sklaven, Blutrache und den widerspenstigen Sohn angeführt. Die Bedeutung der Familie und die hohe Achtung der Frau wird erörtert. Die Erwählung Israels gibt nicht Vorrechtei sondern bedeutet die höhere Pflicht und die Aufgabe der Herbeiführung messianischer Zeit. Auch diese ist nicht «in Aufhören, sondern ein Vorwärtsschreiten der Entwicklung auf hA>erer Grundlage. Die Ausführungen werden durch biblische und taltnudische Belege erläutert und unterstützt. - Nachmittags sprach Gemeinderabbiner Dr. Hofsmann über: „Jüdische Festtage". Er gehl von den Ausdrücken „maued" und „chag" und „jom tow" (Fest)'aus. Festfeier ergibt sich erstens aus dem Ablauf der Natur, zweitens aus Ereignissen der Geschichte, drittens aus der persönlich inneren Beziehung.des Menschen zu Gott. Insbesondere geht Referent auf den. doppelten Charakter der drei Wallfahrtsfeste als historisch« und als Naturseste ein. Es ist das Wunder der Thora, daß sie immer wieder anzieht und ihr Geist nicht zu vernichten ist. Auch dieser Vortrag löste eine lebhafte Aussprache aus. Diese beiden Vorträge sind durchaus dazu geeignet, als An,ang von i neuen Arbeitsgemeinschaften zu gelten, um die Teilnehnrer mit religiösem! Leben zu erfüllen und sie in die Lehren des Judentums^ einzuführen. Der 2. September war Erziehungsfragen gewidmet. Frau Dr. Elfe Meidner sprach über: „Allgemeine Grundzüge im Leben Jugendlicher": sie legte ihren Ausführungen das Sprangeriche Buch „Psychologie des Jiigendalters" zugrunde mit seiner Einteilung: l. Allg. Charakteristik des Jugendalters. a) Entdeckung des Jchs, >,) die Entstehung des Lebensplanes, c) der Jugendliche beniüht sich, die Lebcnsgebiete zu verstehen. II. Das Hineinwachsen des Jugendlichen in das soziale Leben, die Gesell lchait. Ueber beide Kapitel war die Aussprache, die Erziehung-fragen von den verschiedensten Seiten beleuchtete, so eingehend, daß Frau Dr. Meidner nicht mkhr zur Erörterung ver nächsten Kapitel kam. Dicnstaq- Nachmittag-Thema: „Gegensatz der Generationen und Wege zur Verständigung". Referent Ulrich Steuer. Im einleitenden Referat wurde zunächst die Frage, ob Gruppengegcnsätze zwilchen Jugend und Alter bestehen, kurz gestreift und mit starken Einschränkungen bejaht. Darauf wurden die Gegensätze auf dem Gebiet des wirtschaftlichen Lebens, der Weltanschauung und des Judentums jurz erörtert. Eine einzigartige Revolution der modernen Jugend wurde geleugnet, Gegensätze zwischen Jugend und Alter sind keine Nennzeichen unserer Zeit. Sie spielen sich nur auf anderen Gebieten Wirtschaft) und auf andere Weise ab. Erschwerend wirkt das Familienproblem. 'Auch heute muß es möglich sein, Verständigung anzubahnen, und zwar gerade durch die neue Form solcher Aussprachen. In der Diskussion kamen die verschiedensten Ansichten zur Sprache. Die Parteien gruppierten sich aber durchaus nicht nach Generationen. Von einer Seite wurde bedeutungsvoller Gruppengegensatz verneint! Wechsel der Äusdrucksrormen sei keine Wesensrichtung. Worte wie das vom Radikalismus und Geltungsbedürfnis der Jugend halten einer kritischen Prüfung überhaupt nicht stand. Auch in der Aussprache wurde ein konkreter Gcgen-!satz zwischen Alter und Jugend nicht gezeigt, dieser sei vielmehr von den meisten einfach vorausgesetzt worden. Eine andere Partei behauptete, ldaß heute die frühe wirtschaftliche Selbständigkeit auch eine frühe geistige Unabhängigkeit vom Elternhaus zur Folge habe. Es wurde gefordert, daß das Alter die Jugend ganz unabhängig ihren Weg finden lasse. Audie Behauptung, „die Zeit der Familie sei vorbei, seitdem sie als wirtschaftliche Einheit zu existieren ausgehört habe", kam eine dritte Ansicht zum Ausdruck, daß dieser endgültige Zerfall der Familie gar nicht bewiesen worden sei. Wirtschaftliche Selbständigkeit habe auch nicht geistige Selbständigkeit, sondern nur größere äußere Freiheit zur Folge. Eiu geistiger Aufbau könne nur von innen kommen. Ein Einfluß der Generationen aufeinander könne selbst bei Betonung des Trennenden nicht ausbleiben. preußischer Lanüesoerbanjüdischer Gemeinden Amtlich. Am Sonntag, den 17. August, fand in Berlin unter dem Vorsitz des Gemeindeältesten Waldstein-Breslau eine Zusammenkunft der Vertreter der preußischen Prooinzialverbände jüdischer Gemeinden statt, in der fast alle Verbände vertreten waren. Als Vertreter des Rates des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden wohnte Dr. Freund den Verhandlungen bei. Die Tagesordnung umfaßte eine Reih« von Gegenständen, die für di« Provinzialverbände von erheblicher Bedeutung sind. Im Mittelpunkt der Diskussion stand die Forderung, daß die Prooinziakverbände in der Verfassung des Preußischen Landesverbandes verankert werden sollen. Es wurde einstimmig ein Antrag angenommen, der diese Forderuna .zum Ausdruck bringt. Ein Antrag, die.Provinzialbeamten auf den Preußischen Landesverband zu übernehmen und damit zugleich eine Umorganisation der zur- . zeit noch vielfach unvollkommenen religiösen Versorgung der Kleingemeinden und der unzureichend beschäftigten Beamten herbeizufÄ,ren. fand grundsätzlich Zustimmung. Von dem Vertreter des Rätes wurde darauf hingewiesen, daß der Landesverband die Bildung von Lehrerbezirken zu diesem Behuf« von Anfang an zu seinen willigsten und dringlichsten Aufgaben gezählt habe. Er würde es durchaus begrüßen, wenn diese seine Tätigkeit durch konkrete Vorschläge der Provinzial-' verbände unterstützt werden würden. Eine weitere wichtige Frage, die in der Tagung behandelt wurde, war die, aus welchem Wege eine religiöse und seelsorgerisch« Betreuung der vielen Zwerggemeinden und der sporadisch aus dem Lande lebenden Juden herbeigeführt werden könne. Allseitig anerkannt wurde die von dem pommerschen Verband ausgestellte Forderung, schnellstens eine Ruhegehaltskasse zu schaffen, di« die Pensionsansprüche der Beamten und deren Hinterbliebene sicher stellt. Vom Vertreter des Rates des Landesverbandes wurde darauf hingewiesen, daß die Verhandlungen über die Schaffung einer solchen Kasse bereit» seit langer Zeit schweben und in Kürze wohl auch zu einem Ergebnis führen werden. Werbet für den Humboldt-Verein! 'f