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Jüdischer Bote vom Rhein · 1922-12-01 · 183 (1.12.1922) · p. [Seite]

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
4 (1922)
Issue
183 (1.12.1922)
Date
1922-12-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCHER BOTE frti« 60M. »»»«tttch. Zu li|it|ca durch ftat(U|c tkti durch dr» BttanctUf ia >,uu. VOM RHEIN Jüdisohes Volksblatt »>jrl«rudrel»: SO M. ItetxOO »m ♦ftltc Zelle. «ett, -»fußt" 640 BtUnu Befische«,»«, Batta» »erlu, G.-.».H.,«»luNr.V47L7. Herautgegeben von Aaddloer vr. Emil Loh«, Sonn. - Schriftleitung und Seschöft-steLe: Sonn, Srübergaffe 52. - Telefon 2958. Itaaaft 183 ASkn. I. Dezember 1922. — 11 Aislew 5688 4. Aahr-Nig. g0OOOQOOO<XX3OO<X)OOOOOOOOOOOOo6oCX)OO<XXDOG 1 Eniwicklung und Erneuerung! 8 Bon Rabbiner Dr. Leo B o e ck-Berlin. ' 8 fNach einem Bortrage.j « Ter Borstand der Lynagogenaemeindr Düsseldorf veranstaltet diesen Winter einen Vortragszyklus hervorragender Redner, deren erster am 22. Oktober in der vollbesetzten Aula der Luisenschule stattgesunden hat und es uns ermöglicht, die geistvollen Ausführungen Leo Baeiks im Auszug unseren Lesern an dieser stelle wiederzugeben. Es bleibt ein nachahmenswertes Verdienst der Düsseldorfer Gemeindeleitung, sich aus solche Weise in den Dienst jüdisch-kultureller Bestrebungen gestellt zu haben. Solange der Mensch das Dasein als ein Ganzes betrachtet, ist ihm immer wieder der Begriff der Entwicklung entgegengetreten, und die frühen Philosophen von Griechenland verkündigen die Weisheit, daß alles fließt. Der Gang des Einzelnen, beginnend mit der Geburt und endigend mit dem Tode erscheint bald als ein Gleichnis für das Leben der Völker, der Staaten, der Kulturen. Auch dieses ist nur ein Reifen und ein Abstieg von Keim und Blüte zu Verfall und Tod. Man hat die Tatsache der Entwicklung pessimistisch gedeutet als den unvermeidlichen 'Weg, der mit der Geburt anhebt, und an dessen Ende unvermeidlich der Tod steht, und man hat ihn umgekehrt, namentlich im 18. Jahrhundert, zuversichtlich aufgefaßt als die Möglichkeit zu unendlicher Vervollkommnung. Von diesen beiden Auffasiungen hat keine Recht. Die pessimistische insbesondere, für die so viele brutale Tatsachen sprechen, übersieht die große Macht des Gedankens, der das Fatum wenden kann. Der Gedanke kann Völker und Kulturen vom Tode retten. Der Untergang der Kultur ist kein blindes und unabwendbares Verhängnis. Neben so vielen abgestorbenen und verschwundenen Welten lebt die der Chinesen, denn China hat einen Gedanken, die konservierende Idee der Tradition. Es lebt ferner die indische Kultur, auch sie erhalten durch einen Gedanken, durch die Forderung von der Ueberwindung des Todes durch die Abtötung des Willens zum Leben, und es lebt als drittes der uralten Völker das Judentum, ewig verjüngt durch seine Sendung der Weltumgestaltung. Zwei Typen von Religion treten uns entgegen. Die einen sprechen mit Augustinus' Ich begehre nichts zu wisien außer Gott und der Seele. Für sie ist die Welt voll himmlischer Musik, aber während sie sie hören, sind sie taub für das Elend der Gepeinigten und Unterdrückten, und nur um das Heil der Seele bekümmert, lasten sie die Welt ihren Gang gehen. Und es gibt als Gegenstück dazu Religionen, die die Welt ändern und das Gottesreich auf Erden begründen wollen. Das Urbild einer solchen Religion ist das Judentum. Die Völker und die Kulturen haben sich erhalten, zu denen, wie zum Christentum, zum Islam, zum Sozialismus, diese jüdische Idee des Zuendedenkens, der unaufhörlichen Umgestaltung der Welt nach der Forderung der Idee, gedrungen ist. Sie kann sich aber nur in der Gemeinschaft der Menschen, nur im Staate, verwirklichen, und gerät damit notwendig in einen schlveren Zwiespalt. Tenn der Staat ist seiner Natur nach beharrend, er widerstrebt der Veränderung. und vermag weder die Idee, die ihn ständig umgestalten möchte, noch ihren Träger, das Gebiet, zu ertragen. Die Versöhnung zwischen dem beruhenden Staat und der ewig bewegenden Idee aber entspringt aus dem die Bibel beherrschenden Gedanken der Erneuerung. Nicht körperlich, wohl aber sittlich vermag sich der Mensch zu erneuern, wenn er sich und sein innerstes Wesen immer wieder entdeckt und herstellt, ja, er macht "sich auf einem Gebiete ivenigstens zum Genie, wenn er die sittliche Tat übt „mit ganzem Herzen und mit ganzem Vermögen und mit ganzer Kraft". Dieses Ideal der drängenden und zu Ende gedachten Idee, der Stern de^ sittlichen Erneuerung ist die unsterbliche Kraft, mit der das Judentum den traurigen Gang der festbestimmten und unabänderlichen geschichtlichen Entwicklung unterbrochen und abgelenkt hat. Es unterlag nicht dem geschichtlichen Verhängnis, sondern es überdauerte alle Vergangenheit, weil über ihm immer das Wort stand: Es soll sein in kommenden Tagen-. Wochenschau Deutschland. Berlin. Für die in Kürze bevorstehenden Wahlen zur Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin ist in diesen Tagen nach wochenlangen Verhandlungen zwischen den an den Wahlen beteiligten Parteien, Liberalen, Konservativen und Zionisten, ein Kompromiß zustande gekommen. Danach wird für die Wahlen nur eine einzige Liste, in der die Parteien nach der Kompronnß- Vereinbarung vertreten sein werden, aufgestellt und der Wahlkampf vennieden werden. M.-Gladbach. j>lm 29. Oktober d. I. wurde hier die Walter Rathenau-Loge U. O. B. B. begründet. Ter Großpräsident Herr Geheimrat Timendorfer-Bcrlin hielt die Jnstallationsrede. in der er.Walter Rathenau als Deutschen, als Juden und als Menschen schilderte. Bei der Feier wurde die Errichtung einer Walter Rathenau-Stiftung zur Unterstützung junger Akademiker und zwar vorzugsweise solcher, die sich technischen und mathematischen Studien widmen wollen, verkündet. Das Stiftungskapital hat durch freiwillige Spenden der Bne Briß in M.-Gladbach und Rheydt bereits die Höhe von 250 000 Mark erreicht. \ Polen. Warschau. Wut Crew Ja um Kippur zu Beginn des Kol Nidre-Gebetes kam es infolge des ungeheuren Andranges am Eingang der Warschauer großen Synagoge in der Tlamazkagasse zu schrecklichen Panikszenen. Das eiserne Gitter um die Synagoge ivurde eingedrückt und mehrere Personen ivurdcn verietzt. Erft einem Aufgebot von einigen Hundert Polizisten zu Fuß und zu Pferde gelang es.

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