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Jüdischer Bote vom Rhein · 1922-06-30 · 161 (30.6.1922) · p. Seite 202

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Journal
Jüdischer Bote vom Rhein
Volume
4 (1922)
Issue
161 (30.6.1922)
Date
1922-06-30
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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SOS ' Die höchsten Ideale -er Menschheit) «L, l£s ist flanj seltsam mit der menschlichen Sprache: Je höher wir sic ehren, umso mehr betrügt sie uns, je tiefer, niedriger und ordinärer wir sic gebrauchen, umso mehr beglückt sic uns mit ihrer Wahrheit. Der ganze literarische Raturalismus beruht aus diesem schwermütigen Paradox. Roch heute sindcn selbst große Schauspieler erst dann den wahren Ton jür ihre Schillcrschcn Verse, wenn ihnen der Spielleiter das Pathos des Knaben Start ins Berlinische übersetzte. Ja, nirgends bedient sich der Mensch mehr des hohlen, aufgeblasenen Klischees in seiner Rede als gerade in seinen feierlichsten Augenblicken. Das ist ebenso traurig wie wahr. Ein solches Klischee sind zum Beispiel „die höchsten ideale der Menschheit", von denen in Festreden, Predigten, Wcihcsprüchcn so viel die Rede ist. Ja, man kann sie sogar beinahe ein jüdisches Klischee nennen. Seit Mendelssohn hat der Jude, versteht sich, der jüdische Bürgers- . mann, immer gewaltig für die höchsten Ideale der Mensch-, heit geschwärmt. Viel mehr als irgendein Idealist aus dem christlichen Lager. Was er sich freilich darunter gedacht hat, ist mir nie recht klar geworden. Aber schön gev klungen hat cs und schön klingt es noch heute, und was sich so wunderschön ankört, ganz schlecht kann es doch nicht sein. Ich möchte doch behaupten, daß es etwas ganz Schlechtes ist. Schlecht ist zunächst das Allgemeine daran, datz matz nämlich wagt, das Höchste, das man zu meinen behauptet, mit einem abgebrauchten Klischee wiederzugcbcn, mit schäbiger Scheidemünze zu zahlen, wo das echte Eiold der Hcrzcnssprachc allein am Platze wäre. Sodann aber ist dem Schreiber dieser Zeilen immer ausgefallen, datz im Besonderen der Jude, wenn er an die höchsten Ideale der Menschheit appelliert,, fast immer damit sein Judentum zu übcrtrumpscn wähnt. Sic müsien ihm immer nur als Entschuldigung hcrhaltcn, datz er nicht mehr so ganz ein Jude sei. Sic sind ihm ebenso faule Ausrede, wie sic ihm Selbstbetrug sind. Er nebelt sich ein in den Morphiumrausch der höchsten Ideale der Menschheit, weil er nicht sehen will, wie er immer schneller und schneller dem Nichts cntgegcntrcibt, das jenseits des Jüdischen liegt, das cr längst verlassen hat: Es gibt ja noch mehr, noch Höheres als Judentum, cs gibt ja die höchsten Ideale der Menschheit! Armes Judentum, wie bist du heruntergekommen und wie degradieren sic dich täglich, stündlich aufs Reue! Du hast in den Augen dieser Blinden mit den höchsten Idealen der Menschheit nichts mehr zu tun. Vergiß es nicht, du kleines Iudcntümchcn, cs gibt noch etwas über dir, und ist cs iikbt das Christentum, ist es nicht Schiller und Goethe und vor allem, um Gottcswillen, nicht zu vcrgesien, der weise Ratkan, so sind es doch die höchsten Ideale der Menschheit! Juden, Menschen, wacht aus! Entweder sind Judentum und Thora für uns die höchsten Ideale der Menschheit selbst, oder sic sind nichts mehr wert und wir sollten sie je srüber desto besser wie alte abgetragene Kleider verkaufen und uns nach neuen Idealen umsehcn. Gottlob, datz es noch Stellen gibt, wo man aussprcchen und ausrufen darf: Es gibt keine höchsten Ideale der Menschheit neben, über oder auch nur außerhalb des Judentums. Das Iudentuin ist alles, am Sinai, als der Berg erbebte vom rollenden Donner des Gotleswortcs, stürzte die Menschheit. die ganze Menschheit, in das Herz eines einzigen Volkes, und datz cs geschah, war dieses Volkes Erwählung vor Gott und der Welt. Die höchsten Ideale der Menschheit! Run einmal heraus mit der Sprache! Was ist das? Gerechtigkeit? Siche die Tbora! Liebe? Siebe sie noch einmal und die Pro- An unsere Leser! > Der „Jüdische Bote vom Rhein" tritt mit Nr. 102 das driuc Vierteljahr seines 4. Jahrganges an. Wir rich len an unsere Leser, ivelche das Blatt durch die Post beziehe», die Bitie, die Bestellung für das dritte Vierteljahr jchnellsteus, falls noch nicht geschehen. zu erneuern, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleidet. Diejenigen Bezieher, welche die Zeitung direkt voy uns erhalten, bekommen dieselbe ohne besondere Erneuerung fortlaufend zugejandl. Durch die fortwährende Erhöhung alter llnkosten waren wir gezwungen, den AbonnementSprcis auf 15 Mark pro Monat zu erhöhen. Wir bitten unsere Leser höflichst, den Betrag von 45 Mark für das nächste Quartal umgehend auf unser Postscheckkonto Köln Nr. 74 747, Botcnverlag, G. in. b. H., Köln, zu überweisen. Nach Ablauf eines Monats ivcrden wir uns erlauben, die nock) nicht eingezahlten Abonnementsgelder durch Nachnahme zu erheben. Die Expedition. pheten dazu! Völkersrühling und ewiger Friede? Was sollen die Fragen? Wohin wir greisen in die Flut der hohen, großen und gütigen Dinge, da ballt sich die bewegte Welle zu lebendigem Judentum. Haben wir es nötig, noch darüber hinaus zu kommen? Wer das will, hinauskommen mag er wohl, ja, er kommt sogar sicher hinaus, aber eher drunter als drüber. Der Adel unseres priesterlichen Seins verlangt, daß uns Judentum ein und alles sei, und daß wir das Beste, was es sonst auf Erden gibt, in ihm suchen und nicht eher ruhen, als bis wir es gefunden haben in ihm. Ja, die höchsten Ideale der Menschheit stecken samt und sonders mitten im Judentum drin, denn täten sie es nicht, was wäre dann noch Judentum? Jeder Kiddusch, jede Brocho, jeder Tallis sind nichts als ein Ausdruck dieser höchsten Ideale. Daß die Welt es noch nicht sehen will, was tuts? Einst kommt doch der Tag, da wird von Zion die Lehre ausgehen und das Wort Gottes von Jerusalem. Emil Cohn. , Wochenschau Deutschland. Berlin. Nach amtlicher Miltcilung wurde am 24. Juni, vormiltags, Minister R a t h c n a u, kürz nachdem er seine Villa im Grunewaid verlassen hatte, um sich ins Ausivärtigc Amt zu begeben, erschösse »°, er blieb sofort tot. ' Der Täler fuhr im Auto neben Ralhcna», sauste nach vollbrachter Tal weiter und konnte entkoinmen. Berlin. Ans Grund der vom Reichspräsidenten erlassenen Verordnung sowie auf Veranlassung der Berliner politischen Polizei sollen heute zwei antisemitische Blätter, die in ihrer letzten Nummer Schmähartikel zum Morde Rathenaus brachten, verboten iverden. Es handelt sich um die beiden Blätter Deutsche Fackel und Deutsches Tageblatt. Letzteres wird von dem deutschnationale» Abg. Reinhold Wulle herausgegede». Berlin. (F. (i. B.) Das vor einiger Zeit unter der Mitarbeiterschaft des Schriftstellers Earl RoSner (der ein Fude ist) erschienene Meinoirenbnch des früheren deutschen Kronprinzen wird in einem Teil der rechtsstehenden bcutichen Presse wegen der darin niedcrgelegten liberalen Anschauungen sehr kritisiert-. Besonders nehmen die antisemiti'ch gerichteten Zeitungen »n der Stelle Anstos;, in welcher der ehemalige Kronprinz aussührt. es fontine nicht danxuf an. ob einer Ehrist oder Fude, sondern ob cr ein guter Deutscher sei. Die „Alldeutschen Blätter" bemerken hierzu: „Es ist schmerzlich, ans diese Art erfahren zu müssen, das; der geivejenc Thronerbe, der sich giltst zu völkischer Anschauung lvknnnte. sich zu einer Auffassung zurückentwickelt, die den einfachsten Erkenntnissen der Rassenlehre widerspricht."

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