Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 158 (9.6.1922)
- Date
- 1922-06-09
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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179 Oie Boientasche Die Speisegesetze im Lichte der Medizin. Die „Presse Medicale", die bekannteste medizinische Zeitschrift Frankreichs durckte in ihrer Nr. 104 vom 28. 7. 21, folgenden interessanten Bericht aus den „Archives medio chirurgiales de Normandie" vom Oktober 1920 unter dem Titel „Die Fleischbeschau bei den Israeliten" ab, dessen Uebersetzung wir hier wiedergeben: Seit vielen Jahren hat Prof. Loir sich mit der Frage der Fleischbeschau beschäftigt. Seine Tätigkeit, besonders die als Direktor des Pasteurschen Institutes in Tunis, hat ihm erlaubt, sich genau mit der Art und Weise zu befassen, wie die Israeliten die Fleischbeschau vornehmen. Er war überrascht zu sehen, welche Sorgfalt und zu gleicher Zeit welchen hygienischen s Erfolg die Achtung vor dem mosaischen Gesetz in den Fragen der Fleischversorgung birgt. Dementsprechend widerseht er sich den Anschauungen eines großen (!) Juden. Salomon Reinach, der ums Jahr 1903 seinen Glaubensbrüdern geraten hatte, „die Kluft, die in dieser Hinsicht die Juden von den übrigen religiösen Bekenntnissen trenne, zu beseitigen". Sowohl für das Verbot, das Fleisch gewisser Tierarten zu genießen und für die Art, das Vieh durch Durchfchncidung der großen Halsgefäße zu töten, als für die Methode, sich von der Gesundheit des Tieres zu überzeugen, findet Prof. Loir nur Worte des Lobes. Er gäbe gerne den Israeliten im Namen der modernen Hygiene den Rat, auch in Zukunft den so vernünftigen Vorschriften ihrer Religion zu folgen. Die Vorschriften des mosaischen Gesetzes sind dank ihres religiösen Charakters von Geschlecht zu Geschlecht übermitelt worden und werden zum großen Vorteil des iüdischen Volkes weitervererbt. Die Frage ist wohl angebracht, sagt Prof. Loir, ob in zwanzig Jahrhunderten, nach der Entwicklung, die wir Fortschritt nennen, noch ein Monument wie die jüdische Ueberlieferung da sein wird, um unseren Nachkommen die Spuren unserer heutigen Wissenschaft zu übermitteln, werden unsere Bücher noch cxistieren und haben sie die Lebenskraft einer Religion? Der Sabbat in Warschau. Gcdaljah Bublik schreibt in der New-Porker „Iewish Gazetten" in der Schilderung seiner Europarcise: Zum erstenmal seit Jahrzehnten habe ich in Warschau gesehen, wie eine jüdische Stadt den Sabbat empfängt, allein diesem Augenblick zulieb sollte der amerikanische Jude nach Europa fahren. Er dürfte sich dann auch davon überzeugen, daß das Fundament des jüdischen Lebens nicht in der neuen Welt mit ihrem Tumult und Wirrwarr, sondern in den jüdischen Städten Osteuropas liegt, wo noch der Sabbat seine Herrschaft ausübt. Freitag nachmittag eilt alles, um den Sabbat vorzubereiten. Ueberall werden die Läden und Lager geschlossen, kein einziges Geschäft, keine einzige Werkstätte bleibt geöffnet. Die Trambahnen fahren fast leer. Jetzt füllen sich die Gasten mit sabbatlich gekleideten Juden, die, ihre Kinder an der Hand, zum Beten gehen. Es ist mit einem Mal sttll und ruhig geworden. Die „Schechinah" und „Keduschah" hat sich auf die Zelte Jakobs niedergelastcn. Geht man am Sabbat in Amerika in eine Synagoge, fühlt man nichts von dem Sabbatgeiste. Schon die Tatfache, daß die Synagoge zwischen offenen jüdischen Läden steht, zwischen lauter Wochentätigkeit, hemmt die Sabbatstimmung. Anders eine Synagoge in Warschau. Ueberall Sabbat! Draußen und drinnen, auf allen Gegenständen und auf allen Menschen! Solange noch ein solches Warschau lebt, ist das jüdische Volk noch nicht verloren, solange kann auch noch ein New-Vork von dem „Sechus" Warschaus, von seiner jüdischen Wärme und seinem jüdischen Licht leben! Außerhalb der jüdischen Viertel in Marschau, i» den glänzenden, breiten Geschäftsstraßen gibt cs wohl auch schon jüdische Geschäftsinhaber, die nicht mehr den Sabbat heiligen. Und in manchen Häusern, wo äußerlich der Sabbat noch gewahrt wird, ist die Sabbatserligkcit auch schon unterhöhlt. Besonders in der Jugend läßt die Treue zur alten Iüdischkcit häufig viel zu wünschen übrig. Doch das alles ändert nichttz an dem überwältigenden jüdischen Gesamtcharakter der Warschauer Iudcnkcit. Wo Licht ist, muß auch Schatten sein. Doch hier sind nur einzelne unjüdisch, die Gesamtheit ist aber jüdisch, während im Westen cs sich leider umgekehrt verhält. --— N Die gute Gottesleugnung. Rabbi Mosche Leib sprach: Es gibt keine Eigenschaft und keine Kraft am Men schen, die umsonst geschaffen wäre. Und auch alle niederen und verworfenen Eigeschaften haben eine Erhebung zum Dienste Gottes. So etwa der Hochmut: wenn er erhoben wird, wandelt er sich zu einem hohen Mut in den Wegen , Gottes. Aber wozu mag wohl die G o t t e s l e u g n u n g 'geschaffen sein? Auch sie hat ihre Erhebung in der hilfreichen Tat. Denn wenn einer zu dir kommt und von dir Hilfe fordert, dann ist es nicht an dir, ihm mit frommeia Munde zu empfehlen: „Habe Vertrauen und wirf deine Not auf Gott", sondern dann sollst du handeln, als wäre da kein Gott, sondern aus der ganzen Welt nur einer, der diesem Menschen helfen kann, du allein. kAus dem Buche von Marlin Bubcr: Der grobe Maggid und seine Nachfolge.) Der schlaue Profestor. Jedermann kennt die gut Anekdote von dem Herrn Barchseld, der sich den Besuch bei einem berühmten Arzt verbilligen wollte. Dem Barchfeld hatte man nämlich gesagt: der erste Besuch kostet zwanzig Mark, jeder folgende aber nur 10 Mark. Infolgedessen hatte der Patient sich schon beim ersten Besuch wie ein alter Bekannter eingcführt, nämlich mit den Worten: Herr Professor, da bin ich wieder! Diese Geschichte hatte aber eine Fortsetzung, die bis heute nicht bekannt geworden ist. Sic sei deshalb verraten: Der Herr Professor untersuchte den Patienten aufs genaueste, ließ sich alle Enmptome seines Leidens bcfchrei den, befühlte den Puls, besah die Zunge, behorchte den Brustkasten und gab alsdann sein medizinisches Gutachten ab: N „Also, mein Herr, nehmen Sic nur ruhig dieselbe Arznei weiter, die ich Ihnen bei Ihrem c r st e n Besuch verschrieben habe!" Kollision. „Haben Eie schon von dem Eisenbahnunglück gekörl „Nein, wo denn?" „In Posen, zwischen Pinne und Meseritz." „Was ist denn da passiert?" „Da ist am Freitag abend ein Kurierzug abgclasscn worden, der Zug fährt mit einer rasenden Gcschwindig-, feit, immer schneller, immer schneller..." „Nun, und?" „Und da ist er in den Schabbes hincingefakren!" Vier Silben. „Ich will Ihnen ein Rätsel aufgeben. — Sic verstehen doch Deutsch?" „Ioi, cch verstcih schon." „Also: wie kann man ein Ei unter zwei Personen teilen, ohne es zu öffnen odcrzuzer brechen?" „Wues is dus: O dderzu tze r?" r