Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Journal
- Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
- Volume
- 6 (1929)
- Issue
- 3 (3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. Z ^Breslauer Jüdische» Semeiadeblatt 41 Jfldisc|ho Tuberkulose-Fürsorge! 1. Hfaittr* ptr. ^wactwwltfan« 17—18 1 Oem Jlnöfnfen von Zelijr priedatsch. Der dritte Band „Schlesier des 17. bis IS. Jahrhunderts" enthält aus der Feder von Prof. Dr. Heinrich Wcndt ein Lebensbild des am 17. April 192v zu Breslau plötzlich verstorbenen Derlagsbuchhändlcrs Dr. Felix Priedatsch. Ein vollgültiger Beweis! für die Bedeutung dieses Mannes muh der Umstand sein, dar, der Leiter unseres Stadtaircbios, eine anerkannte Autorität auf dem großen Gebiete schlesischer Geschichte, sein Lebensbild aufnahm, und gerade die, Mitglieder unserer Glauhcnsgemcinde werden ihm hierfür besonderen Dank wissen. Der beschränkte Raum gestattet leider nur einen Auszug aus den mit sichflicher Hingabe geschriebenen Ausführungen des kennlnisreicben Verfassers an dieser Stelle wiedcrzugeben. Felix Priedatsch, am 5. Januar lSv7 j» Ostroivo geboren, entstammte einer bald nach Breslau verzogenen Familie, der seit Generationen der Beruf des Gelehrten als 3 >cal vorschwcbtc^ Aach Beendigung seiner GymnasialsNidie» auf dem Ma chalcneuin, wo leine Lehrer Kalkofs und Tardy den Grund für seine Liebc zu deutscher Geschichte und klassischer Literatur legten, entschloß er sich, H storiker zu werden. In seinen Studentcnjahren, die er meist in Breslau vei brachte, haben ihn vor allein Eduard Meyer und Dietrich Scbäfcr nachhaltio beeinflußt. Astch wurde durch die Vorlesungen und Hebungen von Rocpe l und Caro sein Interesse schon damals auf den europäiscbcn Osten gelenkt Wie seine Breslauer Dissertation von 1599: „Die große Draunschiveigcr Stadtfehdc 1492 >495" an den Problcmkreis: ..Fürstentum und Städte i n ausgehenden Mittelalter" angctnüpft hatte, so gehörte auch die darauffolc ende Arbeit: „Die Hvhenzollern und die Städte 'der Mark im 15. Jahrhundert* (1392) citfcr verivandten Problemstellung, führte ihn aber zugleich aus das Gebiet der Frühgeschichte von Brandenburg- Preuße», dem sein Interest« fortan treu blieb, und auf dem er auch heute noch, wie die vielen Hiinveis: auf seine Arbeiten in unserer historischen Literatur zeigen, als kenntnisreicher und zuverlässiger Gewährsmann gilt. Diese Arbeiten müssen wohl die Aufmerksamkeit der ersten Fachkreise erregt haben, denn unmittelbar darauf e hielt er von dem Leiter der preußischen Staatsarchive, Heinrich von Sybcl, den cbrcnvollen Auftrag, die politische Korrespondenz des fturfüritcn Albrcbt Achilles für die Publikationen aus den preußischen Staatsarchiven hcrc^iszugeben, eine Aufgabe, an der bereits mehrere andere Historiker gescheitest wären. Priöbatschs dreibändige Ausgabe der .Korrespondenz <1394—13^5 erschienen) wurde ivegcn ihrer sorgfältigen Bearbeitung und ihrer wertvollen Ergebnisse von allen Sachkennern rübmcnd anerkannt. An sie schlossen sich kleinere Beiträge zur mürk-schen, schlesischen »nd Reichsgeschichte, wie über den märkischen Handel qm Ende des Mittelalters, den Glogauer Erbst lgestreit und die Kömgswahl Maximilian I. „Trotz der Anerkennung, die diese ^ergebnisreichen Einzelforschungen fanden, und obwohl er ja »relchig Archiorxlsen im Staatsauftragc gemacht hatte, gelang cs ihm nicht, im Ärchivdienft eine Anstellung zu finden, und auch die Habilitation hat er nicht erreichen könneist"— Hierfür eine Erklärung zu geben, unterläßt der Verfasser. Wir aber dürfen cs offen a u s s p r c ch e n, daß l > d i g l i ch s c s n c Zugehörigkeit zum jüdischest Religionsbekenntnis sciivohl den Eintritt in die A r cd i v v e r w a l t u n g, w i r d c st i n d i e Il n i v c r s itätslaufbahn verhindert hat: ein trauriges aber hinreichend bekanntes Kapitel der Intoleranz unter dem alten Regime, daß di ex. Staatsbehörden den R c ch t s b r u cd der D r r f a s s u n g in k t a s s c st e r 21 r t vollzöge n, indc m sie d > n B e k c n n c r n j ü d i s ch e n' G l a u b e n s die Staatsä mtcr verschlossen hielten, sicherlich zum Schaden der Wissenschaft. Gerade in unseren Tagen wirkt die Kcnntnisnsthmc des vorliegenden Falles besonders beschämend nach den F c st f e i c r n für den R e p r ä s c n jt a n t e n der Toleranz. — Wcndt sagt weiterhin wörtlich: „Pricbhtsch hat den Abschied von der Wissenschaft als Beruf nie ganz verwinden skönncn und in den letzten Jahren seines Lebens, als sein Hauptinteresse in linimcr zunchmendeml Maße wieder der wissen- , scbastlichcn Arbeit gehörte, für die ihm freilich nach anstrengender Geschäftszeit nur der Abend und dckr Sonntag blieb, dachte er nut Wehmut an die glückliche Zeit zurück, wo enden ganjcn Tag wissenschaftlich arbeiten durfte. Aber er wurde durch diesen Bruch, der durch sein Leben ging, nicht verbittert, sondern seine buchhändlerikck>e Tätigkeit und seine wissenschaftlichen i'cstredüngen durchdrungen und befruchteten sich gegenseitig, so daß er gegen Ende seines Lebens sagen tonnte, ct sei als Gelehrter ein besserer Kaufmann und als Kaufmann ein be serer Gelehrter geworden." Diese Worte enthalten die Tragödie eines Menschenlebens, welche auf das Sc > nldkonto des alten Staates zri setze n i st. Die ersten Jahre nach seinem Eintritt in di« Buchhandlung mußte sich -Priedatsch ausschließlich dcrj ihm so fremden geschäftlichen Tätigkeit widmen; denn bald starben der Batet und der Oheim, undler war in der Leitung des Geschäfts ganz auf sich allcist gestellt. Er erkannteschnell, daß im Buchhandel noch mehr als in anderen Handelszweigen eine nicht nur privatwirtschaftlich eingestellte, sondern auch kl Iturcll gemeinnützige Tätigkeit auf frühzeitigem Erkennen konmiendcr Entnicklung ruhen muß. So gelang cs ihm, einen Verlag aufzubauen lind oft als e r st e r Bücher auf Gebieten hcrauszugcden, die heute im Mittelpunkt des Interesses stehen. Er schuf, das v ollftündigsteSystem von Deruföschulbüchcrn, das es bis heute in Deutschland gibt. — Gine große Zahl von schlesischen Jugendbüchern vorg, schichtlichen Und geschichtlichen Inhalts entstand, in denen er altes schlesische-i Sagen- und Volksgut der Heimat lebendig zu Erhalten suchte. Seine besonderGBoaicbe gehörte dabei Obctschlejsicn. Jetzt ist dieses eigenartige Land deutscber Kultur, z. T. aber polnischejr Sprache, durch seine wirtschaftliche Bedeutung in den Mittelpunkt jdes; politischen Interesses gerückt. Bor dem Kriege hat cs aber bei den Berliner und Brcslaiicr Regierungsstellen oft nicht däs Verständnis und di« Unterstützung gefunden, die es als Ausgangspunkt peutscher kutturellcr undf-wirtscbaftlicher 2lusweitung und zugleich als gcfähfdctster Angriffspunkt verdiente. Für zahlreiche oberschlcsische Autoren wuidc Felix Priedatsch Anregech Förderer und Verleger, und diese Derlagstängkeit einziger Art wuifde quch später von den Behörden der neuen obcrschlcsiscben Provinz dankbar anerkannt: ,.A I s Pionier g r e n z l a nd » c.u t f <b c r K u l tu r.a r h eil," so beißt c s in d c in 21 a ch r u f d c r Oppelner Reg' wirkte Priedatsch „zäh uud zielbcwußr f Hebung des obcrschlcsischen Ansehens g e m G e b i c t c; i k m ist es z u v c r d a nk c n, dach p, e des o b e r s ch l c s i s ch e n Volk 7 b u ch e s' wieder z^u m gen gebracht wurde". Dü:ch diese ehrenden Worte u>crden oft kl'. , c r u n g, ü r die a c i st i- Cu eile Sprin- Oberividerlegt. Dlerk des gehörte Behauptungen wix diese: „Juden hätten An s ch l e s i c n keine K u l t u r ü r > c i t geleit»« t", restlos (Vicllcicbt ist cs angebracht, im guß onmonhang hiermit auf das Geh. Archivrats Dr. Warschauer „Deutsche Kulnirarbeit in dctz Osmiark, Erinnerungen aus vier Jahrzehnten" (I92ö erschienen) hinzuu'cifcst, das ein beredtes Zeugnis für den Anteil der t>r>n eine in I u d e n für die Provinz Posen geleistete Kulturarbeit ablcgt.) s Trotz der Umwälzung durch de» Weltkrieg setzte Priedatsch den Kampf um die Geltung des deutschen Buck cs im Ostest unermüdlich fort. Auf eine ni Gebiete wenigstens ist denn ruch trotz des Handclskrä:gcs fnit Polen dem Breslauer Berlage die Möglich eit gegeben , worden, sich -eiste hervor ragende, führende Stellung in Osteuropa zu sichern: in der Osteur^pawissen- . Slawen, schaft. Die Jahrbücher für Geschichte und Kultur der hie >heutc von dem Breslauer Osteuropa-Institut hccausgcgcben werden und Gelehrte aus allen osteuropäischen Ländern zu ihreü Mitarbeitern'zählen, «vcrfdanken in W a g e in u v P r i e b a t s ch s dlerbcrnf fest eingewurzelt u ar, konnte de n Anregungen und d ihr E n t st c h c n. Seitdem Priedatsch im Buchhäi er sich wieder wissenschaftlichen 2lrbci!cn,.'wenn auch nur in Ivenicken Mußestunden, widmen. Die kritische un! dabei stets, maßvoll abwä, ende Be-, lrachtungsweisc seiner reifest Jahre boivährtc sich naincntlich an^zi?ci stände-' geschichtlichen Problemen mit aktuell politischen) Einschläge. Sein Aufsatz: „Die I u d e n p o l i t i k d c s f ü r st li che ii 2lbsvIutis nus i in 15. Jahrhundert" (in der Festschrift für Dietrich Scbäer, 1915) widerlegte d i c!l e b c r l i c f : t h n g, daß die Gew ihr» n! g der ersten politischen Rchtc an djc Jüdin er st aus den Ideen der französischen Revolution entsprungen sei. Mitten'ini Sturm und Drang der ersten Racblcicgs-cit (1919) schilderte er dann gerecht und klar in seiner Geschichte dcs^>ren zischen Offi.zicrkorps die „geschichtliche Mission dieser Krieacrkaskc von einzig x ivc tgcschichtücher Bedeutung". Auch seine 2)citrügc zu den „Schlesischen Lebensbildern": Karl Fischer, Heinrich Graetz,. Karl Ientsch, Richard Rocpül, zeigten die Höhe und Weite seiner historisch politischen 2lufsassung. Politischer Betätigung durchaus abgeneigt, betrachtete cr die Ereignisse und Entwicklungen der Gegenloarr stets als Historiker. Stcrk und bewußt, lvi« ^vcnigc hat er Geschichtc erlebt. Er hoffte, daß die Geschi chtsbc trachtung im Sinne der großen deutschen.Histori erfich auch den-Schulunterricyt erobern u>erdc. Das Idealbild eines Geschicbt umlerrick'ts, der den Kei n des geschichtlichen Geschehens enthüllt, erfüllte il n so stark, dag er selbj mit der Ausarbeitung eines solchen Istikerrichtsivei kes begann. Jede freie Minute in den letzten fünf Jahren widmete er dieser 2lrbcit,. die sich zu einem Geichichtsivcrk auswuchs, das die mittclaltcrlicht Geschichte des. abcndlär bischest Kulturkceises darstellt. Es wurde d ä s B c k c n nck n i s w r r k. 'seines* durch und durch h i ft o r i s ck e n Geistes. -Er lat die Freude nicht erlebt, fei» größtes Werk, die Curopaarbcit, im Druck -u fehlst. Rochharrt dieses 2Vcrk der berufenen Hand eines Herausgebers. Mi ge cs,gelingen, jo beschließt Wcndt seine Darstellun;, ihm, dem das Leben manchen verdienten Erfolg versagte, dieses würd gste Denkmal zu setzen, damit, wie er einst seinen Vortrag über den Geschichtsunterricht abschloß: r ,,Yagliiile il lungo stu lio e il graiide amorc.“ , Wcndt hat ihm durch seine imi erglcichliche Biographie ein k aucrndes Gedenken der Mit-und 2lachwelt ge> ick-ert. Felix Priedatsch hat im öffcntli den ^'ehen nie cjnc Rolle ges nclt oder spielen wollen. Doch hat er auf dii geistigen 2Acnschen in scinei Ilmivelt immer eine ungewöhnliche Anziehungskraft ausgeübt- Er'war ein treues Glied unserer G l o u b c n.s g e m e i n d e unlüber-- z e u g t e r I u d c. Er war Mitglic > der L^ibliothckskommis ion d:r Synagogcngcmcindc, betätigte reges üiitcrcjfe für den Bereist für jüdische Geichichte und Literatur und mit bcrcoligtem Stolz fonntcn ivir ibn zu den uiisern zählen. Ein stilles Gclehrtcnleben, das weit hinaus tiefe Wirkangest ausübte, hat hier unerwartet früh seinen 2lbs blliß gefunden. Die Wjssensc >aft wird den Ranicn Felix Priedatsch dauernd lebendig erhalten. Die ^Ermstcrung an seine Persönlichkeit in den Herzen l'crer, die ihm im Lebest nätzer treten durften, bleibt unvergänglich. - , -B(i ch a c l r a ein k c l. erscheint vor Pesach. Die nächste Rümmer Redaktionsschluß am 7: April 1929, i