Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 164 (21.7.1922)
- Date
- 1922-07-21
- Page
- Seite 227 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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227 gegenschlevdert: „Kundschafter seid ihr; ihr wollt des Landes Blöße erspähen!", sah es bei aller Unschuld traurig in ihrem Herzen aus. Siel durften sich gegen Joseph „redliche Leute" nennen, aber unter einander sprachen sie: „Das baben wir an unserem Bruder verschuldet!" Wir haben nwhrend des entsetzlichen Krieges nicht alle unsern Schild so rein gehalten, wie es gerade diese harte Prüfungszeit von »ns verlangt hätte! Ich höre schon den entrüsteten Einivand: Gab es vielleicht unter den andern keine Preistreil>er, Schieber. Wucherer und dergl. Schädlinge? Aber das ist es gerade, daß wir uns schon gerechtfertigt glauben, iwjim wir nur den entlastenden Prozentsatz Mindertvernger aus dein andern Lager zur Hand haben. Ter HiniveiS auf die andern könnte genügen, rvenn es sich um Zurückiveisung schamloser Uebertreibungen und gewissenloser Verallgemeinerungen handelt. Für uns selbst muß ei i höherer Standpunkt gelten. Wir inüssen begreifen: ivenn wir -mit der Gleichberechtigung auch nicht zu viel verlangen — mit der bloß gleichen P e r p f l i ch t u n g legen iv i r n ns en tschieden zu wenig auf. Jene »itiß uns politisch restlos zuteil >verden i sachlich'wird sie ihre natürliche Greirze immer an unserer kleinen Zahl finden. Aber die strengere Verpflichtung bürden nicht wir uns auf, sondern unsere Religion fordert sie von uns. Wer mit dein Worte Jude-sein überhaupt noch einen tieferen Sinn verbindet, komint nicht daran vorbei. Unser Martyrium erfüllt ieinen Ztveck nicht, solange eigene Schuld auf uns lastet, die wir heben, mildern, tilgen könnten. „Ter Ueberrest Jakobs tut k e i n Unrecht und redet keine Lüge (Zef. 3.13). Tas ist das Eine, das Andere aber lautet: Judenleid null freudig getragen sein, und es folgt aus dem ersten. Tenn wenn es uns-gelingt, nach ernster Prüfung und in unablässiger, unerbittlicher Selbstläuterung edler und frömmer zu werden und vor dem strengsten Gewissen und dem Auge Gottes ohne Vorwurf dazustehen, dann soll etwas >vie eine große Heiterkeit über uns kommen. And wir tverdcn fröhlich sein mitten im Leide. Wir suchen dann seinen Sinn in gütigen Absichten Gottes. Tort nu'isien wir aber auch suchen, und nienials dürfen wir stumpfsinnig, glcichgiltig oder auch nur wehleidig-sentimental werden. Im crsteren Falle meinten wir wohl gar. auf unser Verhalten käme es überhaupt nicht an, Judenhaß nehnie davon gar keine Noti^. Jnr aildern betrachten wir uns zu schnell als die unschuldigen Opfer, die selbst kein Wässerlein trüben könnten. Beides stünde unserer Erneuerung entgegen. Freudig l c i d e n h e i ß t z e i g e n, daß man w e i ß. für w e l ch ' e r h a b e n e, beglückende Idee m a n leidet. Freudig bleiben in einer feindseligen Umgebung kann man Mr. ivenn man mit sich einig ist. und selbst vor dem Tiefsinn eines Jesaja in seinem ■'>3. Kapitel nicht zurückschaudert, das ihm in dem erniedrigten Israel das Urbild eines leidende» Gottesknechtes enthüllt. Dazu genügt kein Trill, kein flüchtiger Kursus, kein Abivchr-A-B-E; dazu gehört Ringen. Kämpfen, Sichversenken. Dann gelangt man zum freudigen Bejahen des Judeseins mit all' seiner Freude und all' seinem Schmerz. Vielleicht können wir diesen Schmerz heute ivieder eiivas leichter tragen, da wir wieder Sänger und Dichte haben, denen Gott gegeben, zu sagen, ivas sie leiden. Das ist ein großer, verheißungsvoller Trost. Wie wunderbar hat sich vor fast 100 Jahren ein deutscher Dichter jüdischen Stammes sein Judenlcid vom Herzen gesungen, daß wir cs heute noch -.mit Beivegung hören: Brich aus in laute Klage». Tu düstres Märtprerlied. Tas ich so lang' getragen Im flammenstillen Gemüt. Es dringt in alle Ohren. . Und durch die Ohren ins Herz. Ich habe geivaltig beschivoren Den tausendjährigen Schmerz. Wochenschau Deutschland. Berlin, Auf eine schriftlickw Anfrage des Abgeord- . neic» Tr. Mumm beir. die Pflicht der Standesämter, über Religionszugehörigkeit Auskunft zu geben, hat Reichsjustizminister Tr. Radbruch geanlivortet. daß auch nach seiner ^Auffassung „den Religionsgejellschaften gemäß 8 t<2a des Perionenftandsgeietzes Auskunft - aus religionsstatistischen Erhebungen nicht nur zu gewähren ist. ivenn nach der Religionszugehörigkeit einer bestimmten.Person gefragt wird, sondern auch, wenn die ReligionsgeseUjchaft beantragt, ihr die Rainen aller ihrem Bekenntnis angehörenden Personen, über die in einem gewissen Zeitraum eine standesamtliche Beurkundung staltgefundcn hat, zugänglich zu »mchen. Die Auskunft wird durch die Elewährung von Einsicht in die standesamtlichen Erhebuirgen oder durch Erteilung von Sainmclnachrichten i» t»estii»»ilen Zeitabständen zu geben seiii." — Tamil ist die Frage nach der Religionszugehörigkril, auf die die Kirchen um ihrer Arbeit willen nicht verzichten können — eine Zeitlang in Frage gestellt — wieder in ihr volles, von maßgebendster Stelle anerkanntes Recht einaenelen. Berlin. Ter vor kurzem begründeie Rimon-Verj lag Irin an die Verivirklichung seines Programms heran, j In den nächsten Tagen erscheint das erste Heft der von dem Verlag herausgegebenen h e b r ä i s ch e n Zeitschrift für Kunst und Literatur „R i in o n". Tie Zeitschrift ist der bildenden Kunst. Musik» Theaier und Literatur der Gegenwart und Vergangenheit gewidmet. Besondere Aufmerksamkeit wird dem künstlerischen Schaffen der Juden geschenkt. Tie Zeitschrift erscheint im Format der Äunstzcilschriflen auf Kunstdruckpapier mit Umschlag in Farbe ndr.uck und mit 20—25 Abbildungen, darunter mehreren farbigen und zahlreichen Schwarz-iveiß-Zeichnungen. Gleichzeitig mit der Zeitschrift Rimon bringt der Verlag eine jiddische Zeitschrift für Kunst und Literatur „M i lg r o i m" heraus. Tie Zeitschriften Rimon »nd Milgroim irerdcn von Tr. Mark Wi schnitze r herausgegeben. Tie künstleriiche und drucktechnische Leitung wird besorgt von R a h c l W i [ ch n i tz e r - B c r n st c i » und dem .Kunstverleger A l e r a n d e r K o g a n. Litauen. Kvwno. <J. E. B.) Tie von dem jüdischen Ranonal- Ral Litauens eingeleitete Aktion für die hungerleidenden Juden in der Ukraine wird mit unverminderter Energie fortgesetzt. In fast allen Städten des Landes tverden Blumen- und Kinderipartage verunstaltet, auch gehen in allen Smiagogen Sammlungew vor sich. An alle Juden des Landes erging die Aufforderung, entweder au einem bestiuimle» Tage zu fasten oder eine Ablösung von 30 Mark zu zahlen. Bis heute find bereits Ui Millionen Mark für die Hniigerbilfsakliou geiammelt ivorden. Jugoslawien t Arain. t I. E. B.) Ter jugoslawische Minister des ' Innern Hai einen Befehl zur Registrierung aller jüdischen Eiuwolmer im Bezirk Sombor unjd zur soforligpn Ausiveiinng aller Inden, die die jugoslaiviiche StaaiSzügehörigkeil nicht besitzen, aud) ivenn sie sich in ihrem Wohnorte 10 Jahre oder länger aufgehalien haben, erlassen. In hiesigen jüdischen Kreisen rief dieser Befehl große Aufregung hervor. Tie jüdische Presse protestiert gegen diesen Schritt der Regierung und fragt, ivaruin die Soldaten der. früheren Wrangelarmee Asplrechi im Lande genießen, wo man den vor den Pogromen in der Ukraine geflüchteten Juden dieses Recht verivehri. Italien. ' Rom <J. E. B.» Ter engliickze Lberkomiliisfar von Palästina Sir Herbert Samuel traf hier am ki. Juli ein und wurde noch am selben Tage vom Papst empfangen.