Mannheim
Compact Memory

Breslauer jüdisches Gemeindeblatt · 1927-10-15 · 10 (15.10.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Breslauer jüdisches Gemeindeblatt
Volume
4 (1927)
Issue
10 (15.10.1927)
Date
1927-10-15
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3970005-7569520-7569580--0628-3970586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

! 54 IS dt sch«» @c*eiub«H«it Breslau als Tagungsort Die diesjährige Hauptversammlung des Reichsjrlndes jüdischer Frontsoldaten findet vom -24. Oktober 1927 inBreslau statt. Wir freuen uns, jlß Breslau endlich einmal als Tagungsort für jüdische Organitionen gewählt und damit ihrer Bedeutung als zweitgrößte Gemeinde Preußens Rechnung getragen wird. Wir sind überzeugt, ^gß die Delegierten und Mitglieder der weitverzweigten Organisationen des Frontbundes von unseren G«mcindenntglicdcrn herzlich ausgenommen und sich in unserer Sstadtwohl fühlen werden. Gegen 500 Mitglieder aus allen Gauen Deuticblands werden erwartet. Am Sonnabend abend sollen sic sich;u einem Begrüßungsabend vereinen. Am Sonntag,*) den 25. Oktober, vormittags 9% Uhr, findet in der Reuen Synagoge eine Gedächtnisfeier für die Gefallenen statt. Die Predigt wird das Mitglied des F lontbundcs Rabhiner Dr. Sänger halten, das Hebet wird Gemcindcrabbincr Dr. -Dogelstein sprechen. Des weiteren hc bcn sich für diese Beranstaltung die Herren Oderkantor Borin, . O kganii't Schärfer und der Chor der Reuen Synagoge zur D krfügung gestellt. Dieser Feier folgt um l l y, Uhr vormittags ci tc Kundgebung im großen Saale des Konzerthauses, bei der vccausfichilich Staatsrat a. D. Dr. Haas, Univers.-Prof. Dr. Fi anz Oppenheimer und der Dundcsvorsitzende Dr. Löwenf, stein sprecheil werden. Am Sonntag abend wird ein Festste nkctt die Dcrtretex der staatliche»: und städtischen Behörden »n st de»l Tcilnchntcrn und ihren Dainci» vereinigen,' während dilj übrige Feit des Sonntags und des Montags der Arbeit best Ausschüsse vorbebalten btcibt. R.! Die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums fatjn am 2. Jlorcnibcr 1027 auf ein 25jäbriges 2?cftcbcn zurückblicken. Tibrc (srfenbung 'crfelgtc in einer (speebe tiefer Depression und seelischer Not bev! ivesteurepäiscben Iudenbeit. Es war die Zeit, da unter den Gebildeten dev! Abfall vom Judentumgrassierte, namentlich unter den Akademikers diel Taufe ihrer Kinder an der Tagesordnung war, es war die Zeit, wo' Frsbdricb Delitzsch' Vorträge über Bibel und Babel und ähnliche Veröffentlichungen sich bemübten, „den Aimbus des auserwäblten Volkes beitobzusetzen", wo Bücher wie iZarnack's Wesen des Ebristentums vevschiimgen und als Lockruf zu einem „geläuterten Klauben" oerstanden werden. ' Jüdische Schriften von Bedeutung, die diesen Gefahren in wirksamer Weis« begegnen konnten, gab es nicht/ oder sie blieben unbekannt; yefgelangten über einen kleinen Kreis von Jfacbmänncrn nicht hinaus, nicht eimnal im Religionsunterricht fandet» sie Verwertung. i 7>n der Not der Zeit propagierte ein junger Rabbiner, Dr. Leopold L ■ c a s in Glogau, die Gründung einer „Gesellschaft zur Förderung der Dasenschaft.des Judentums." Zwei Ziele hatte er vor allem im Augsr Erstens-sollte der Zusammenschluß aller verfügbaren geistigen Kräfte der gesamten wissenschaftlichen Bewegung und' die Möglichkeit bedeutsamer gemeinsamer Arbeiten, die alle anderen Zweige der Wissenschaft groß gemacht haben, gewährleisten. Sodann sollte die Gesellschaft einen beträchtlichen Milgliederkreis werben, ihn für jüdisch-wissenschaftliche Werke interessieren und so den Deröftentlichungen aus jüdischem Gebiete einen ausgiebigen Leserkreis sowie eine gewisse Resonanz sichern. Schon der erste Aufruf hatte unerwartete Wirkung. Die Gesellschaft trai unter der tatkräftigen Leitung von Professor Dr. Wartin Philippson, Beilin (gest. 1016) und Rabbiner Dr. Jacob Guttmann, Breslau (gest. 1910) in» Leben und begann sofort eine energische und begeisterte Tätigkeit. Sie übernahm die von Dr. M. Drann in Breslau (gest. 1020) geleitete „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" als ihr Organ urrd sandle sie ihren Mitgliedern unentgeltlich zu. Ebenso ließ sie ihnen das „Jahrbuch für jüdische Geschichte und ^Literatur" zugeheu. On ihrer alljährlichen öffentlichen Mitgliederversammlung mußte ein wissenschaftlicher Dortrag gehalten werden, der ebenfalls gedruckt und unter den Mitgliedern verteilt wurde. Ferner wurden Gelehrte in ihrer Forschungsarbeit unterstützt und Einzelschristen herausgegeben, ein sehr glücklicher Anfang wurde mit Lev Baeck's Buch: „Das Wesen des Judentums" gemacht, dessen vierte Auflage inzwischen fast vergriffen ist. ■ Vor allem aoer wurden monumentale wissenschaftliche Veröffentlichungen in Angriff genommen, an denen heute noch gearbeitet wird! So dieiGermania Iudaiea; sie sollte alle Landschaften und Orte des deutschen Reiches, wo von den ältesten Zeiten bis zu den Wiener Verträgen von ISIS jüdische Ansiedlungen bestanden oder hervorragend^ Juden gelebt —fj *) Wie wir nachträglich erfahren, wird anläßlich der j Bundestagung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten eine Abordnung am Sonntag, den 23. Oktober, vormittags 9 Uhr. aus dem Ehrenfriedhof! in Cosel einen> Krgmz niederlegen. Dqs Gebet wird Herr Gemeinderabbiher Dr. Hof fm ft n n sprechen. > haben, in alphabetischer Reihenfolge verzeichnen und deren Geschichte und Leistungen auf Grund der Quellen in möglichst knapper Form gemeinverständlich darstellen. Eine Beherrschung und Zusammenfassung der zahlreichen we'tschichtigen Quellen war hierzu erforderlich. Die Schwierigkeit der Arbeit wurde damals unterschätzt, nur die erste Hälfte de» ersten Bandes könnte 1917 erscheinen und gerade jetzt steht die zweite Hälfte dieses Bandes vor dem Abschluß. Ein andetes Schmerzenskind ist das Corpus Tamiaiticum, das alle Texte der tannäiscben Literatur in kritischer Bearbeitung nerbffentliehen sollte, — ein überaus schwieriges Unternehmen, dqs langjährige, tief eindringende Prüfung von schwer zugänglichen, in allen Erdteilen zerstreuten Handschriften erfcrderlich machte und dadurch besonders erschwert . wurde, daß die Zahl der geeigneten Sachkundigen überaus gering ist; Ein Unternehmen ganz großen Stils war der Grundriß der Sesamtwissenschaft des Judentums, der zunächst auf 36 Bände berechnet war und Monographien über den ganzen Kreis der jüdischen Wissenschaft enthalten sollte. .Auch dieser Plan konnte bisher noch nicht ganz durchgeführt werden; es sind im Ganzen 13 Bände erschienen, aber es spricht für die Notwendigkeit und die Güte dieser Werke, daß sie fast alle mehrere Auslagen erlebt haben. Wie alle gemeinnützigen Institute hat auch die Gesellschaft durch Krieg und Inflation scbwet gelitten, aber dank der Treue ihrer Mitglieder und der Festigkeit ihrer Verwaltung ist sie nicht zu Grunde gegangen. Sie bat ihre Leistungen vorübergehend eingeschränkt, ist aber jetzt wieder in voller Tätigkeit. An den großen wissenschaftlichen Unternehmungen »vird rastlos weiter gearbeitet, neue Bände des Grundrisses gehen in den Druck, weitere stehen in naher Aussicht. Neben kleineren Schriften, deren Ausgabe nahe bevorsteht, erscheint als Iubiläumsgabe das Prachtwerk von Dr. C>. Tassilo Hoffmann: Abraham-Abrahamson; 66 Jahre Berlinischer Medaillenkunst. Wie diese beiden Künstler von epochemachender Bedeutung für ihr Gebiet waren, so wird auch dieses Werk dttrch die Fülle des neuen, bisher völlig »mbekannten Materials, sowie durch die in Deutschland seit langem nicht gekannte Kunst der Ausstattung Aufsehen erregen. Das die Gesellschaft , leistet, kommt ihren Mitgliedern zugute, die Zugehörigkeit zu ihr bringt nicht nur moralische Genugtuung, sondern auch materielle Vorteile. Für einen mäßigen Jahresbeitrag erhalten die Mitglieder nicht nur die Zeitschrift der Gesellschaft -unentgeltlich, sondern auch auf alle ihre Veröffentlichungen einen erheblichen Rabatt*). Kräftig und lebensstark tritt die Gesellschaft in das zweite Dierteljahrhundert ihres Bestehens. Sie hat durch ihre bisherige Tätigkeit Anspruch auf die Dankbarkeit und tatkräftige Unterstützung aller derer, denen die Zukunft des Judentums am yerzen liegt.- Es wird ihr der schönste Lohn sein, diese Unterstützung zu finden, uin. zu Ehren unseres >Glaubens und unserer Gemeinschaft weiter erfolgreich zu wirken. I Lin ernstes Wort an die jüdische Gemeinschafi, . Männer und Frauen. Seid Ihr Euch bewußt, daß die Juden in Deutschland in ernster Gefahr stehen, nu Zahl äbzunehmen und an Kraft und Gesundheit z» verkümmern? Nein? Nun, dann werft einen Blick aus die einstmals blühende» jüdischen Gemeinden der Kleinstädte und seht, wie sie, selbst da, wo eine nennenswerte Abwanderung Nicht stattgesunden hat, von Jahr zu Jahr mehr zusammenschrumpsen, so daß viele von ihnen Rabbiner oder Lehrer nicht mehr besolden tonnen und ihre Gotteshäuser selbst an hohen Feiertagen geschlossen bleiben müssen. Blickt auf die Aeröffentlichungen der großstädtischen jüdischen Gemeinden, pnd Ihr werdet erkennen, wie zahlreich die jährlichen Absplitterungen dusch Austritt und Taufe sind. Unterrichtet Euch darüber, daß eine blühende, und große Kinderzahl, einstmals Stolz und Stütze der jüdischen Familie, nur noch sellen anzutreffen, daß die Geburtenzahl in langsamem und stetigem Abnehmen begriffen ist Di« Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in -Preußen zeigt nach Angabe des Preußischen Statistischen Landesamts folgende Aufstellung: eheliche Geburten in %o Sterblichkeit 1875—SO im Durchschnitt 11 151 i 31,0 ca. 6000 1924 5 381 12,9 5885 1925 4 792 11,8 5554 Bevölkerungsbilan^ für Berlin! für das Jahr f (nqch Angabe des Statistischen Amtsl der Stadt Berlin) Geburten in jüdischen Ehen 1581 Jüdisch? Sterbefälle Jüdz Kinder aus Pischeheu 298 Austritte a. d. Judentum ea 1879 1926 2389 300 -2689 Juden Der Beoölkerungsverlust der Berliner betrug für 192S also ea. 800! Die Berliner jüdische Gemeinde, die 1914 zum Beginn des Krieges ca. 155 000 Juden zählte, hatte 1925, trotz starken Zustromes aus den besetzten Gebieten, dem Reich und dem Osten, V12 000 Juden, was nur aus den starken inneren Verlusten zu erklären iftJ Auf 1000 Berliner Juden kommen neuerdings nur noch ea. 10 Geburten jährlich, aeaenüber 17 bis 18 bei den Franzosen. T (Ein Teil des Nachwuchses geht durch die Mischehen verloren/die an sich gering an Kinderzahl -sind. Die Ehelosigkeit hindert zahlreiche jüdische Mädchen, zur Mutterschaft zu gelangen. Ein^ der Ursachen des Geburtenrückganges ist ferner die Spätehe; sie trägt erfahrungsgemäß auch einen großen Teil der «schuld an der traurigen Tatsache, daß Nervosität unter ----- > j *) Beitrittserklärungen sind an das Büro der Gesellschaft, Berlin- Schöneberg, Delzigerstraße 46/11. 2 (Nathans zu richten; sie können auch durch liebe rroeifung von 10 Mark an obige Adresse oder Einzahlung äuf da» Postscheckkonto Berlin NW 7, Nr. 7636 (Paul Veit Simon) erfolgen. >1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.