Jüdischer Bote vom Rhein
- Journal
- Jüdischer Bote vom Rhein
- Volume
- 4 (1922)
- Issue
- 156 (26.5.1922)
- Date
- 1922-05-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHER BOTE «rschrtot je»« Aeett»,. «ez,,r Prei« 7 M. »»»atlich. Z» »»ziehe» »>rch sämtlich« P,ßii»ttrr »»er d»rch »r» vetnweruiz. t» >,,». VOM RHEIN Jüdisohes Volksblatt \ »»ietze»peet»: UVJ.f8rkittx4&mm breite Zeile. Die Seite »«faßt 380 Zelle». P»ßsch»<t,»t» v»te»- •tnai » ». H.,««»«». 74747 Herauägegebrn von Rabbiner vr. (kmil Lohn, Sonn. - Schrifileliung und Gefchästzstelle: Sonn. Srübergoffe ,2. - Telefon 2958. Slnzelgenverkeler für Köln: Sgidiu« Müller, Köln, Hohenzollernrlng 571. - Te efon 8 9,«s. Kummer 156 ASkn. 26. Mai 1922. — 28 Izcrr 5682 4. Jahrgang. Vom Hemde, das uns naher ist als der Rock. Man hört heute so viel vom Hemde reden, das uns näher sein soll als der Rock, daß es sich wirklich verlohnt, sich dieses Hemd einmal näher anzusehen. Im empfehle, nur zwei Fingerspitzen zu benutzen, um es von der Erde aufzuheben, denn es starrt von Schmutz. Wahrlich, niemals hat die menschliche Niedertracht sich in vollerer Blüte gqeigt, als in dem Augenblicke, als sie sich zu der unverschämten Lüge verflieg, das; das Hemd näher sei als der Rock. Da drüben überm Markt wohnt eine arme Familie: Was gehts mich an? Das Hemd ist mir näher als der Rock. Eine Stunde weiter in der andern Stadt wütete eine Feuersbrunst, Obdachlose rufen um Hilfe: Ja, wenn ich nur das bewusste Hemd nicht anhätte! Im fernen Osten schreien die Waisenkinder unserer erschlagenen Brüder in der Ukraine: Auch hier gibts Elend, sagt mir mein Hemd. Weit, weit im Morgenlande schlägt das erwachende Palästina nach tausendjährigem Zauberschlafe sein gläubiges Auge auf und wartet auf die Bausteine, die von allen Enden der Erde kommen sollen, um das alte Heiligtum wieder aufzurichten: Ei was, das Hemd ist mir näher als der Rock! — Wirklich? Ich glaube, dieses Wort des sacro egoismo ist nur eine Kulisse, wie eben die menschliche Gemeinheit sie sich gerne wählt, um aus solchem Verstecke auf die Leute zu schieben. Für den guten Menschen ist der Rock mindestens so nah wie das Hemd, wenn nicht noch näher, und wer meint, dab es anders sei, der soll mir erst ehrlich die Frage beantworten, ob er jemals durch die Löcher eines zcrrisienen Rockes ein blütenweijsts Hemd gesehen? Ich höre aus solchem Worte nichts als die Ablehnung des hartgesottenen Herzens heraus, das nur für dcq eigenen Leib sorgen will, aber schon für das Hemd keine Sorge und Liebe mehr aufzubringen vermag. In allen Fragen des Opferns, Wohltuns und Gebens waltet dasselbe Gesetz, das wir auch^ die menschliche Arbeit regeln sehen. Je mehr einer arbeitet, um so mehr Zeit hat er, je fauler er ist, um so weniger kommt er vor lauter Getue nicht zum Tun: „Moische, was läufst? — Man soll meinen, ich arbeit'!" Auch dieses Laufen ist nur eine Dragierung des Mübiggangs, Genau so, wie das nähere Hemd nur der Faltenwurf des Geizes, der Hartherzigkeit, der Gemeinheit ist. Je mehr dagegen einer sich um den Rock kümmert, um so mehr gewöhnlich auch um das Hemd. Je weiter der Gute sein Herz aussendet, um gut zu tun, um so mehr tut er es auch in dev Nähe. Oben hui und unten pfui gilt höchstens bei den Protzen, die mit ihrem Gelbe in der Tasche klingern und es in weiten Bogen allen sichtbar über den Markt zu werfen pflegen. Ein Herz aber, ein lebendig schlagendes Herz, das Hilst ebenso nah wie fern, und je mehr es gibt, um so mehr hat es zum Geben. I Die alte jüdische Zedokoh hat keinen Unterschied zwischen Hemd und Rock gekannt, die Linke hat nicht gesehen, was' die Rechte gab, gegeben aber musste sein. Möge doch jeder, der diese Zeilen liest, zu seinem Teile beitragen, dab in dieser bösen und schrecklichen Zeit, wo die Rot des gegenwärtigen Tages die Rot des vergangenen überschreit und jeder Tag sein Opscr, seine Gabe, sein williges Herz verlangt, jeder Tag verlangt, dab wir nicht nur geben, sondern auch uns w c h t u n , wenn und indem wir geben, dab dieser Geist der alten Zedokoh lebendig bleibe für alle Zeit. Denn c r allein ist der jüdische Geist. Emil Cohn. Wochenschau ' Deutschland. Berlin. Am l l. April fand in Berlin die Berlrelcr- Versammlung des „A rbeilerfürsorgeamtesder jüdischen Organisationen Deutschlands" statt. Rach Eröffnung der Tagung durch den Vorsitzenden, Herrn Dr. Siegfried M o s e s, erstattete der Generalsekretär, Herr Alfred Berger, den Bericht über die Arbeit des vergangenen Jahres, sowie über die Lage der Ostjuden in Deutschland. Aus dem umfangreichen Bericht, der starkes Interesse fand, seien hier mir die Zahlen erwähnt, > die von dem Umfang des Hilsswcrks des Arbeitcrfürsorgcamtcs eine gewisse Vorstellung geben. Im Flüchtlingvhcim in der Wicsenstrabe zu Berlin wurden im Jahre I!>21 104 000 Betten ausgcgebcn. In Berlin allein wurden 17.', 000 Ebportionen verteilt. Die Zahl der durch das Arbeiterfürsorgeamt behandelten Pasi-Angelegenheiten usw. im Jahre-1021 beträgt 17 2(10. Der Umfang des Geschä'ftsvcrkchrs wird durch die Zahl der aus- und ringegongcncn Briefe in Höhe von 22 .'102 gekennzeichnet. Insgesamt wurden durch das Arbeiterfürsorgeamt im vergangenen Jahre ca. 0,.', Millionen Mark für Fürsorgezwcckc vereinnahmt und verausgabt. Diese auszerordentlich Hoheit Summen sind zu einem groben Teil der Hilsc unserer ausländischen Freunde zu verdanken. Insbesondere der I o i n t, dessen Direktor Dr. Bernhard SX a f) ii dem Arbeitersürsorgeamt immer besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge widmete, hat sich mit auszcrordcntlichcn Summen beteiligt. Aber auch andere Institutionen, wie z. B. die I c a , haben sich mit gröberen einmaligen Spenden am Hilsswcrk in Deutsch laut» beteiligt. Doch auch die Deutsche Iudenheit Kat zu diesem Hilsswcrk erhebliche Lummen bcigctragcn. Rur der opferwilligen Zusammenarbeit aller Kreise war cs möglich, das Erreichte zu leisten. \ Berlin. Auf die von uns schon kürzlich erwähnte kleine Anfrage der Dcutschnationalen über die Zusammensetzung der deutschen Gcnuadclcgation erwiderte seitens der Rei'chsrcgicrung Gesandter von M n I i u s, dab