Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 165 (28.7.1922)
- Date
- 1922-07-28
- Page
- Seite 235 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Und alle Blicke der Gäste waren anf Bar Kam za gerichtet, und auf ihren Lippe» schien ein Lächeln deS Hahnes zu spiele». Jener fühlte auf seine»' Gesichte die Flammen der Scham und den Zorn^r Beschimpfung »» Herze». Er lat sich jedoch Gewalt an, versuchte ein Mittel ter Versöhnung und sagte, zu seinem Feind gewendet: „Denkt, daß cs eine z» schwere Beleidigung ist, mich so geiuci», ini Angesichte so angesehener Personen aus eurein Hause zu jagenlasset mich bleibe», und wenn cs euch drückend ist. »nch gastlich und freundschaftlich zu behandeln, so werde ich aus meinen Mitteln daö, was ich i» eurem Hause geniesten werde, zahlen." „Gehet hinaus," schrie der Herr. „Beruhigt euch/ versetzte der Rivale, sich mit Mühe zurückhaltend,- „beruhigt euchlastt mich bleibe», und ich mache mich anhcischig, die Hälfte der Kosten dieses Gastniahlcs zu zahlen." „Gehet hinaus," rief der andere drohender als zuvor. „Das ganze, das ganze Mahl werde ich gebenso werdet, ihr der Gast sein, nicht ich." „Gehet hinaus," donnerte der andere unerbittlich. Bar Kainza, mit dem Zorne im Herzen und mit den, Fluch auf den Lippen, ging fort aus jenem Hause, indem er zuvor auf alle einen wilden Blick warf, aus dem die Glut dir Rache für den erlittenen und von den Gästen nicht abgcwcbrlen Schimpf hervorsprühte. Er waren damals sehr unglückliche Zeiten für die israclitische Ration. Judäa hatte noch den Rainen und den Anschein kincs Staates- Jerusalem und der Tempel standen nochaber die wahren Beherrscher derselben wa> reu die Römer, nicht die Israeliten. Bloß die Römer verfügten über die wichtigsten Ämtersie allein teilten, liach ihrem Gutdünken, Judäa in verschiedene Provinzen und wiesen sic ihren Schützlingen an. Durch ihre Auflagen sogen sie das Land bis aufs Blut aus,, zwangen ihnen ihre Gesetze auf und ließen nur ein Schattenbild von Staat. Um sich ihren Herren unterwürfig zu zeigen, pfleg- 'ten die Israeliten öfters Opfer im Heiligen Tempel als Sühnopfer für-dic Römer darzubringen. Und diese Opfer waren von den Römern selbst geschicktdenn da diese beinahe alle Kulte und alle Götter gleich hielten, so nahmen sie auch die Opfer, die für sie dem Gotte Israels dargebracht wurden, gerne an. Der bcschiirpfte Bar Kamza wußte sich zur Befriedigung seiner Rache boöhastcrweise der Lage der Dinge, die wir soeben angedeutet haben, zn bedienen. Er begab sich zum römischen Kaiser, und mit allem Anscheine von Aufrichtigkeit und Eifer benachrichtigte er ihn, daß sich die Israeliten heimlich zum Aufruhr vorbereiteten, und daß sie schon fest beschlossen hätten, sich um keinerlei Befehl nichr zu kümmern, der ihnen von der römischen Regierung erteilt würde. Der römische Kaiser konnte dieser so unerwarteten Anzeige kein volles Vertrauen schenken, da ihm noch von keiner andern Seite von dieser angeblichen Empörung eine Mitteilung gemacht worden war. Aber der boshafte Verleumder beharrte mit Festigkeit \iinb unglaublicher Hartnäckigkeit, und da er die Ungewißheit, die er nicht zerstreuen konnte, ivahrnahm, bat er, daß ma» seine Behauptungcn durch eine Probe erwrschen möge. „Ich sagte,"- fuhr er fort, „daß jeder Befehl von dir von den Israeliten nicht mehr befolgt werde. Run gut, es gefalle dir, ivegeu »iciner Worte eine Probe anzustellen. Sen« de durch mich ein Opfer, das im Tcnipcl der Israeliten dargebracht werde» sollelasse mich von einigen deiner Diener begleiten, und du wirst sehen, wie mast dein Wort beachten ivird." Dem Kaiser gefiel der Rat, und er ließ dem Bar Kainza ein junges Kalb geben, um eS im Tempel zu Jerusalei» zu opfern. Dem boshaften Verleumder schlug dtis Herz vor Freude, da er nach und nach seinen verruchten Plan gelingen sah. In der Tat, als er halbwegS auf seiner Reise war, durchstach er, ohne daß seine Gefährteii es sahen, das Auge des armen TiercS. Der Boshafte wnßtc, daß dir heiligen Satzungen verboten, als Opfer ein Tier anzunebmen, das jenen Fehler im Auge habe- und dabei war der Fehler so leicht, daß die Weigerung, cS zu opfern, .ohne Zweifel als"ein Anzeichen der Rebellion anSgelrgt und jede Entschuldigung alS nichtig zurückgewiesen werden würde. DcS Gelingens seines höllischen Anschlages sicher, geht er beherzt und keck der heilige» Stadt z», mit jener Miene höhnischen Triumphs, die derjenige z» haben pflegt, der, aus einer Stadt verbannt, später als Sieger in dieselbe Stadt einzieht. Er eilt mit feinen Begleitern und mit dem Opfer in den Tempel und übergibt das Tier mit einem so gebieterischen Blicke, als wenn er selbst der Kaiser wäre, und spricht: „Hier daS Opfereuer Herr befiehlt eS darzubringen." Die Priester und die Gelehrten, die dort gegenwärtig waren, errirteu sogleich die boshafte Absicht des Verräters. Auf jene Worte folgte ein Tumult, eine unglaubliche Vcr lvirrung. Beischiedene Rufe lassen sich aus der Menge vernehineuentgegengesetzte Ratschläge, wiedcrsprechenoe Ansichten drängen sich, bekämpfen sich und der Tumult und die Verwirrung unterdessen vernichren sich. „Opfert nur jenes Kalb," sagten die Grsetzeslehrer, „man verletze den Brauch ans Ehrerbietung gegen den Kaiser und zum Heile deS Volkes." ES erhob sich heftig gegen diesen klugen Rat ein gewisser Zacharia, Sohn Abkulas, und ries: „Rein, man entweihe de» Altar nicht, man verletzte den Ritus nichtes geschehe nicht, daß Tiere, die der Vorschrift nicht entsprechen, dem Herrn geopfert werden." „Töten wir den Opfernden und sein Tier, rief einer aus der Menge, der Tod des Bar Kainza wird uns von seinen Verleumdungen befreien und wir ivcrdeu gerettet sein." „Ihn töten?" rief sich von neuem wibersetzcnd Zacharias, „ihn löten? Und wegen welcher Schuld? WaS hat er anders getan, als für den Altar ein Tier dargebracht, daS der Satzung nicht entspricht? Ist das vielleicht ein Vergehen, das die Todesstrafe verdient?" Die Weisen mißbilligten die übertriebenen Bedenken, die das Opfer znrückwelsen machte» und sagten: „Die allzugroße Strenge des Zacharias, Sohnes Abkulas, hat die Zerstörung JeruialemS, den Brand deS Tempels und unsere Vertreibung herbeigeführt." Talmud Gittin S. 5ü l>. * Wunder über Wunder. Ein Wunderrabbi kommt ins Städtchen. Alles rennt zu ihm. Bald bilden sich Legenden und man erzählt von ihm Wundergeschichtcn. Hier eine davon. Am 17. Tamus, Beginn der drei Trauerwochcn, fastet alles im Städtchen. Tlndesien wird dem Wunderrabbi im Gotteshaus ins Ohr geflüstert, daß einer sich unter den Anwesenden bcsindct, der heute nicht fastet. Empört schreit der erzürnte Rabbi aus: „Wenn ein solcher Sünder unter uns weilet, so möge das ganze Haus mitsamt den Maueren cinstürzcn". „Aber guter, barmherziger Rabbi", schreien die Anhänger (Ehassidim) noch lauter, „warum sollen die Unschuldigen für den Schuldigen, leiden". Beruhigt sagte dann der Rabbi, „nun, so mögen die Mauern bleiben wie sie sind". „... Es hat sich aber auch nicht gerührt ein Stcinchcn in der Wand, nachdem der Rabbi dies befohlen", erzählen nun die Ekassidim mit stolzer Genugtuung. Mgr. * Warum darf man sich am Tischo b'aw nicht verloben? Weil man vor Ausgang des Fasttages nicht „anbeißen" dars. Mgr.