Mannheim
Compact Memory

Jüdischer Bote vom Rhein · 1922-08-04 · 166 (4.8.1922) · p. Seite 242

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
4 (1922)
Issue
166 (4.8.1922)
Date
1922-08-04
Page
Seite 242 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3947615-6435934-6437337--1744-3949202
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

241 Oie religiöse Zudenfrage *) Ich will hier über eine Frage sprechen, die einerseits mir als jüdischem Theologen brennend erscheint, andererseits aber auch vom einfachen psychologischen Standpunkte aus überaus interessant ist: Die religiöse Iudcnfragc. Nichts gewährt einen tieferen Einblick in die Seelcnftrultur des liberalen Juden unserer Zeit als seine religiösen Tendenzen. Nichts aber auch bereitet dem ernsten und bewussten Juden liefere Nöte. Die religiöse Iudcnjragc. Um sie zu erfassen, mutz man sich zuerst über eine andere, allgemeine Frage klar werden: Wie entwickelt sich Religion? Eine Frage, die deshalb so bedculjam ist, weil Religion doch eine geistige Macht bedeutet und der Kamps zwischen Geist und Form, zwischen Materie und Idee nirgends klarer hcrvortritt als eben in der Entwicklungsgeschichte der Religion. Intereijanl ist nun zunächst, das; wir in der Geschichte der verschiedenen Rcligionssyslcmc eine gewisse äußere Glcicharligleit bcinctlen. In den Anfängen starker Enthusiasmus, ein grobes Erleben der Gottheit in einzelnen Menschen, in Gruppen oder im ganzen Bolle/ Sobald aber dieses Studium überwunden ist, kommt eine Epoche, die man die 'seit der Formenbildung nennen mag. Die ursprünglichste Begeisterung strömt aus, der Enthusiasmus schwindet, und cs legi sich um die Erlebnisse der Schöpscrzcit ein nwstischer Schleier, der die Urgeschichte zur Hcilsgcschichlc werden labt. Es bilden sich Lchrmcinungcn, Dogmen und Symbole, welche dem neuen Geschlecht die Realität der ursprünglichen religiösen Erlebnisse zu ersehen bestimmt sind. v Gleichzeitig mit dem Ausslrömen des Enthusiasmus aber strömen fremde Elemente ein, je nach den Schicksalen, die die Religion crlcidct, je nach den Kulturen, denen sic begegnet. In keiner Religion bleiben solche Assimilationen aus. Denn es liegt im Begriffe der 'Religion, dasi sic siw als geistige Macht durchsetzen must. So bleibt ihr die '-seit der Kämpfe und Konzessionen nicht erspart. Aus' diese Weise bat das Judentum mit dem Hellenismus, das Ebrislemum m:> dem Gricchcn-'Nömcrlum, der Islam mit dem Barsismus paktiert. Die Folge der Formenbildung aber und des Einslrömcns fremder Elemente ist, das; das ursprüngliche Erlebnis überhaupt zurücktritt und die äutzcrcn Gebilde leicht den Inhalt überwältigen. Der Schlamm der Jahrhunderte, der überall wirtsam ist, verschont eben auch die Religion nicht. Bon Zeit zu Zeit nun erleben wir, und zwar wieder in jeder bedeutsameren Religion, sog. Reformationen. Man must sich diesen Begrijs vor allem klar machen. „Jede wirklich bedeutende Rcsormation in der Geschichte der Re» ligionen ist stets kritische Reduktion" fHarnack). Sie ist erfteiis kriIiscl>, indpin sic die Religion vom Schulte des Fremden und vom dürren Laube der schlictzlich alles bedeckenden und das reine Leben erstickenden Formen reinigt: Zweitens ist sie Reduktion, insofern als sie die Religion aus sich selbst und ihren wahren tu» sprünglichen Gehalt zurücksührt. Reformation bedeutet ein sich Besinnen, ein Wicdcrcrlcbcn der Urgeschichte, ei» zum zweiten Male Schassen, was einst geschaffen worden war. Das Erlebnis kennzeichnet jede Reformation. Der Reformator ist gewisserinasicn eine neue Geburt des Stifters. So war der Prophet Elia' ein echter Reformator, indem er mit klarem Bewusstsein an Moses anknüpste und zum zweiten Male eine sinailische Offenbarung erlebte. So Luther, indem er seinerzeit das Evangelium erneuerte. Und das ist das Wesen aller Resormation: NichtNeuc» r u n g. sondern E r n c u c r u n g. Um die Wende des IS. Jahrhunderts erlebte das Judentum eine Umwandlung, die von vielen als eine *> Tiefer Austzst, erschien bereits 1001) in ben Preubischen Jahrbüchern. crr ist Keule wieder aktuell geworben, darum 'bringe ich ihn hier noch einmal. (i m i I (5 o h n. solche Reformation hingestellt wird, von uns aber nur als Reform angesprochen werden kann. Kritik und Neuerung war da,Meduklion und Erneuerung aber fehlten. Als Moses Mendelssohn dainals schrieb, dasz sein Judentum in hohem Grade mit seiner Vernunft vereinbar sei, da war cs noch nicht die kantische Vernunft, von der er redete, sondern cs war der gesunde Menschenverstand, den er aus den Thron des Gewistcns fetzte, um zu entdecken, dasi seine Religion mit der vollsten Gewissensfreiheit sich vertrage. Es war eine Auseinandersetzung mit der Zeitphilosophie, zu deren würdigsten Vertretern auch er gehörte. Er bewies, dasi sein Judentum zcitgemätz, d. h. seiner Zeit gcmäs; war) und dieser Beweis glückte. Was Moses Mendelssohn für seine eigene Person .gesunden hatte, was aus seinem eigenen Leben» dem Leben eines Philosophen, erwachsen war, das wurde das-öfs e n t l i ch e Programm derer, die ihm folgten. Mendelssohn fand seine Religion mit all ihren Zercmonialgesetzcn in Ucbercinstimmung mit dem Zeitgeist, seine Nachfolger fanden das nicht mehr. So nahmen sie den Zeitgeist als festen Pol und patzten ihm in seiner jeweiligen Form ihr Judentum an. Man lief dem Zeitgeist nach. Reformieren bictz und sollte hcitzen: „Das wahrhaft Zeitgemätzc zur Herrschaft zu. erheben." Der das sagte, war kein erster Bester, sondern der Grösste nach Mendelssohn: Leopold Zunz. Das Zcitgcmätzc war das Vernünftige, und die Vernunft, oder was man dafür hielt, wurde der Matzstab, an dem die Religion sich messen mutzte und an dem ihr die Flügel gestutzt wurden. Das „Zcitgcmätzc". Dieses Wort beweist, datz das, was Zunz und fein Kreis wollten und schufen, keine Reformation, sondern nur eine Reform war. Diese Reform wirktz zunächst revolutionär inbczug auf die alten Formen. Denn diese waren cs, denen der Vorwurf des Richtzeitgenrätzen zu allererst galt. Aber sie wirkte auch revolutionär inbczug aus die Ideen. Revolutionär, d. h. nich« resormatorisch. Es fand keine Reduktion statt. Im Gegenteil: Da der Matzslab des Zcitgemätzcn nicht blotz an die äutzercn Formen, sondern auch an den inneren Gehalt des Judentums gelegt wurde, so konnte diese Reform höchstens auslösend wirken, konnte keine Zurücksührung auf einen ursprünglichen wahren Kern des Judentums, keine Wiederbelebung und keine Wiedcrerlcbüng der Vergangenheit erfolgen. Alles Resgrmicren ging vielmehr auf die Gegenwart oder, wie es sich leider später herausgestcllt. hat, auf die Zukunft. Dieses Reformieren hatte nämlich noch einen matericllen Untergrund: die erwartete Gleichberechtigung. Deshalb lag in dem Begriffe „zcitgemätz" unbewusst noch ein . anderer verborgen: „cmanzipationsgemätz". Man änderte das Judentum nicht ctrva blotz gemätz dxn ästhctisch-for, malen Bedürfnissen der Zeit, sondern -auch gemätz dcmmatcricllcn Erwartungen^ Die religiöse Reform war halbbewutzt gleichzeitig politische Spekulation. Und diese Spckulation ist mitzglückt. Die Entwicklung des Iudentttms im 19. Jahrhundert ist daher ein einseitiges Kreditgeschäft geworden, wo wir bar und teuer, nämlich mit religiösen Idealen, zahlten, aber dem Staate stundeten, wo wir Krcdit gewährten, aber selbst keinen Kredit genosien. Wir lietzen uns auf ein Abzahlungsgeschäft ein, in welchem wir hche Werte. Hingaben und trotzdem weder den Schuldner haftbar noch die Werte rücknchmbar machen konnten. Diese Emanzipation aus Abzahlung ist das Entsetzlichste, was das Judentum in den letzten Jahrhunderten erlebt hat. Einen „Tachlismcnschcn" nennt der Jude einen, der i» allen Dingen immer nach dem materiellen Zweck und Zick fragt. Es blieb den Juden des lf).\ Jahrhunderts das zweifelhafte Verdienst erspart, eine „Tachlisreligion" geschaffen zu haben. Das unreelle Geschäft, in dem wir materielle Dinge mit dem Kaufpreis hoher Ideale erwerben wollten, hat sich mit einem moralischen Bankrott gerächt. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.