Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 173 (22.9.1922)
- Date
- 1922-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHER BOTE Lr,'ch«i»t jeden Freitag «ezuo« M IJT^TVT Preis 15 M mvaattich. Z, dr,ie-r» y M f 1^11 »orch sL«tltq« P«stäl»ter «der feiitSj kn ^iKttcrlig la Boa» tiÜ(ÜSCil68 VOiksbl&tt S»*<incB jrcii1: HO M die 3x30 mm breite Zeile. Die Veile nmfa§t 540 Zeile». Pestschrckk»»«, V»te»- - (mag G.».».H,««»«». 74747 HerauSgegebcn von Iiabbiner »r. Cmil Cohn, Äonn. — Gchelfileltung und <8eschüft<ste3e: Bonn, Srüdernaffe 51 — Telefon 2958. Kummer 173 Köln. 22. gieptemDev 1922. — 29 Klrrl' 5682 4. Aahrgang. ( Rausch Haschonö 5683 '< *MMHnNNMNnUHtWNNaMMMMNIHMHNWN(*’ Oer Schmerz Schön wie purpurne Zügel einem jchncervcibcn Nosic, sicht tifracl der Schmerz. Ausspruch Rabbi Akibas. Wir möchten uns alle heut so gerne ein gutes Jahr zurufen, wie es Brauch bei uns ist. Was uns aber lieb und leicht war in allen anderen Jahren, Heuer wird cs uns bitter schwer, und trübe lächelnd schleichen wir uns durch das.Tor des beginnenden Jahres hindurch, vorbei an der dunklen Gestalt, die dort an der Seite steht: Dem Schmerze. Die Reue des Juden war ja immer im Blute der Schmerzen gewaschen, seine Eclichoth ein einziger Schmerzensschrei durch die Welt: Keine Reue ohne Schmerz und kein Schmerz ohne Reue. Aber so wie beute ist der Schmerz niemals vor uns aufgestanden. Wir sitzen aus den Trümmern einer gesunkenen Welt, und es ist unsere Welt, die da sank, wir selbst sind in Trümmer geschlagen. Und der Schmerz um die Welt wird uns zum Schmerze um uns selbst. Wie redlich lebten wir früher, wie redlich erzogen wir unsere Kinder, brachten ihnen die Heiligkeit der Arbeit, die Schwere der Pflicht, und den Wert des Geldes bei, an dein so viel saurer Schwcist zu kleben pslegte. Wir waren solide, wie man sagt, und wollten, dast auch die Jugend solide würde. Solide, das heistt dauerhaft, ehrenfest, rechtlich und brav. Was ist aus unserer Arbeit geworden, wo heute auf einen Verdiener drei Gewinner kommen? Was aus unserer Pflicht, wo heute punkt 5 Uhr die Beamten die Feder hinwerfen, damit nur ja nicht der Achtstundentag um eine Minute überschritten werde? Und was, mein Gott, was wurde aus dem Gelbe? „Vater, gib mir einen Groschen!" sagten wir früher, und gingen zum Krämer, um irgend einen Brocken zu erstehen. „Vater, gib mir mal sünszig Mark!" heistt cs heute, und der Atemzug, mit dem das heute gesprochen wird, ist keine Spanne länger als der, der cmst vom Groschen sprach. Ach, und wie schmeisten wir heut diese elenden Lappen hin, wie fassen wir sie an, wie zählen wir sie - Barmherziger Himmel, wobin steuern wir! Wahrhastig, wer tiefer schaut und reiner fühlt, dem must heute der tiesstc Schmerz dieses Lebens die Brust durchziehen: Der Schmerz um das Leben in der Welt, das verloren gegangen ist, der Schmerz um die Zeit. Wie sollen wir uns da ein gutes Jahr wünschen, ohne einen bitteren Geschmack auf der Zunge zu bekommen? Und doch ist cs nötig, und der wäre kein rechter Jude, der selbst mit solchem Schmerze nicht fertig würde. Das Wort des cdlcn Märtyrers Rabbi Akiba, das wir an die Spitze stellten, zeige uns den Weg: Wir wollen die tiefe Wunde, die die schreckliche Zeit uns schlug, als den purpurnen Zügel Gottes tragen, an dem seine ewige Hand und in bessere Bahnen lenken mag. Sorgen wir nur jeder zu feinem Teile, dast Israel auch wirklich das schneeweiste Rost sei, dein der purpurne Zügel so wohl ansleht. Und sind wir nicht weist, jo sei der Schmerz uns doch der göttlich« Zügel, der uns zu den reinen Wassern der Reue führt: dast wir rein uns baden in ihrer heiligen, gesegneten Flut, rein uns baden zur Wiedergeburt unserer gealterten Seele und zu uchcres rcrwclitcn Herzens Erneuerung. Lcschono tauwo tikosscwu! Je schlimmer die Zeit, um so Heister der Wunsch. Diese Zeit ist dem tranken Weisen zu vergleichen, zu dem einst derselbe Rabbi Aliba im Kreise seiner Freunde kam, ihn zu trösten in scincck Leide. Jeder von ihnen wollte ihm ein gutes Wort sagen. „Du bist mcbr als der Regen", rief der eine, „denn dieser befruchtet die Erde, deine Wissenschajt aber den Himmel!" — „Mehr als die Sonne," sprach der andere, „denn ihr Strahl fällt in diese Welt, deines Wissens Strahl in jene Welt!" — „Rein," rief der dritte, „du bist mehr als Vater und Mutter: Eie erfreuen uns hinicden, d u wirst uns noch drüben erfreuen". — Als aber die Reihe zu reden an Akiba kam, erhob er sich von seinem Sitze, sah dem Kranken liebevoll ins Äuge und sprach leise und zitternd nichts als die Worte: „Wie süst sind die Leiden dieser Welt!" - Da hob der Kranke feine Arme und ries aus: „Stützt mich, Freunde, stützt mich alle, dast ich stehen kann, denn das sind heilige Worte!"- 9 dast die kranke Zeit Tröster finde wie Akiba und nicht Schmeichler wie die Freunde, dast sic sich wieder ft hebe vor der Macht des überwindenden Geistes, der nur von innen her kommen kann. Es mögen purpurne Zügel fein, die uns angelegt werden, was tut's? Wenn es nur Züge! sind, jawohl, wenn es nur Zügel sind. Emil E o b ». Vom Arbeiierfürsorgeami Das Arbeitersürsorgcamt der jüdischen Organisationen D.'iilschiünds wendet sich mit einem Ausruj an die jüdische Dejsenllichtz >l, um diese zur sinanziellcn Unterstützung seiner Tätigkeit zu veranlassen. Aus dem Berichte, den das Acbeiterjürsorgeamt über seine Tätigkeit in der Zeit vom 1. Januar bis tzt». Juni gibt, ist das grostc Mast der Leistungen zu ersehen, die cs im vergangenen Iabr voll bracht hat. Es dürste unsere Leser interessieren, einige Zablen aus dem Berichte zu erfabren. .»r dein Jüdische» Flüchtlings!,eint, das das Arbeiter sürjorgeamt in Berlin, Wiescnstr.?>.">, unterbält, wur>en wäbrenddesangtgcbcnenZeilra'.nnes insgesamt Nil A'Bel len ensgcgcben <diese Zobl bedeutet natürlich nicht, wie ' iellcicht mistverstandcn werden dürste, die Zahl der Per se-n'n die das Asyl ausgesucht haben». Verpslegungskarten warben >«<!> ausgegebcn, I Personalangcicgcnbciten erledigt. Alle diese Zablen beziehen sich lediglich aus die Bcr'»er Zentralstelle, wahrend die l'.» Zweigstellen im Reiche in dieser Statistil'nicht mit berücksichtigt sind. Ins gesamt wurde das Berliner Büro von etwa r>()il() Petenten