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Jüdischer Bote vom Rhein · 1922-07-07 · 162 (7.7.1922) · p. Seite 210

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
4 (1922)
Issue
162 (7.7.1922)
Date
1922-07-07
Page
Seite 210 (sequence 2)
Language
German
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überhaupt. Nur Bücher über Hexerei und Wtrke gegen das Ehrlstentum. sofern solche b«i Juden gesunden würden, sollte» verbrannt norden. Dieses Gutachten hat den Zorn Pfefferkorns bis zur Liedehitze eulsacht ulid denselben veranlaßt. gegen Reuchlin Beschuldigungen ausz»jprechen, die de» ehrenhaslen Manu aus die niedrigste Art verleuindeu. Lo behauptet Pfefferkorn in einer Schmähschrift. der Handspiegel betitelt. Reuchlin sei von den Juden bestochen, seine hebräiickre Grammatik sei keine eigene Arbeit. Gegen diese Vorwürfe wendet sich Reuchlin in seinem „Augenspiegel." Er beleuchtet darin sein ganzes Zusammentreffen mit dem ^getaufte» Juden und begründet sein Gutachten in ausführlicher Weise. Diese Schrift imt die Ursache, das; Reuchlin in einem grossen Streit mit den Kölner Tomiinsaiiern verwickelt wurde; ein Streit, der damals von der gesamten gebildeten Welt ausmerkjam verfolgt wurde und den Namen Renchlins iveit berühmt machte. Alle Humanisten jener Zeit stellten sich auf Leiten des gelehrten Mannes und fochten zum Teil mit ihm zusammen diesen Kampf aus. Tie Absicht Pfefferkorns, den Juden ihre Bücher zu taube»/ war durch RenchlinS Wirksamkeit vereitelt worden. Ter neue Geist der Achtung vor der Wisienschaft jeder Art ivar in jenen Tagen durch Reuchlin und seine Kampfesgenossen fest begründet worden und konnte seit jener Zeit nicht mehr mit Erfolg unterdrückt oder gar vernichtet lverden. Ter Name Reuchlin sollte von uns allen als einer der großen int Reiche gefeiert und gepriesen werden. Ger Lebensgang Rathenaus. Tr. Walter Rathenau, der im 55. Lebensjahr stand, war der Lohn des Begründers der Allgemeinen Elcktrizilätsgejellschafr Emil Rathenau und Erbe eines bedeutenden Beriliögens. Er hat jedoch von den Möglichkeiten, die ihm dieses Vermögen boi, keine» spezifisch kapitalistischen Gebrauch für seine Person gemacht, sondern zeitlebens der Lache und dem Geiste gelebt. Ziemlich bedürfnislos in seinem äußeren Leben, hauste er allein; er war nicht verheiratet und erschien selten in großer Gesellschaft. Bon seinem Baier ivurdc er zum künftigen Leiter der A. E. G. erzogen; als deren Präsident hat er bis zuletzt gewirkt. Er kannte den Betrieb bis in seine kleinsten Einzelheiten, sein Btcck ivar aber immer ans die großen Zusammenhänge der Liaais- und Wellwirtjckwft gerichtet. Znm ersten Mal tauchte seine Persönlichkeit im öffentlichen Wirtschaftsleben Deutschlands während des Krieges auf. da er die deutsche Rohstoffversorgung organisierte, zu einer Zeit, als »och niemand die eminente Wichtigkeit dieses Tefensivmitiels im Wirtschaftskriege erkannt hatte. Diese im schönsten Worisinn patriotische Wirksamkeit letzte Walter Rathenau fori, als die politische Wirrnis der letzten Jabie seiner ordnenden helfenden Hand bedurfte. Doktor Rathenau ivar zuerst Wiederansbauminister. nahm an den Verhandlung in Lpa entscheidenden Anteil, trat aber sofort von seinem Posten zurück, als sich politischer Widerstand gegen ihn erhob. Er stand der deutsche» demokratischen Partei nahe, doch nicht in dem Linne, daß er als deren Beureier in die Regierung entsandt ivorden iväre. Zuletzt ivar Rathenau Minister des Aeußern und als solcher der einzige Berlreier des deutschen Volkes, der allen Enientemachihaber» durch seine Haltung, sein Auftreten, seine Energie und seine Geistigkeit imponiert^. Wen» Raihena» in englischer oder französischer Sprache, die er mit oer Meisterschaft,eines Schriftstellers beherrschte, eine seiner groß angelegten, klar-ansgebauten. sachlich präzisen Reden hielt, nahm er alle Liaaismänner des Auslandes gefangen. Er genoß auch das Berlranen der Mehrheit des deutsche» Reichstages. Bon de» nationale» Ehanviniften allerdings wurde 'Rathenau aufs heftigste bekämpft; feit der Ermordung Erzbeigers ivurde in zahlreichen Pamphleten und Hetzliedern zu seiner Lötung aufgefordert. Rathenaus Wirksamkeit als Minister war nicht von politischem Ehrgeiz, sondern einfach vom Willen zur Pflicht und dem Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zum deutschen Volk erfüllt. Leincr Konfession nach ivar er Jude, und er hat in einer „Ltreilschrifr vom Glauben" genannten Broschüre auseiiiandergejetzl, ivarni» er den ererbten Glauben nicht wechselte. In dieser Lchrisl findet sich daS Bckeniilnis: „Auch meine Neschamah (Seele) ist,auf dem Berg Linai gewesen." Trotzdem ist er dein Judentum und dessen Schicksal fremd gegcnübcrgestanden. Walter Rathenau war ein kühner, eigenwilliger Theoretiker, bald reiner Ethiker, bald Wirtschaftsphilosoph, als Schriftsteller von hoher formaler Begabung, als Denker eine überragende Persönlichkeit. Leine mit großer geistiger Kraft und Gründlichkeit geschriebenen Bücher sagen Grundlegendes zur demokratischen Neugestaltung dcS deutschen Lmats- und WirljchaftskörperS. Bon seinen'zeitphilosophischen Werken ist das Populärste „Bon kommenden Dingen" geworden, das int Kriege großes Aufsehen erregte. Tie intensive Beschäftigung mit geistigen Dingen lähmte jedoch nicht seine aktive Spannkraft im praktischen Leben. Walter Rathenau war ein Mann der Idee und der Tat. (W. Mgztg.) Wochenschau Deutschland. Berlin. (I. C. B.) Sonntag, den 25. Juni, fand im Logenhaus die Tagung der jüdischen Gemeinden Preußens statt. Anwesend waren ea. 300 Delegierte, die ungefähr .'>00 Gemeinden vertraten. Nach der Eröffnungsrede des Borsitzenden Tr. Stern wurde die Konferenz von den Vertretern der Regierung begrüßt. Geheimrat Israel sprach namens des preußische Kultusministcriuinv. Ministerialrat Tr. Kaisenberg im Namen des Rcichsministerinms, Miiristerialrat D. I ö h l i n g e r namens des preußischen Finanzrninisteriunis. Als Berichterstatter in der Trage der Bildung des preußischen GemeindebnndeS hielt der Shndikus der Berliner jüdischen Gemeinde Tr. Z r e u n d eine längere Rede, in ivelchcr er den durch ihn ansgearbeiteten Entwurf der Statuten des künftigen GemeindebnndeS erläuterte und znr Annahme empfahl. Nachdem mehrere Vertreter der einzelnen Geineinden kürzere Ansprachen hielten, trat der Vorsitzende des deutsche israelitischen Gemcindebundes Professor K a l i s ch e r mit längeren Aussührnngen hervor, in ivclchen er die Bildung des jüdischen Gemeindebundes in Preußen als einen T odesstoß gegen die Idee der Vereinigung aller jüdischen Geindinden Deutschlands erklärte. „Meine Tage sind gezählt", jagte Professor Kalischer, „ich möchte aber zm» letzte» Male die W a r n u » g ausspreche», daß die Vereinigung der deutschen Juden nicht zerstört lverden soll." Nach Beendignstg der Debatte beschloß die Konferen; die Gründung deS Bundes der jüdischen Genteinde» Preußens. Ter Vertreter des preußischen Zinanzniini fterittins erklärte, das Minisleriuni wolle die ,Trage der Lubvknlioniernng des neuen Bundes ans Ltaatsinitiel» schon für das Eiaisjahr 1022/2:! in Betracht ziehen. Amerika. Nrut,ork. Ter soeben abgeschlossene Kongreß der aine rit.inijchen Inden hat in seiner letzten Litznng Rahbinei Tr. Stephan Wise beansiragl. sich mit dem Komitee der jüdischen Delegationen in Paris ivcgen dc'r Einberusnug eines jüdisckie» Weltkongresses in Verbindung zu setzen. Reuhork. (I. E. B.) Am 17. Juni ist Tr. Lteplia» §. Wise nach Europa abgereist. Tr. Wise wird sich zunächst nach Paris begeben. Hierauf wird er England, T e n t i ä> l a » d, Polen und Palästina besuchen.

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